20.09.2004 · Nach einem an absurden Wendungen nicht armen Landtagswahlabend ist die Lage der sächsischen SPD gewiß am absurdesten: Trotz ihres historischen Tiefs dürfte sie nach 14 Jahren Opposition bald an der Regierung beteiligt sein.
Von Reiner BurgerNach einem an absurden Wendungen nicht armen Landtagswahlabend ist die Lage der sächsischen SPD gewiß am absurdesten. Im Freistaat, wo die Sozialdemokratie einst ihren Ausgang nahm und wo sie Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ihre größten Triumphe feierte, ist die SPD von einem ohnehin schon historischen Tief auf ein noch historischeres Tief gesunken. Denn am Sonntag unterbot die SPD im einst roten Königreich Sachsen ihren Wert von 1999 (10,7 Prozent) noch einmal um 0,9 Prozentpunkte und rutschte damit sogar in die Einstelligkeit ab.
Dennoch dürfte sie nach 14 Jahren Opposition nun bald an der Regierung beteiligt sein. Die vom Wähler herb abgewatschte CDU braucht einen Koalitionspartner. Sah es am Sonntag noch lange danach aus, als würde es auch für eine "bürgerliche Koalition" mit der nach zehn Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder in den Landtag eingezogenen FDP reichen, schrumpfte das Ergebnis der Union im Laufe des Abends immer weiter zusammen - schließlich waren es nur noch 41,1 Prozent. Somit kommen FDP und CDU gemeinsam nur auf 62 Mandate und verfehlen damit die absolute Mehrheit um einen Sitz.
Koalitionsangebot an CDU
Der große Wahlverlierer Milbradt hat damit auch sein letztes bißchen Verhandlungsspielraum verloren und ist nun darauf angewiesen, daß eine Koalition der Verlierer zustande kommt. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Jurk will, wie er sagt, zu seiner Verantwortung stehen und unterbreitete der CDU ein Koalitionsangebot. Auch dies ist eine ironische Wendung der jüngsten Entwicklung der sächsischen Sozialdemokratie. Denn über Monate hinweg stritten die Genossen im Freistaat erbittert über ihren Kurs.
Während Jurk stets eher jenem Flügel zuneigte, der sich zur PDS hin öffnen wollte, lehnten die vormalige Landesvorsitzende Constanze Krehl und die ihr nahestehenden sächsischen Bundestagsabgeordneten Schwanitz, Weißgerber und Thalheim dies strikt ab und favorisierten für den Fall der Fälle ein Zusammengehen mit der CDU. Erst Ende Juni kulminierte der Konflikt in der faktischen Abwahl der Landesvorsitzenden Krehl auf dem Listenparteitag der SPD in Döbeln und ihrem Rücktritt am Tag danach. Seitdem ist Jurk kommissarischer Vorsitzender der sächsischen Sozialdemokraten.
Seltene Sorte der Arbeiter-Politiker
Ob der 42 Jahre alte Vater von zwei erwachsenen Kindern auch Minister werden würde, ist noch nicht geklärt. Das hat vor allem damit zu tun, daß sich die Fraktion schwertäte, einen neuen Vorsitzenden zu finden. Der gelernte Funkmechaniker Jurk aus dem Lausitz-Dorf Weißkeißel an der Grenze zu Polen führt die Fraktion seit fünf Jahren. Zuvor war Jurk, der seit 1990 dem sächsischen Landtag angehört, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und finanzpolitischer sowie agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion.
Seine politische Sozialisation erfuhr Jurk, wie er von sich selbst sagt, durch Helmut Schmidt. Um in seiner abgelegenen Heimat West-Radio und Fernsehen empfangen zu können, stellte er in den achtziger Jahren einen selbstgebauten 19 Meter hohen Antennenmast in seinem Hof auf. Im Wendeherbst 1989 suchte er umgehend Kontakt zu den Gründern der ostdeutschen SPD, die damals noch SDP hieß.
Jurk gehört zur heute seltenen Sorte der Arbeiter-Politiker. Die Sorgen und Nöte der von den Arbeitsmarktreformen Betroffenen sind ihm aus dem eigenen Umfeld bestens bekannt. Um so schwerer könnten hohe Erwartungen an eine mögliche Regierungspartei SPD auf Jurk lasten.