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Eine neue Art von Wahlkampf : Vorwahlen bald auch in Deutschland?

Profiteur des Vorwahl-Trends: François Fillon, der Kandidat der französische Konservativen für die Präsidentenwahl Bild: AFP

In Amerika gibt es schon lange „Primaries“. Jetzt haben sich offene Vorwahlen auch in Frankreich etabliert. Mit ihnen zeigt sich Demokratie von ihrer unberechenbaren Seite.

          Wenn nicht Parteien das letzte Wort über ihre Spitzenkandidaten haben, sondern alle Bürger, kann alles Mögliche geschehen. Zum Beispiel kann ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden. Oder ein Reality-TV-Star, der im echten Leben mehrfach Insolvenz anmelden musste.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Primary“ nennen die Amerikaner solche Abstimmungen, offene Vorwahlen. Es gibt sie nun auch in Europa. Den Franzosen haben sie eine doppelte Überraschung beschert. Bei den Konservativen gilt nun ein unauffälliger Katholik vom Lande als größte Hoffnung, um den Front National zu schlagen. Hingegen musste sich der amtierende Präsident, ein Sozialist, eingestehen, dass er womöglich nicht einmal die offene Vorwahl im eigenen Lager hätte gewinnen können.

          Denn so standen die Dinge für François Hollande. Macht und Ansehen hatte er in quälenden Jahren der Stagnation verspielt. Seine Zustimmungswerte lagen zuletzt unter zehn Prozent, schwächer als bei jedem seiner Vorgänger. Der Präsident hatte eine Zeitlang geglaubt, er brauche eine solche Vorwahl, um eine weitere Kandidatur überhaupt noch legitimieren zu können. Dass er dadurch auf Taschengröße schrumpft, wurde ihm erst später bewusst.

          Vertraute sondierten noch Tage vor Hollandes Entscheidung, nicht mehr anzutreten, wie die Sozialisten wohl reagieren würden, wenn der Präsident sich um die Vorwahl drückte. Das Echo war verheerend. Sein Premierminister machte klar, dass er den Chef herausfordern würde. Nur indem Hollande aufgab, verhinderte er die noch größere Blamage: ein Präsident, den nicht mal die eigene Partei wieder aufstellt.

          Überraschungskandidat Fillon

          Das Gegenstück zu dieser Selbstdemontage ist der Aufstieg François Fillons zum neuen Hoffnungsträger der Konservativen. Praktisch niemand hatte den früheren Premierminister auf dem Schirm gehabt. Die Umfrageinstitute sagten monatelang ein Duell der Parteigranden Sarkozy und Juppé voraus. Doch als dann wirklich gewählt wurde, zog Fillon mühelos an beiden vorbei. In beiden Vorwahl-Runden stimmten jeweils 4,3 Millionen Franzosen ab - auch das weit mehr, als es die Institute und die Partei erwartet hatten.

          Die Republikaner haben nämlich bloß 240.000 Mitglieder. Nebenbei kommt die Partei nun auch finanziell wieder auf die Beine. Jeder Wähler musste pro Runde zwei Euro berappen; nach Abzug der Kosten bleiben mindestens zehn Millionen Euro übrig. Die darf Fillon im Wahlkampf ausgeben.

          Fillon war nicht der Kandidat des Parteiapparats. Er baute sich eine breite Basis außerhalb der engen Strukturen auf, vor allem in der Bewegung gegen eine Gleichstellung der Homo-Ehe, die eine Million Franzosen auf die Straße brachte. Er hatte sich als erster Konservativer von Rang für eine offene Vorwahl starkgemacht – und zwar schon 2011, als die Sozialisten erstmals dieses Experiment gewagt hatten. Seinerzeit ebnete es Hollande den Weg in den Elysée-Palast. Nebenbei ein Beleg dafür, dass solche Wahlen nicht automatisch Populisten nutzen.

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