Die Delegierten haben nun schon fast zehn Minuten geklatscht und gejubelt, eigentlich scheint es Peer Steinbrück zu reichen. Gerade war er von der Bühne hinabgestiegen, hatte sich zu Helmut Schmidt hinuntergebeugt, allen Altvorderen gedankt - Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Egon Bahr und Erhard Eppler - und war zurück zu seinem Platz gelaufen. Nun setzt er sich wieder neben Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier und deutet mit seinen Händen an, dass der Parteitag es ihm doch nun gleichtun möge. Natürlich hatte die Regie dafür gesorgt, dass dies nicht geschieht. Nach einigen Sekunden erhebt Steinbrück sich wieder, tänzelt abermals in Richtung Rednerpult, das am Ende einer Art Laufsteg steht, der ins das Publikum der Arena reicht. Steinbrück faltet nun die Hände zu Fäusten und deutet einen Schlag an. Er hat es hinter sich.
Es war ein langer, zuweilen mühsamer Weg bis dahin, am Sonntag in der Messehalle in Hannover. Fast zwei Stunden hatte er geredet - und seinen größten Lacher erzielt, als er nach anderthalb Stunden sagte, nach der kurzen Einleitung komme er nun zum Hauptteil. So leitete er freilich sein Finale ein: Die SPD sei und bleibe eine „Wir-Partei“, Ziel sei eine gerechtere, von Gemeinsinn und Gemeinwohl geprägte Gesellschaft. „Vertrauen wir uns selbst, dann werden auch andere uns Vertrauen schenken“, rief er. Das Signal von Hannover heiße „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“. Das war der Schlusstusch, kurz zuvor hatte er noch einmal seine Vortragshonorare erwähnt, die Wackersteine in seinem Gepäck gewesen seien und die er den Genossen auf die Schulter gelegt habe. Wieder dankte er für die Solidarität, wieder zeigte er sich gerührt.
Steinbrück und seine Leute hatten in den vergangenen Tagen hin und her überlegt, ob er das leidige Thema, das er einfach nicht abschütteln kann, gleich zu Beginn oder am Ende seiner Rede ansprechen sollte. Er entschied sich für einige wenige Sätze am Ende. Und doch muss er nach ein paar Minuten hinnehmen, dass andere das Thema für ihn an seinen Redeanfang setzen. Ein Greenpeace-Aktivist hat von hinten die Kulisse erklommen und lässt ein Transparent vor den magentafarbenden Hintergrund fallen: „Genug Kohle gescheffelt“ steht darauf. Auch hinten in der Halle halten zwei Leute nun das Banner hoch. Steinbrück bemerkt die Unruhe im Publikum, dreht sich kurz um, und klammert sich eisern an sein Redemanuskript. Der Zufall will, dass der Kandidat an dieser Stelle gerade Otto Wels’ Reichstagsrede von 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz zitiert: Die Ehre, die könne man den Sozialdemokraten nicht nehmen. Steinbrücks Kopf läuft rot an. Am Vorabend noch, auf dem Vorwärts-Fest, hatte er gesagt, er sei nicht angespannt, fühle sich „gut begleitet“.
Es dauert danach einige Zeit, bis Steinbrück sich warm redet. Das liegt weniger an der Störung, als daran, dass ein halbes Dutzend Leute an der Rede entweder mitgeschrieben oder sie redigiert haben, zudem Kommentare und Korrekturvorschläge überbrachten. Auf 34 Seiten wurde ein philosophisch-programmatisches Konzept des Kanzlerkandidaten entworfen, sehr ernsthaft, viele kluge Köpfe zitierend von Lao Tse bis Michael Sandel, aber nur selten leidenschaftlich. Die Klatschmaschine SPD funktioniert von Beginn an, doch so laut der Applaus auch ist, die Gesichter der klatschenden Delegierten sind ernst.
„Ein ganzer Regierungswechsel“
Nach 15 Minuten gelingt es dem Redner, das Publikum aus der Routine zu locken, da hat er gerade gesagt, er wolle keinen halben, sondern einen ganzen Regierungswechsel, er wolle Rot-Grün. Nun malt er eines seiner Bilder: Er spricht über das „gesellschaftliche Gebäude“ und sagt, in den Penthousewohnungen könne man auf Dauer nur gut leben, wenn auch in den mittleren Etagen Hausfrieden herrsche und man es aus dem Untergeschoss nach oben schaffen könne.
