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SPD-Wahlkampf Schmidt und Brandt in einer Person

17.08.2005 ·  Die SPD ist wieder optimistisch. „Die Dinge kommen in Bewegung“, glaubt Parteichef Müntefering. Derweil arbeitet ein gutgelaunter Kanzler bei seinen Wahlkampfauftritten in Ostdeutschland an seinem Geschichtsbild als Reformkanzler.

Von Peter Carstens, Jena
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„Ein Ende kann ein Anfang sein!“ singt Roland Kaiser auf der SPD-Tribüne. Zwei schlanke Chordamen lächeln in die Kamera, die das Bühnenereignis zu einer Leinwand transportiert.

Der Sänger, seit Jahrzehnten ein bekannter Schnulzenschnitzer und seit 2002 auch SPD-Mitglied, wirft sich gemeinsam mit dem Kanzler in den Wahlkampf und singt Schlager: „Ich glaub', es geht schon wieder los!“ oder „Alles, was Du willst, liegt in Deinen Händen!“ heißt es in den Liebesliedern, die Herr Kaiser vorträgt.

Da kann sich im Wahlkampf jeder denken, was er will. Die Journalisten, die den Bundeskanzler an diesem Abend nach Jena begleiten, nehmen es natürlich politisch und basteln später mit den Kaiser-Liedern ihre Texte.

„SPD. Vertrauen in Deutschland“

Nach Kaisers Gesang zeigt die SPD einen Film. An dessen Anfang behauptet Angela Merkel, nie sei es Deutschland so schlechtgegangen wie heute. Nie? Schlecht? Heute? - Vier Minuten lang zeigt die SPD daraufhin herrliche Landschaften, tolle Laboratorien, fröhliche Menschen und erfrischende Zahlen über Deutschland. Die Frustrierten, die Miesmacher und Bilanzverdreher, das sind die anderen, so lautet die Botschaft des Films. Die SPD kann es besser: „SPD. Vertrauen in Deutschland“.

Und jetzt kommt auch noch der Bundeskanzler. Schröder betritt den Jenaer Markt von links, läuft grüßend und winkend durch die Reihen derer, die nach Durchsuchung und Augenschein in das innere Karree vor der Tribüne durften. Ein paar tausend andere Jenaer stehen in dichten Reihen bis in die Seitenstraßen des kleinen Platzes und formieren sich so zu einer kleinen Überraschung des Wahlkampfes.

„Der Wahlkampf macht Spaß“

Denn daß so viele kommen würden, um Gerhard Schröder zu hören, hat bei der SPD Staunen bewirkt. Manche haben mit Eiern und Tomaten gerechnet. Statt dessen in Dresden wie in Jena jede Menge interessierter Zuhörer. Am Spätnachmittag in Dresden waren es achttausend gewesen, beinahe so viele wie bei der Wahlkampferöffnung am vergangenen Samstag in Schröders Heimatstadt Hannover.

Schon seit Tagen verkündet der Vorsitzende Müntefering, daß die Leute an den Ständen der Sozialdemokraten nicht mehr vorbeigingen wie noch vor ein paar Wochen, sondern bereit seien, sich anzuhören, was die Wahlkämpfer der Regierungspartei zu sagen haben. „Der Wahlkampf macht Spaß“, behauptet Müntefering, „die Dinge kommen in Bewegung.“ Es träfen, so hätten die Wahlforscher berechnet, fast die Hälfte aller Wähler ihre Entscheidung erst kurz vor dem Wahltag.

Vor den Zahlen kommt die Stimmung

„Wir hängen ziemlich tief“, hatte Müntefering noch Anfang August gesagt, und daran hat sich jedenfalls nach den demoskopischen Daten nicht viel geändert. Doch vor den Zahlen kommt in Wahlkämpfen die Stimmung.

