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Sigmar Gabriel Die Launen des Mannes

 ·  Der SPD-Vorsitzende hat seine Partei nach links gerückt und ihr einen rechten Kandidaten für das Kanzleramt aufgedrückt. Doch Peer Steinbrück macht Probleme. Die Rechnung könnte am Ende auch Sigmar Gabriel präsentiert werden.

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© Matthias Luedecke Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene: Gabriel zu Besuch beim Sportverein „Boxgirls“

Für das Jahresende hatte Sigmar Gabriel einen großen Showdown geplant. Nun, Ende November, sollten die letzten Steinchen in ein Mosaik gesetzt werden, an dem er seit mehr als zwei Jahren arbeitet: An diesem Samstag, wenn im Berliner Willy-Brandt-Haus der Parteikonvent – ein kleiner Parteitag – zusammenkommt, wollte der SPD-Vorsitzende eigentlich einen echten Kompromiss im langjährigen Rentenstreit vorlegen, einen großen Wurf. Danach war vorgesehen, Peer Steinbrück der Partei als Kanzlerkandidaten vorzuschlagen.

Und mit diesem Schub sollte die SPD in den Schlussspurt des niedersächsischen Wahlkampfs gehen, von dem sich Gabriel eine rot-grüne Signalwirkung für den Bund erhoffte. Hernach würde keiner mehr über große Koalitionen reden, geschweige denn über schwarz-grüne oder gar schwarz-gelbe. Und wem hätte die SPD dies alles zu verdanken gehabt: die Heilung alter Wunden aus Regierungstagen, die Zusammenführung verfeindeter Parteiflügel und auch die Nominierung eines Kandidaten, den die Partei zwar nicht liebt, der aber die gewünschten Prozentpunkte liefern werde?

Keinem anderen als dem großen Vorsitzenden, der zudem so souverän war, im Interesse der Partei auf eine eigene Kandidatur zu verzichten. Der Plan ist gründlich danebengegangen. Am Samstag kommen die Delegierten zu dem Parteikonvent zusammen, um für ein Rentenpapier die Hand zu heben, das in der SPD nur deshalb von links bis rechts für „gelungen“, „beachtlich“ und „bemerkenswert“ erklärt wird, weil darin die entscheidende Frage, das Rentenniveau des Jahres 2030, ganz einfach ausgeklammert wurde. Normale Menschen würden fragen, wozu dann dieser elende Streit gut war?

Nichts soll man ihm anmerken

Sozialdemokraten aber frohlocken über die nächste Scheinlösung. Und Steinbrück? Den musste Gabriel bekanntlich schon Ende September vorschlagen, als dieser schlicht übrig geblieben war, nachdem Frank-Walter Steinmeier, der nicht neben diesem Parteivorsitzenden Kandidat sein wollte, das Troika-Spiel beendet hatte. Immerhin, sagt ein Mitglied des Parteivorstandes, Gabriel sei es gelungen, die Partei inhaltlich nach links zu verschieben und personell dennoch nach rechts auszurichten, das sei doch bemerkenswert. Doch nun steht Gabriel mit einem Kandidaten da, der nicht hält, was er verspricht, dessen Vergangenheit als hochpreisiger Vortragsredner ihn so sehr belastet, dass bereits spekuliert wird, er könne das Handtuch werfen, und Gabriel selbst müsse am Ende in den Ring steigen.

Zu allem Überfluss wird nun auch noch über eine schwarz-grüne oder gar schwarz-gelbe Zukunft geredet. Wie konnte das alles passieren? Gute Laune, Sigmar Gabriel kämpft seit Wochen um gute Laune. Nichts soll man ihm anmerken. Wo er auftritt, bemüht er sich, jovial und lustig und herzlich zu wirken. In der Fraktion klopft er den Abgeordneten auf die Schulter, in Pressekonferenzen charmiert er die Journalisten, was wahrlich nicht zu seinen liebsten Übungen zählt, und, da er zudem einen Sinn für Ironie hat, setzt er sich sogar in Podiumsdiskussionen zum Thema „Politik und Glaubwürdigkeit“ und lächelt Fragen nach möglichen Widersprüchen mit der Bemerkung weg: „Ihnen wird es nicht gelingen, meine gute Laune zu ruinieren.“

So hätte er es gerne. Doch man muss nur auf ein, zwei Knöpfe drücken, schon ist Gabriel wieder der andere Gabriel: unbeherrscht, übellaunig, rotzig. „Absoluter Quatsch“ sei der Vorwurf, sein Troika-Konstrukt sei unwahrhaftig gewesen, entgegnet er dem Moderator der Talkrunde. Die Troika sei nie ein Gespann möglicher Kandidaten gewesen, was er selbst zwei Jahre lang erzählt hatte, sondern das „strategische Zentrum“ der Partei. Gabriel ist ein Meister der nachträglichen Rationalisierung. Einige Wochen nach der Podiumsdiskussion schaut er auf dem Bundeskongress der Jungsozialisten in Magdeburg vorbei.

