Home
http://www.faz.net/-gpg-cm4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Spiekeroog und die Finanzkrise Im Strudel der Heckwelle

Die Finanzkrise hat die Welt verändert. Im großen Ganzen ist das eindeutig. Aber wie ist es im Kleinen? Das verrät eine Reise zur ostfriesischen Insel Spiekeroog, die vom Finanzdrama um Reeder Niels Stolberg betroffen ist.

© dpa Vergrößern Ostfriesische Insel Spiekeroog: Als echter Insulaner gilt, wer dort geboren wurde - alle anderen sind nur „Spiekerooger”

„Angst vor der Zeit mit Stolberg hatte ich nie“, sagt Bürgermeister Bernd Fiegenheim. „Nur vor der Zeit nach ihm.“ Er sitzt in seinem Amtszimmer in dem kleinen backsteinernen Rathaus unter einem Foto von Johannes Rau. „Das Bild hängt da nicht, weil wir vergessen hätten, es abzunehmen“, sagt Fiegenheim - damit hier niemand denkt, man lebe auf der Insel hinterm Mond. Rau war Ehrenbürger Spiekeroogs. Er verbrachte hier regelmäßig seinen Urlaub im Ferienhaus der Familie seiner Frau am Dünenrand. Das Bild von Rau ist eine Erinnerung an die ruhigen Zeiten der Bundesrepublik.

Uta Rasche Folgen:    

Mit Niels Stolberg begann die Zeit danach. Wer den Namen hier nennt, ist nicht mehr auf der Insel, sondern im Sturm der Finanzwelt. Zuletzt kamen - Jahr für Jahr - vierhunderttausend Euro allein dadurch in die Dorfkasse, dass Niels Stolberg eine Vermögensverwaltungsgesellschaft auf der Insel angemeldet hatte. Jetzt ist dieser Stolberg pleite. Die Kasse ist leer.

Mehr zum Thema

Die 800 Einwohner des Dorfes bekommen die Folgen der Weltwirtschaftskrise wie eine Heckwelle zu spüren. Stolbergs Reederei Beluga, einst Weltmarktführer in der Schwergutschifffahrt und Quelle seines schnell angehäuften Reichtums, befindet sich in Auflösung. Als im Jahr 2009 die Auslastung der Schiffe, die Beluga auf Kredit und mit dem Geld geschlossener Fonds kaufte, zurückging, musste die Reederei die Charterraten senken. Die Firma hatte aber schon weitere Schiffe in China bestellt. Die wollte nun niemand mehr finanzieren. Das Geschäft war eine Wette auf die Zukunft - doch die ging nicht auf. Mitte 2010 verkaufte Stolberg in der Not dem amerikanischen Finanzinvestor Oaktree 37,5 Prozent der Reederei. Anfang 2011 schoss Oaktree noch einmal Geld nach und stockte seine Anteile auf 49,5 Prozent auf. 130 Millionen Euro sollen insgesamt geflossen sein.

Stolberg © dapd Vergrößern Bankrott: Niels Stolberg am 16. März in Bremen nach sechs Stunden Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft

Betrug und Bilanzfälschung?

Doch schnell war das Tischtuch zwischen dem Gründer und den neuen Miteigentümern zerschnitten. Im März mussten Stolberg und führende Beluga-Mitarbeiter die schicke Firmenzentrale am Bremer Teerhof räumen. Oaktree wirft ihm vor, im großen Stil Zahlen manipuliert zu haben, um das Unternehmen vor dem Einstieg des Investors so gesund wie möglich aussehen zu lassen. Seit dem Jahr 2009 sollen Umsätze im dreistelligen Millionenbereich falsch ausgewiesen worden sein. Von Betrug ist die Rede, von Bilanzfälschung. Im schlimmsten Fall muss Stolberg ins Gefängnis.

Stolberg steht das Wasser bis zum Hals. Anfang Juni hat das Amtsgericht Bremen das Insolvenzverfahren über eine Reihe von Unternehmen der Beluga-Gruppe eröffnet. Auch privat hat der Sohn eines Kapitäns aus Brake an der Weser Insolvenz angemeldet, ebenso für die meisten seiner Betriebe und Gesellschaften auf Spiekeroog, wo er in den vergangenen zehn Jahren im großen Stil in Ferienimmobilien investiert hat. Sein Privatvermögen ist gesperrt; seine Villa in Bad Zwischenahn wird in Kürze verkauft. Tiefer konnte Stolberg nicht fallen.

Der Wirtschaftsingenieur mit Kapitänspatent ist seit Wochen für Journalisten unerreichbar. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wollte er sich erst nur schriftlich äußern. Schließlich ließ er sich doch zu einem Telefonat bewegen. „Oaktree in mein Unternehmen zu lassen war der größte Fehler, den ich je machen konnte“, sagt er. Zum Vorwurf der Bilanzfälschung schweigt er. „Wenn man schon auf der Schlachtbank liegt, will man nicht noch durch das Feuer geschoben werden.“ Jahrelang ging es für ihn steil bergauf, hantierte er mit Millionen; jetzt kann er nicht einmal mehr Geld abheben. „Ich habe 15 Jahre lang eine sehr erfolgreiche Reederei aufgebaut“, sagt Stolberg. „Nun kämpfe ich wie David gegen Goliath ums nackte Überleben.“ Er ist überzeugt, dass Oaktree seine Firma absichtlich in die Insolvenz getrieben habe, und sieht sich als Opfer einer Heuschrecke.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Besitz für Reiche Die Griechen verkaufen 20 Inseln

In der Eurokrise forderten deutsche Politiker, dass Griechenland seine Inseln verkauft. Jetzt hat Griechenland seinen Haushalt ausgeglichen - aber 20 Inseln stehen zum Verkauf. Alles begann mit einer 25-jährigen Millionärin. Mehr

12.12.2014, 15:16 Uhr | Wirtschaft
Ebola-Fall auf Kreuzfahrtschiff Kreuzfahrt-Passagier in Ebola-Quarantäne

Auf der Carnival Magic sitzt eine möglicherweise Ebola-infizierte Passagierin in ihrer Kabine. Niemand will sie an Land lassen, das Schiff darf in Mexiko nicht mal anlegen. Die Urlauber an Bord lassen sich den Appetit dadurch nicht verderben.Die Reederei Carnival erklärte, sie sei vom US-Außenministerium darüber informiert worden, dass eine Person an Bord dem Virus ausgesetzt gewesen sein könnte. Mehr

18.10.2014, 12:04 Uhr | Gesellschaft
400.000 Euro Schadenersatz Gemeinderat stimmt Vergleich nach Amoklauf von Winnenden zu

Ursprünglich hatte die Stadt Winnenden mehr als fünf Millionen Euro Schadenersatz von den Eltern des Amokläufers von Winnenden gefordert. Nun stimmte der Gemeinderat jedoch einem Vergleich zu, der mit deutlich weniger Geld auskommt. Mehr

17.12.2014, 09:14 Uhr | Gesellschaft
Mexiko Demonstranten stecken Rathaus in Brand

Nach dem Verschwinden von 43 Studenten in Iguala protestierten zahlreiche Demonstranten am Rathaus. Verdächtigt wird auch der Bürgermeister selbst. Mehr

23.10.2014, 11:04 Uhr | Gesellschaft
Mordprozess gegen Pfleger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen weitere Klinikmitarbeiter

Der Krankenpfleger Niels H. soll über mehrere Jahre hinweg Patienten getötet haben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen acht seiner früheren Kollegen. Sie sollen von den Taten gewusst haben. Mehr

09.12.2014, 13:21 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.07.2011, 14:52 Uhr