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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sozialstruktur des neuen Parlaments Männlich, mittleren Alters, Beamter

 ·  Woher kommen die Abgeordneten? Die Berufspolitiker stellen die größte Gruppe im 16. Deutschen Bundestag. Die Beamten machen ein Drittel aus, 195 sind Frauen. Die Gesellschaft wird in der Sozialstruktur des neuen Parlaments beileibe nicht „eins zu eins“ widergespiegelt.

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Philipp Mißfelder ist 26 Jahre alt, hat nach dem Abitur ein Jahr bei der Bundeswehr gedient und studiert derzeit in Berlin Geschichte. Seit dem 18. September ist er dank seiner Plazierung auf der nordrhein-westfälischen Landesliste der CDU Bundestagsabgeordneter.

Der Nachwuchspolitiker aus dem Ruhrgebiet paßt zum sozialstrukturellen Trend der deutschen Parlamentarier: Der angehende Akademiker, der noch keinen Beruf erlernt und ausgeübt hat, aber schon Bundesvorsitzender der Schülerunion war und seit dem Jahr 2002 Bundesvorsitzender der Jungen Union ist, gehört zur Gruppe der Berufspolitiker, der größten Berufsgruppe im 16. Deutschen Bundestag.

Ein Drittel Beamte

Der Großteil dieser Gruppe besteht indes aus Parlamentariern mit legislativem oder exekutivem Hintergrund - sei es aus den Kommunen, den Ländern oder des Bundes. 346 von 614 Abgeordneten sind es im neuen Bundestag nach einer Statistik des Bundeswahleiters - 56 Prozent. 118 von ihnen sind Frauen. Ihre genaue Bezeichnung „Abgeordnete, administrativ entscheidende Berufe“ macht deutlich, daß unter ihnen zahlreiche Beamte sind. Sie machen etwa ein Drittel des Parlaments aus.

Zu den 346 Berufspolitikern sind acht weitere zu zählen, die in der Statistik geführt werden als Abgeordnete „ohne nähere Tätigkeitsangabe“ beziehungsweise „mit (noch) nicht bestimmten Beruf“. Zu letzteren gehören wohl auch Studenten der Geschichtswissenschaft.

Gesellschaft wird nicht „eins zu eins“ widergespiegelt

Die Liste der Berufspolitiker ließe sich noch verlängern. Blickt man etwa in die Abgeordnetengruppe der Berufsangehörigen aus dem „Rechts- und Vollstreckungswesen“, so befinden sich unter den 58 Vertretern vor allem Rechtsanwälte - unter anderen auch solche, die zwar ihre Zulassung als Anwalt erhalten haben, die aber nie vor Gericht praktiziert haben und deren Name in vielen Fällen allenfalls das Türschild einer womöglich illustren Sozietät schmückt.

Eine idealistische Repräsentationsvorstellung geht davon aus, daß das Parlament die Gesellschaft „eins zu eins“ widerspiegelt - geschlechtsgemäß, konfessionell sowie in bezug auf Bildungshintergrund und Berufsgruppen. Der Blick in den 16. Deutschen Bundestag spiegelt indes ein anderes Bild wider - ein Bild, das gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnimmt: Ganze drei Landwirte sitzen im Bundestag - allesamt für die CDU. Bergleute gibt es ebensowenig wie etwa Vertreter des einst stolzen Druckerberufs. In der Metallerzeugung und -verarbeitung sowie im Maschinenbau waren vier Abgeordnete tätig. Seelsorger gibt es drei, Abgeordnete aus „künstlerischen Berufen“ keine.

25 Lehrer, 16 Unternehmer

Das oft beklagte Mißverhältnis zwischen Lehrern und Unternehmern bestätigt sich nur eingeschränkt. Zwar gibt es im neuen Bundestag tatsächlich nur 16 Abgeordnete mit „Berufen in der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung“, aber von 614 Parlamentariern sind auch nur 25 Lehrer, neun von ihnen Frauen. Ein genauerer Blick in die Gruppe der Unternehmer fördert interessante Erkenntnisse zutage: Der FDP-Fraktion, die auf 61 Mitglieder angewachsen ist, gehören sechs Unternehmer an, der Linkspartei (54) immerhin einer. Grüne und CSU-Landesgruppe stellen keinen einzigen, die CDU sieben, die SPD zwei. Die Verfechter der ordoliberalen Lehre sind heute nicht nur in den Volksparteien eher Anwälte als Selbständige.

Das sah in der Geschichte der Bundesrepublik schon einmal anders aus: Dem 1. Deutschen Bundestag (1949 bis 1953) gehörten immerhin 19,8 Prozent Selbständige und „nur“ 22,2 Prozent Beamte an. Der Anteil der Selbständigen wuchs dann zunächst, erreichte in der 3. Wahlperiode (1957 bis 1961) einen Anteil von 24,7 Prozent und fiel dann im Laufe der Jahrzehnte stetig ab. Der Anteil der Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst stieg derweil von rund 26 Prozent 1949 auf rund 42 Prozent.