Echte Überraschungen gibt es nicht, eher erwartete Konkretisierungen der Themen, die Steinbrück seit einiger Zeit austestet. Er redet nämlich von Penthousewohnungen nicht nur im übertragenen Sinn, sondern von den Mietpreissteigerungen, die es vielen Leuten unmöglich machten in Städten wie Hamburg oder München zu leben. Die Delegierten kennen das schon, heute bekommen sie als Bonbon die Ankündigung, er werde als Bundeskanzler einen „Nationalen Aktionsplan Wohnen und Stadtentwicklung“ in Gang setzen.
Mit der Rede will Steinbrück auch sein Image als kopflastiger Schnellredner korrigieren. Mehrmals streut er persönliche Anekdoten ein. So erzählt er die Geschichte seiner Mutter, die in der Nazi-Zeit für eine Weile in Dänemark und Schweden lebte, dort wunderbare Freizügigkeit erfahren habe, nach dem Krieg in Deutschland Hutmacherin werde wollte, doch feststellen musste, dass in Westdeutschland das Rollenmodell der Alleinverdienerehe gelebt wurde. Steinbrück benutzt die Anekdote, um zu erläutern, warum er das Ehegattensplitting reformieren möchte. Er ist nun auf seinem alten Feld, der Steuerpolitik unterwegs, doch - den Punkt will er machen - dies sei in Wirklichkeit Gesellschaftspolitik, ja Frauenpolitik. Und auch hier wirft er Bonbons ins Publikum: In seinem Kanzleramt werde eine Staatsministerin für Gleichstellung zuständig sein. Nun wird beim Klatschen auch mal gelächelt.
Steinbrück hatte auf dem Fest am Vorabend ein Zirkusbild gemalt: Morgen werde die Manege eröffnet, Dompteur sei „nach Lage der Dinge“ Sigmar Gabriel, er selbst der Trapezkünstler, und dann gebe es noch andere Tierbändiger. Der Dompteur hatte in seiner vergleichsweise kurzen Rede den Vorsitzenden einer SPD gegeben, die das „soziale Kompetenzzentrum“ in Deutschland sein solle.
Gabriels Ansprache war in weiten Teilen nicht nur eine Rechtfertigung für die Nominierung dieses Kandidaten, sondern auch eine Begründung für die Paarung Gabriel/Steinbrück: „Gerade weil Peer Steinbrück öffentlich nicht zuallererst als Sozialpolitiker wahrgenommen wird, gerade weil ihm viele Menschen zutrauen, die richtigen wirtschaftlichen Entscheidungen zutreffen, ist er für uns der richtige Kanzlerkandidat.“ So erfuhren die Delegierten eben nicht nur, warum sie Steinbrück wählen sollten, sondern auch, warum es ganz gut ist, dass es neben dem Kandidaten noch den Vorsitzenden gibt.
Als das Ergebnis verkündet wird, gratulieren Gabriel und Frank-Walter Steinmeier dem Kanzlerkandidaten gleichzeitig - und schütteln ihm beide Hände. Stephan Weil, der Spitzenkandidat in der niedersächsischen Landtagwahl, hat soeben vermeldet: 93,45 Prozent für den Kandidaten, so viel wie Schröder 1998, etwas weniger als Steinmeier 2005. Es gibt unehrlichere Ergebnisse. Steinbrück erhebt sich, setzt ein Lächeln auf die Lippen und lässt sich von Weil einen Strauß Nelken übergeben, den er sodann seiner Frau in der ersten Reihe überreicht. Die Kamerateams belagern die Familie, es kommt zu einem fürchterlichen Gedrängel. Frau und Kinder lächeln tapfer.
Was bleibt von einem solchen Tag, außer dem Gefühl, es hinter sich gebracht zu haben? Hannelore Kraft hatte die Stimmung in der Partei wohl am besten beschrieben. Die stellvertretende Parteivorsitzende nahm das Parteitagsmotto „Miteinander für Deutschland“ auf und sagte mit leiser Ironie, man habe sich am zweiten Advent „im Kreise der Lieben“ versammelt, dann presste sie ihre Lippen zusammen. Seit’ an Seit’ stehen die SPD und ihr Kanzlerkandidat, setzen ein Lächeln auf, das nicht befreit wirken kann, weil sie gleichzeitig die Zähne zusammenbeißen.
Falls ich den wählen sollte
maik ness (killgro)
- 10.12.2012, 20:48 Uhr
Keine Überraschungen?
Sascha W. (Sovngarde)
- 10.12.2012, 00:11 Uhr
Ganz selten
Gerhard Katz (spital8katz)
- 09.12.2012, 18:47 Uhr