Und hier hat die Union fast planmäßig dafür gesorgt, daß eine am Boden zerstörte Sozialdemokratie, der schon Zerfall, Nachfolgekämpfe, Linksaufweichung und andere Krankheiten diagnostiziert worden waren, sich hochrappelt und in den Wahlkampf zieht. Inzwischen erhellt der Glauben, man könne doch gewinnen, eine Art Wunder vollbringen, die Gesichter junger Wahlhelfer.

Beim Wort „Iran“ klatscht der ganze Marktplatz

Schröder jedenfalls läßt bei seinen ersten Auftritten keinen Zweifel daran aufkommen, daß er weitermachen will. Er als Kanzler, Fischer als Außenminister. Fünfundzwanzig Minuten lang hämmert der Bundeskanzler eine schnurgerade Wahlkampfrede vom Podium herab, belächelt staatsmännisch das Bemühen der Opposition, den fast sicheren Sieg zu verschenken, wirbt um Vertrauen für eine Fortsetzung seiner Politik und gibt sich besorgt.

Ob es der Konkurrentin gelingen könnte, „die mittlere Macht“ Deutschland in den Stürmen der Weltpolitik auf Kurs zu halten, auf Friedenskurs? Frieden gibt es eigentlich nur mit der SPD, so etwa hatte es per Videoeinspielung ein sehr fülliger Fernsehschauspieler formuliert, der sich für die SPD engagiert.

Der Mann legt nahe, daß Deutschland mit der CDU vor drei Jahren wohl in den Irak-Krieg gezogen wäre. Ob das Quatsch ist oder nicht, damit muß Schröder sich in seiner Rede nicht befassen. Er braucht nur zart die Friedens-SPD zu erwähnen, das Wort „Iran“ zu flüstern, schon klatscht der ganze Marktplatz.

„Deutsche Außenpolitik wird in Berlin gemacht!“

Aber ja doch, „friedenswillig“, das seien auch die Konservativen, das wolle er ihnen nicht absprechen, ruft Schröder, nun schon etwas lauter in den hereindämmernden Abend über der Universitätsstadt: „Aber sind sie auch hartnäckig und standfest genug, um in jeder Situation friedensfähig zu sein - das müssen sie am 18. September selbst entscheiden!“

Andere liefen weg oder paßten sich an, an wen gerade Mode sei, sich anzupassen. Er, Schröder, habe die Aufgabe gehabt, Deutschland in der Außenpolitik neu zu positionieren, und: „Deutsche Außenpolitik wird in Berlin gemacht und nirgendwo anders!“

Schröder: Klare Grenzen zum „rechten Sumpf“

Zu seinen Worten wird in Dresden und Jena aus den hinteren Reihen ein wenig gepfiffen, besonders dann, wenn der Kanzler von „Solidarität“ oder „Sozialstaat“ spricht. Einige „Frustrierte“ sind gekommen, auch ein paar Neonazis mit Bierbechern und Trillerpfeifen.

Sie sind Schröder gerade recht, ein guter Wahlauftritt braucht unbedingt nützliche Störer, denen man zurufen kann: „Hört doch mal zu, Pfeifen kann jeder Dumme“ oder „Ihr bekommt Halsschmerzen von Eurem Gebrüll, das macht mir Sorgen, denn das treibt dann wieder die Kosten im Gesundheitswesen hoch!“

Und dann warnt er vor einer „obskuren Zusammenarbeit zwischen ganz links und ganz rechts“ und meint damit, wie jeder weiß, den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Lafontaine. Man müsse, so fordert der Kanzler, klare Grenzen ziehen zum „rechten Sumpf“.

