Ebbe hammas! Das ist Hessisch und heißt so viel wie: Jetzt ist’s geschafft. Habemus Papam. Oder auch: Es reicht. Und so hat denn auch endlich die SPD ihren Kanzlerkandidaten gekreißt. Monatelang hat dieses Thema wie kein zweites Menschen und Mächte bewegt, jetzt schaut die Welt auf diesen Mann, auf Steinbrück. Der Sturm steht auf, das Volk bricht los.
Naja, nicht wirklich. Man kann Not nicht in Tugend umlabern. Was sich die Sozialdemokraten, die wenigen, die überhaupt beteiligt waren, bei ihrer Kandidatenkür schönreden, das war in Wirklichkeit ein für die SPD quälendes, würdeloses und arrogantes Auswahlverfahren - wobei schon der Begriff „Verfahren“ viel zu hoch gegriffen ist. Denn ein Verfahren war es gerade nicht, sondern Mauschelei. Hinterzimmerpolitik in einer Herrenrunde.
Die Öffentlichkeit soll dieses monatelange Gegurke brennend interessiert haben? Wer’s glaubt. Und selbst wenn: wirkte es nicht viel eher abstoßend als anziehend? Dann die Behauptung, man dürfe nicht zu früh aus der Deckung kommen, ein Kandidat werde sonst verschlissen: Stimmt das wirklich? Wenn er schon die Kandidatur nicht durchhält, kann man ihm dann die Kanzlerschaft zutrauen? Schließlich: die Troika und immer wieder die Troika. Da ist sie nun schon zum dritten Mal, so ein Dreigespann soll was ganz Tolles sein. Funktioniert hat es nie: nicht mit Brandt, Schmidt und Wehner, nicht mit Scharping, Lafontaine und Schröder. Wem will die SPD wieder und wieder weismachen, dass man Leute, die einander eifersüchtig belauern, einfach so vor einen Karren spannen kann?
Und wer soll mit solchen Plattitüden, zum Teil sind es auch schlichte Unwahrheiten, eigentlich zugedröhnt werden? Die Wähler, um die man werben will? Die Medien? Am ehesten doch wohl die eigenen Genossen. Das scheint zu funktionieren. Denn es ist schon erstaunlich, was die Partei sich bieten lässt. Allein, dass der Mann, der ihr Kandidat sein, für den sie in den Wahlkampf ziehen soll, vor Monaten schon zum Kandidaten ausgerufen wurde - in „Zeit“ und „Spiegel“, die ja nun in der Parteisatzung immer noch nicht vorkommen, und dann noch gesalbt von einem greisen Altkanzler, den die Partei nach seinem eigenen Abgang noch in der Luft zerrissen hatte. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte. Und womit wir beim Knackpunkt angelangt sind. Die Sache ist nämlich nicht nur peinlich für die SPD, sondern auch gefährlich.
Zugegeben: die Wahrscheinlichkeit ist derzeit recht gering, dass Steinbrück wirklich Kanzler wird. Das gehört sicher mit zu den Kalkülen von zwei Dritteln der Herrenrunde. Aber es kann ja auch schiefgehen, und Steinbrück könnte doch Kanzler werden. Was dann?
Die SPD traut sich selbst nicht
Selbst wenn man mögliche Rechnungen Gabriels und Steinmeiers, die sowieso nur sie selbst kennen, außer Acht lässt: das Verkaufsargument für Steinbrück ist das übliche, durchweg und fast seit Jahrzehnten von der SPD praktizierte. Nämlich, dass man einen Mann ins Rennen schickt, den die Partei selbst eher erträgt als trägt, der mit ihr und mit dem sie fremdelt, dem sie nicht und der auch ihr nicht besonders vertraut - aber den die Wähler mutmaßlich lieber mögen, als es die Genossen tun. So war das bei Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier; und so ist es jetzt bei Steinbrück auch.
Was bedeutet das, naturbelassen? Ganz einfach, dass die deutsche Sozialdemokratie Politiker, die ihr aus dem Herzen sprechen, auf dem Kanzler-Arbeitsmarkt für nicht vermittelbar hält. Dass sie sich selbst nicht traut. Sonst würde sie sich diese Art Kandidatenkabale nicht gefallen lassen. Schon letztes Mal hat die Partei ohnmächtig dabei zugesehen, dass ein endlich wieder bei den Genossen weithin beliebter, integrativer Vorsitzender, nämlich Kurt Beck, einfach abgeschossen wurde. Weil im Wesentlichen drei Parteigranden und ein paar Großjournalisten das so wollten - und mit dem Wahlergebnis von sage und schreibe 23 Prozent.
(Zwischenfrage: Wo ist eigentlich Andrea Nahles?)
Doch, wie gesagt, noch schlimmer wird es für die SPD, wenn’s klappt, wenn so einer Kanzler wird. Denn der macht dann eine Politik, die sie eigentlich nicht will. Und dabei geht es früher oder später an die Substanz. Sowohl die Kanzlerschaft Helmut Schmidts als auch die Gerhard Schröders haben die SPD in Zerreißproben geführt, die faktisch mit einer Spaltung endeten: Erst entstanden die Grünen, später die vereinigte Linkspartei. In beiden Fällen litt die Sozialdemokratie lange an den Folgen, ihr wurde die Zerstrittenheit eingraviert.
Warum kann sie nicht einfach mit dem antreten, der in der Partei das höchste Ansehen genießt? Normalerweise ist das der oder die Parteivorsitzende, schließlich wird diese Person gewählt und nicht erklüngelt. Wenn sie ins Rennen geht, dann wissen beide, Wähler und Partei: Was draufsteht, ist auch drin. Zum letzten Mal hat das bei Willy Brandt geklappt. Nicht auf Anhieb, aber trotzdem. Das waren nicht die schlechtesten Jahre der deutschen Sozialdemokratie.
Kanzlerkandidaten werden immer vor Wahlen nominiert,
Gustav Lebeding (Lebeding)
- 01.10.2012, 11:13 Uhr
Herrenrunde
Petra Herfert (kglh)
- 01.10.2012, 08:29 Uhr
So ist es!
Max Bernard (maxbernard)
- 01.10.2012, 04:18 Uhr
Merkelkopie?
Gottfried Stockinger (gottfried01)
- 30.09.2012, 17:55 Uhr
Wunderbarer Artikel!
Dieter Zorn (Zoernheim)
- 30.09.2012, 17:22 Uhr