Nicht der Resonanzboden jeglicher Moden

Wie viele Abgeordnete Mitglieder in Arbeitnehmerorganisationen sind, ist für den 16. Deutschen Bundestag noch nicht ausgewertet: Im alten Bundestag betrug der Anteil der Mitglieder einer der Einzelgewerkschaften des DGB 35 Prozent. Das heißt freilich nicht, daß die Mandatsträger Weisungen aus der Gewerkschaftszentrale erhalten, sondern lediglich - und das gilt vor allem für SPD und Vertreter der Sozialausschüsse der Union - in den Arbeitnehmerorganisationen gesellschaftlich verankert sind.

Der Blick auf die Altersstruktur zeigt, daß das Parlament nicht der Resonanzboden jeglicher Moden ist. Jugendkult hin oder her - demographisch läßt sich seit 1949 eher Kontinuität feststellen: Das Durchschnittsalter im 16. Deutschen Bundestag beträgt 49,28 Jahre. In der 1. Wahlperiode lag er bei genau 50 Jahren. Der bisher jüngste Bundestag war derjenige der 7. Wahlperiode (1972-1976), also nach der „Willy-Wahl“, als die SPD unter Bundeskanzler Willy Brandt erstmals stärkste Fraktion wurde und zahlreichen Vertretern der damaligen „Neuen Linken“ zum Sprung ins Parlament verhalf.

Geringe Alterspannne

Insgesamt zeigte sich in früheren Wahlperioden, daß weibliche Abgeordnete im Durchschnitt rund drei Jahre jünger waren als ihre männlichen Kollegen. In dieser Hinsicht deutet sich eine Annäherung an. Im 16. Deutschen Bundestag sind die Männer durchschnittlich nur noch eineinhalb Jahre älter als die Frauen.

Die Altersspanne zwischen den Fraktionen ist äußerst gering: Die CSU-Abgeordneten stellen mit einem Durchschnittsalter von 50,78 Jahren die älteste Gruppe, die mit der CDU (Durchschnittsalter: 49,41 Jahre) eine Fraktionsgemeinschaft bildet. Das Durchschnittsalter der Sozialdemokraten beträgt 50,22 Jahre, der FDP 47,54, der Linken 48,44 und der Grünen 46,29 Jahre. Fazit: Die FDP, die in den neunziger (1994 bis 1998) Jahren noch die älteste Bundestagsfraktion stellte, hat sich inzwischen erfolgreich verjüngt. Die Grünen wiederum, die in der gleichen Wahlperiode noch über ein Durchschnittsalter von 41,7 Jahren verfügten, haben sich auch in dieser Hinsicht „normalisiert“.

So weiblich wie nie zuvor

Der Anteil der weiblichen Bundestagsabgeordneten beträgt mit 195 Mandaten 32 Prozent - es ist der bislang höchste Stand. 1949 waren es nur 6,8 Prozent. Das war nicht gleichsam der Tiefpunkt. Der war in den vermeintlich progressiven siebziger Jahren erreicht: 1972 bis 1976 waren nur 5,8 Prozent der Abgeordneten weiblich.

Seit der Wahlperiode 1987 bis 1990 steigt der Anteil der Parlamentarierinnen in Sprüngen von rund fünf Prozentpunkten. Im neuen Bundestag stellen die Grünen wieder die weiblichste Fraktion mit 29 von 51, gefolgt von der Linkspartei mit 26 von 54 Abgeordneten. Die männlichste Gruppe im Parlament stellt die CSU mit einem Frauenanteil von 15 Prozent. Auch die CDU-Parlamentarier haben nur einen Frauenanteil von 21 Prozent, die FDP von 25 Prozent. Die SPD-Fraktion weist mit 36 Prozent einen leicht überdurchschnittlichen Anteil auf.

Wenige Konfessionslose

Angaben über die Konfessionszugehörigkeit der 614 Abgeordneten liegen noch nicht vor. Ein Blick in den 15. Deutschen Bundestag zeigt, daß Aussagen über den Zusammenhang Parlament und Religion generell kompliziert sind, da es sich um freiwillige Angaben handelt und fast 30 Prozent der Abgeordneten es vorzogen, keine zu machen. Da sich in dieser Rubrik nicht ausschließlich Konfessionslose verbergen, sind Rückschlüsse schwierig. Als konfessionslos bezeichnen sich nur 1,8 Prozent der Abgeordneten - im Vergleich zu 23,9 Prozent der Gesamtbevölkerung, wie der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst für das Jahr 2003 ermittelte.

Der Neuparlamentarier Mißfelder (römisch-katholisch) liegt - wenn er es denn auf rund sechs Legislaturperioden bringt - ganz im derzeitigen soziologischen Durchschnitt. Der könnte sich freilich in den nächsten 25 Jahren weiter verändert haben.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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