Reden, wie es gerade opportun erscheint

Nun, da es in der Partei eine Debatte über die Männerlastigkeit des Steinbrück-Teams gibt, sagt Gabriel, die Troika und Andrea Nahles seien das strategische Zentrum der Partei gewesen. Die Generalsekretärin, mit der Gabriel sich immer wieder in den Haaren liegt, erfährt so eine ungeahnte Beförderung. Einfach weil es gerade opportun erscheint. Politisches Handeln ist für Gabriel Manipulation, Politik eine Knetmasse. Wenn sich die Objekte seiner kunstvollen Handgriffe der Verformung verweigern, gibt es Ärger.

In Magdeburg etwa tritt ein ihm gut bekannter Juso, der Bezirksvorsitzende aus Hannover, ans Mikrofon und sagt, als Kind habe er gerne Märchen gehört, nun sei er aber zu alt für Märchen, zumal für solche über die Troika. Da ist es wieder vorbei mit Gabriels ach so guter Laune. „Verbreite keine Legenden“, schimpft der Parteivorsitzende, das sei „bösartig“. Kurz darauf verlässt er den Kongress mitten in der Diskussion: Ihr könnt mich mal, heißt das. Eine Delegierte betritt kurz darauf das Podium und ruft dem Gegangenen hinterher: Das mit dem Rentenkompromiss sei ja aus Sicht der Jusos gut gelaufen. Die Frage sei aber, ob Gabriel länger als zwei Tage bei seiner Position bleibe. Es sei doch so: Der Vorsitzende reiße mit seinem Auftreten immer das, was er gerade mit den Händen aufgebaut habe, mit dem Hintern wieder ein.

Zwei Dinge kommen an jenem Tag zusammen: Einerseits ist es wie immer. Gabriel hinterlässt ohne Not verbrannte Erde. Sein Stil verstört. Andererseits ist Gabriel die Juso-Kultur, jenes zuweilen pseudo-intellektuelle Geschwafel, völlig fremd. Seine Welt war die der „Falken“, der sozialistischen Jugend, weinselige Solidaritätsfeste für spanische Sozialisten, Aktionen zum Erhalt von Jugendzentren – hier wurde er Wortführer, und hier hat er auch Gemeinschaft erfahren. Gemeinschaft, die er anderswo vermisste.

Sprunghaftigkeit war gestern

An einem Herbsttag vor einem Jahr sitzt Gabriel im Präsidiumssaal im Willy-Brandt-Haus. Ausnahmsweise dürfen an jenem Morgen drei Journalisten der Sitzung des Führungszirkels beiwohnen. Gabriel hat Einwanderervertreter eingeladen. Die Thesen Thilo Sarrazins haben ihn in die Defensive gebracht. Das muss sich ändern. Es entwickelt sich eine interessante Debatte. Der Parteivorsitzende ergreift das Wort: Kinder, die in Verhältnissen aufwüchsen, in denen sie keine starken Wurzeln bilden könnten, hätten es schwer, wenn später im Leben der Wind mal kräftig blase. Gabriel kann ohne größere Schwierigkeiten mit Empathie spielen, doch an jenem Morgen spielt er nicht.

Gabriel hat im Sommer dieses Jahres am Grab seines Vaters gestanden. Der Mann hatte sich von Gabriels Mutter getrennt, als der Sohn drei Jahre alt war. Er hatte den kleinen Sigmar seiner Mutter entrissen und einer autoritären Erziehung unterzogen, die Talente des Sohnes eher verkümmern lassen als gefördert. Es dauerte Jahre, bis der Mutter schließlich das Sorgerecht zugesprochen wurde. Gabriels Bindung zu ihr ist rührend-eng; sie lebt in Goslar, seinem Wahlkreis. Der Kontakt zum Vater brach später ab. Der Mann hatte sich einen Namen in gewissen Vertriebenenkreisen gemacht. Vertraute Gabriels sagen, er sei ein Radikaler gewesen, ein Revisionist. Wenn Gabriel über jene Jahre redet, wird sein Gesicht feuerrot.

Was für ein Jahr. Wenige Monate vor dem Tod des Vaters wurde seine Tochter geboren, seine zweite, aus einer früheren Beziehung hat er bereits eine erwachsene Tochter. Und wenige Monate nach dem Begräbnis heiratete Gabriel seine Lebensgefährtin, eine Zahnärztin aus Magdeburg. Einschneidende Erlebnisse – für Politiker mit Imageproblemen wie Gabriel aber auch Gelegenheit, das öffentliche Bild zu korrigieren, sich medial neu zu erfinden. Sprunghaftigkeit war gestern – nun bin ich angekommen.