SPD-Wahlkampfmotoren laufen wie geschmiert

Auf die Empfindlichkeiten derer, die in Dresden und Jena vor ihm stehen, reagiert Schröder mit wenigen Worten. Äußerungen zu Ansichten des bayerischen Ministerpräsidenten halten Schröder nicht lange auf, sein Vorredner Platzeck hatte Stoiber schon einen „alten Ajatollah aus München“ genannt. Schröder ergänzt: Stoiber „spaltet, statt zusammenzuführen. Wer das eigene Lager nicht zusammenführen kann, darf nicht regieren!“

Den Zusammenhalt im eigenen Lager, den jedenfalls scheint die SPD bei sich geschafft zu haben. Die Wahlkampfmotoren der Partei laufen wie geschmiert, die Kritiker und Vertrauensverweigerer des Frühsommers schweigen, die Partei arbeitet für ihren Kandidaten und steht derzeit ganz offenbar hinter ihm, so aussichtsklein die Sache auch sei.

Wohlwissend, daß die Serie der Fehltritte und Mißgriffe der Opposition irgendwann ein Ende haben mag, daß eigener Unsinn die Aufholjagd behindern könnte wie etwa das Altherrengerede einiger Kabinettsmitglieder von einer großen Koalition oder das freundliche Herüberwinken des Rot-Rot regierenden Bürgermeisters von Berlin, Wowereit, zur Nachfolgepartei der SED-Nachfolgepartei PDS.

Weltökonom und Friedenspolitiker

Solche Einbrüche politischer Realität in die Wunschwelten von Schröder, Müntefering und der SPD-Kampagnenzentrale erinnern daran, daß in Jena, Dresden oder Bielefeld ein Kanzler durch die Lande reist, dessen Ablösung mehr als bloß wahrscheinlich ist, dessen Partei ihm nicht mehr traute, dem vieles kaum und allerlei gar nichts mehr gelungen war.

Die Reforme der „Agenda 2010“ sollen fortgesetzt werden, das kündigt Schröder bei seinen Reden an. Er klingt dabei nicht, als ob er bereit wäre, an einer Linkswanderung der Partei teilzunehmen. Schröder hat sich spät, aber dann doch für einen Erneuerungskurs entschieden, als dessen politischer Repräsentant er nun Zeitgeschichte schreibt. Darum, so vernimmt man bei seiner Reise durch das Land, gehe es dem SPD-Politiker: Der gelungene Abgang sei sein Ziel. Gut gelaunt in den Ruhestand.

Kämpfend fertigt Schröder seine Bilanz, arbeitet am Bild eines deutschen Kanzlers, der das Land in der globalisierten Wirtschaft zu Reformen brachte, die es schon vor fünfzehn Jahren gebraucht hätte. Ein Kanzler, der Deutschland den Frieden bewahrte. Kurzum: Ein Weltökonom und Friedenspolitiker, Schmidt und Brandt in einer Person - das scheint sein Idealbild zu sein. Dafür hat er seinen Einsatz fast verdoppelt. 2002 trat Schröder bei sechzig Veranstaltungen auf, diesmal sind mehr als einhundert Termine mit ihm geplant.

Fröhlich und schlagfertig

Den stolpernden Wahlkampfauftakt der Konkurrenz verfolgt Schröder mit Vergnügen und Schadenfreude. Wenn er es nicht schaffen würde, sein Amt zu verteidigen, so bleibt die Aussicht, daß eine Regierung unter Angela Merkel zumindest anfangs Schwierigkeiten haben könnte, daß die Union fortsetzen werde, was sie auf so staunenswerte Weise während der vergangenen Tage hervorgebracht hat. Dann werde man sich vielleicht wünschen, den früheren Kanzler noch zu haben, wenn man ihn schon nicht wiedergewählt hat.

Und so geht Schröder nach seiner Rede in ein Jenaer Hotel, sitzt hemdsärmelig zu Tische mit seinen Getreuen und einigen Journalisten, trinkt Wasser, beantwortet fröhlich und schlagfertig Fragen, und wenn ihm jemand sagt, daß seine Reise doch eine Abschiedstour sei und er das doch eigentlich wissen müsse, dann lacht er bloß.

Quelle: F.A.Z., 17.08.2005, Nr. 190 / Seite 3
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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