26.08.2010 · Als die SPD-Mitglieder 1993 zwischen den Kanzlerkandidaten Scharping, Schröder und Wieczorek-Zeul wählen konnten, votierten sie für den Falschen, wie sich bei der Bundestagswahl herausstellte. Aber diesmal, glaubt Sigmar Gabriel, würde der Richtige gewinnen, nämlich er selbst.
Von Stefan DietrichDie Kanzlerkandidatenfrage der SPD hat Sigmar Gabriel vor wenigen Tagen noch für gänzlich unaktuell erklärt. Immer öfter spricht er aber darüber, dass seiner Partei gute Chancen gegeben würden, 2013 wieder die Regierung zu stellen. Bis dahin wäre noch reichlich Zeit, über das Verfahren der Kandidatenkür zu diskutieren. Mancher hätte es wohl auch passend gefunden, damit zu warten, bis der Fraktionsvorsitzende Steinmeier wieder an Bord ist. Aber abwarten konnte Gabriel noch nie. Hat er eine Idee, muss sie raus.
Nach dem Vorbild der französischen Sozialisten, die vor der jüngsten Wahl des Staatspräsidenten ihre Kandidatin in einer erweiterten Urwahl gekürt hatten, sollen nun auch die Sozialdemokraten das Volk einladen, sich an einem solchen Casting zu beteiligen. Ganz unerwartet kommt der Vorschlag Gabriels nicht – liegt er doch auf der Linie, die Gabriel bei seiner Wahl zum Vorsitzenden auf dem Dresdener Parteitag vorgegeben hatte: Die SPD müsse offener, interessanter, präsenter werden.
Zudem hat er den Gedanken einer Urwahl schon früher gelegentlich fallengelassen. Bei seinen Genossen scheint er damit nicht auf Begeisterung gestoßen zu sein. Das deutet er selbst mit den Worten an, es sei ihm klar, „dass diese Idee in der SPD umstritten“ sei. Aber ein Gabriel, der sich nichts weniger vorgenommen hat, als seine Partei an Haupt und Gliedern umzukrempeln, lässt sich so leicht nicht vom Kurs abbringen.
Mit Mitgliederbefragungen hat auch die SPD schon Erfahrungen gesammelt. Nach dem Rücktritt des Vorsitzenden Engholm, 1993, durften die damals noch 870.000 Inhaber eines SPD-Parteibuchs zwischen den Kandidaten Scharping, Schröder und Wieczorek-Zeul wählen. Sie votierten für den Falschen, wie sich bei der folgenden Bundestagswahl herausstellte. Die Haltbarkeit des Vorsitzenden Scharping hat das Gewicht dieses (nicht bindenden) Mitgliedervotums ebenfalls nicht nachhaltig gestärkt. Zweieinhalb Jahre später wurde Scharping von Lafontaine gestürzt. Immerhin war den Sozialdemokraten in den Monaten des innerparteilichen Wahlkampfs die Aufmerksamkeit sicher. Gern würde Gabriel auf diese Weise dem Gegner noch einmal die Schau stehlen. Und diesmal, da ist er sicher, würde der Richtige gewinnen, nämlich er selbst.
Sommer nächsten Jahres nach arrangiertem Misstrauensvotum:
Thomas Berger (tberger)
- 26.08.2010, 11:03 Uhr
Wer viel glaubt muss auch viel hoffen!
Max Schreck (MaxSchreck)
- 26.08.2010, 11:22 Uhr
Ich freu mich drauf
Jan Matthias (JanMatthias)
- 26.08.2010, 11:23 Uhr
Gabriel hat bessere Chancen, als Merkel ...
bernd ullrich (demokrat2)
- 26.08.2010, 16:12 Uhr
Dietrich's Denglisch
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 26.08.2010, 17:16 Uhr