Showdown nach der Elternzeit

Diese Inszenierung war Gabriel eigentlich verwehrt, er musste in Elternzeit gehen und auf Homestorys verzichten. Sonst hätten die Feministinnen in seiner Partei genölt. Ein gestelltes Kinderwagen-Bild für den Boulevard gab es trotzdem. Und ein Interview während des Familienurlaubs an der Ostsee auch: Welche Gewichte sich durch die Geburt von Marie verschoben hätten? „Manches, was vorher wichtig erschien, entpuppt sich als Nebensächlichkeit. Auch beruflich.“

Vor allem aber nutzte er die vermeintliche Elternzeit im Sommer, um den Showdown für das Jahresende vorzubereiten. Vor dem Urlaub hatte er Steinmeier und Steinbrück gebeten, ihm nach den Ferien mitzuteilen, ob sie entschlossen seien, gegen Angela Merkel anzutreten. Er selbst hatte ihnen ja schon vor mehr als einem Jahr gesagt, dass er nicht wolle. Nicht könne, hätte er eigentlich sagen müssen, nicht mit diesem Image, nicht mit diesen Beliebtheitswerten. Steinbrück hatte er frühzeitig signalisiert, dass er ihn und nicht den anderen wolle. Doch galt es eben noch, die Bedingungen dafür zu schaffen, diesen in der SPD zum Teil verhassten Kandidaten seiner Partei aufdrücken zu können.

Zwar wusste er vom Zaudern und Zögern Steinmeiers, nicht zuletzt wegen dessen kranker Frau, doch musste er auch zur Kenntnis nehmen, dass Partei und Fraktion seit dem Frühsommer fest mit Steinmeier rechneten, was sich medial widerspiegelte. Was also tun? Steinmeier, dessen Empfindlichkeit, zuweilen gar Larmoyanz, allseits bekannt ist, musste er im Sommer durch ein mediales Trommelfeuer zu verstehen geben, dass dieser nur unter ihm Kandidat sein könne. So wie Steinmeier tickt, schreckte ihn das ab. Steinbrück hat Gabriels Gebaren auch registriert – und mit der Schulter gezuckt.

Der Kanzler nach dem Kandidaten

So überbrachten beide dem Vorsitzenden nach der Sommerpause die erwünschten Nachrichten: Steinbrück wollte, Steinmeier nicht. Warum aber wollte Gabriel Steinbrück und nicht Steinmeier? Gewiss, er mag sich von Steinbrück berechtigterweise erhofft haben, dieser werde im Wahlkampf mehr PS auf die Straße bringen. Doch gibt es noch einen anderen Grund: Gabriel ist 53 Jahre alt, Steinbrück wird im Januar 66, Steinmeier ist neun Jahre jünger. Als Gabriel seine ersten Gespräche über eine mögliche Kandidatur Steinbrücks führte, war das Alter der drei immer ein Argument. Wie lange könne Steinbrück Kanzler sein? Wie groß sei die Chance, dass Gabriel mit seinem Image dereinst aus einer Bundestagswahl als Kanzler hervorgehe? Gen null. Der Bundestag aber könnte ihn wählen, wenn Steinbrück irgendwann den Stab übergeben würde.

Ein Kanzler Steinmeier hingegen würde ihm immer im Weg stehen. So war die Lage im September, dann lud Steinmeier einige Journalisten zu einem Hintergrundgespräch. Seither ist Gabriel auch gegenüber Steinmeier stets um gute Laune bemüht, solange Kameras dabei sind. Angeblich gibt es bereits die interne Ansage, dass der Parteivorsitzende nach der Wahl auch den Fraktionsvorsitz übernimmt, egal, wie die Sache mit Steinbrück ausgeht. Dann würde Gabriel den Kurs der SPD bestimmen – als Senior- oder Juniorpartner einer Regierung oder eben als Oppositionsführer. Doch plagt ihn nun scheinbar die Sorge, dass die Sache mit Steinbrück richtig schiefgeht. Dann würde auch ihm die Rechnung präsentiert. Andere Landesfürsten in der SPD lauern bereits. Im Redehonorarstreit trieb Gabriel den Kandidaten zur Offenlegung seiner Einkünfte.

Nun, da die Debatte nicht enden will, drängt er den Kandidaten, noch weiter zu gehen, etwa auch Tantiemen für Aufsichtsratmandate einzuschließen. Steinbrück, so ist zu hören, wehrt sich. Er setzt auf steife Oberlippe. Jüngst saßen die Geschäftsführer der Parteizentralen von Bund und Ländern zusammen. Die Stimmung war am Boden. Wegen Steinbrück. Die Partei habe den Kandidaten unter der Prämisse geschluckt, dass dieser liefere. Und jetzt liefere er nicht. Dann stellte einer in der Runde die Frage: Wie konnte Gabriel das nur passieren?

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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