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Die SPD und die Frauen : „Die ganze Denke war machomäßig“

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Noch-Parteichef Martin Schulz (links), Vielleicht-Bald-Parteichefin Andrea Nahles und Parteivize Olaf Scholz beim SPD-Parteitag im Dezember Bild: dpa

Fast 155 Jahre hat es gedauert, bis die SPD eine Frau an ihre Spitze lässt. Dabei war sie nie eine Partei nur für Männer. Warum also hat es so viel Zeit benötigt?

          „Es ist sichtbar, dass sie jünger und weiblicher ist als ich.“ Das waren die Worte des scheidenden Parteichefs Martin Schulz, als er Andrea Nahles als Nachfolgerin präsentierte. Auch wenn der Widerstand gegen die Hinterzimmer-Politik dieser Nominierung wächst und Nahles noch einen Parteitag zu überstehen hat, steuern die Sozialdemokraten auf eine Premiere zu: Zum ersten Mal in ihrer fast 155-jährigen Geschichte könnte eine Frau den SPD-Vorsitz übernehmen. „Es ist allerhöchste Zeit“, sagt Elke Ferner, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Sogar die CDU war schneller: Merkel ist seit 2000 Parteichefin.

          Dabei war die SPD nie eine Partei nur für Männer. Als eine der ersten setzte sie sich für das Frauenwahlrecht ein. Schon 1891 forderte sie im Erfurter Programm das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“. Die erste Frau, die in einem deutschen Parlament sprach, war Sozialdemokratin: Marie Juchacz. Zwei der sogenannten „Mütter des Grundgesetzes“ kamen aus der SPD: Elisabeth Selbert und Friederike Nadig. Sie handelten 1948 neben mehr als 60 Männern im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aus und setzten gegen Widerstand – auch aus der eigenen Partei – die Aufnahme von Artikel 3 Absatz 2 durch. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die SPD stellte auch die erste Bundestagspräsidentin. Annemarie Renger übernahm das Amt 1972, obwohl es auch in ihrer Fraktion Bedenken gab. Als sie es nach der Bundestagswahl an die überlegene CDU abgeben musste, sagte sie: „Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte. Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann!“ Renger war zu der Zeit die bekannteste Politikerin in Deutschland.

          Warum also hat das mit dem Parteivorsitz so lange gedauert? Fragt man Elke Ferner, seufzt sie tief. „Ich verstehe das eigentlich auch nicht“, sagt sie dann. „An den Frauen lag es bestimmt nicht.“ Die SPD hat 1987 eine Quote eingeführt, mittlerweile müssen mindestens 40 Prozent der Kandidaten auf den Wahllisten für alle Parlamente und in den SPD-Gremien weiblich sein. Die Mindestquote wird laut Ferner eingehalten, nur die Spitzen sind ein Problem. Nicht einmal jeder SPD-Landesverband hatte schon eine Chefin, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen beispielsweise wurden bislang nur von Männern geführt. Nachdem Louise Schröder 1947 kommisarisch Oberbürgermeisterin von Berlin war, dauerte es fast 50 Jahre, bis mit Heide Simonis die erste Sozialdemokratin an der Spitze eines Flächenlandes stand. Und auch im Bundestag hat erst im September vergangenen Jahres eine Frau die Führung übernommen, und zwar Andrea Nahles. „Die Quoten wirken sich nur langsam auf die Führung aus“, sagt Ferner. „Wir hätten damals nie gedacht, dass das 30 Jahre dauert.“

          Schröder und das ganze Gedöns

          Die Gründe dafür dürften vielfältig sein. Historisch betrachtet war – und ist – Politik immer stark durch Männer-Netzwerke beeinflusst. In der Schröder-Ära etwa waren Frauen in der Regierung zwar deutlich vertreten – von den 13 Ministerien im zweiten Kabinett Schröder hatten sechs eine Chefin. „Die ganze Denke war aber machomäßig“, sagt Ferner. Das zeigt nicht nur Schröders Bezeichnung von Familien- und Frauenpolitik als „Gedöns“. Die Schröder-Jahre waren vor allem Jahre starker vermeintlicher Männer-Freundschaften, die jedoch Zweckbündnisse auf dem Weg nach oben waren: Schröder, Lafontaine, Scharping. Hinzu kommt: Führungsstrukturen sind hierarchisch aufgebaut. Und gerade in den unteren Ebenen, in Ortsvereinen etwa, machen mehr Männer als Frauen Politik. Nur etwa ein Drittel der SPD-Mitglieder ist weiblich. Auf dem Parteitag im Dezember hat die SPD daher beschlossen, Doppelspitzen in Ortsvereinen zu erproben – in der Hoffnung, dass sich dadurch mehr Frauen engagieren. Denn gemeinsame Leitung bedeutet geteilte Arbeit. Und geteilte Arbeit erleichtert es, Job, Familie und Ehrenamt zusammenzubringen.

          Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen eine Frau an der Parteispitze hat. „Wir sind deswegen keine andere SPD. Die Grundwerte bleiben die gleichen“, sagt Ferner. „Aber Frauen führen anders.“ Mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer stellt die SPD aktuell zudem zwei Ministerpräsidentinnen. Politisch wollen sich die Sozialdemokratinnen unter anderem auf Parität in den Parlamenten, mehr Frauen in Führungspositionen – insbesondere in der Privatwirtschaft –, Entgeltgleichheit und den alltäglichen Sexismus konzentrieren. „Hoffen wir mal, dass wir schneller vorankommen als in den vergangenen Jahren“, sagt Ferner.

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