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Das war’s wohl: Sigmar Gabriel wird sich gezwungenermaßen aus der ersten Reihe der Bundespolitik verabschieden müssen Bild: EPA

Sigmar Gabriel : Der Verlierer

Mit Sigmar Gabriel verliert die SPD einen ihrer profiliertesten Männer. Im Machtkampf mit dem langjährigen Parteifreund hat sich Martin Schulz für seine eigene Karriere entschieden. Eine Analyse.

          Es gab Zeiten, da konnte die SPD Sigmar Gabriel gar nicht schnell genug loswerden. Da nervte der damalige Parteivorsitzende viele Genossen mit seinem unsteten Kurs, seinem robusten Auftreten, seinem ausgeprägten Machtwillen. Als Gabriel nach langem Zögern Martin Schulz den Vortritt als Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender ließ und ins Auswärtige Amt wechselte, atmeten viele in der SPD regelrecht auf. Und jetzt, da Gabriel sich wohl gezwungenermaßen aus der ersten Reihe verabschieden muss, weinen ihm plötzlich wieder viele nach. Ironie der Geschichte.

          Schon am Mittwoch stellte mancher Genosse öffentlich die Frage, ob die SPD künftig wirklich auf Gabriels Erfahrung verzichten könne – und auf seine Sympathiewerte. Seit Gabriel Außenminister ist, traditionell ein Wohlfühlministerium für die Meinungswerte, ist seine Beliebtheit bei den Wählern rasant gestiegen – auch weil er das Amt selbst nach Meinung von Kritikern mehr als achtbar ausgefüllt hat. Seit längerem ist der Goslarer mit Abstand der beliebteste SPD-Politiker – vor Martin Schulz, Olaf Scholz, Andrea Nahles und damit der gesamten künftigen Führungsriege der Partei. Auch kann man Gabriel vieles nachsagen, aber eines sicher nicht: Dass er machtpolitisch nicht mit allen Wassern gewaschen wäre. Warum also, fragte sich am Mittwoch denn auch mancher, verzichten Schulz und Nahles auf einen Politiker solchen Formats?

          Die Antwort ist wiederum eine machtpolitische: Weil sie ohne ihn stärker sind als mit ihm – und weil sie nicht noch einmal eine Situation wie im Wahlkampf erleben wollen. Obwohl Gabriel seinem langjährigen Freund Schulz nach langem Zaudern in die Hand versprochen hatte, sich als Außenminister auf die Diplomatie zu verlegen und dem Kanzlerkandidaten die Abteilung Attacke zu überlassen, fuhr er Schulz im Wahlkampf immer wieder mit nicht abgesprochenen Äußerungen in die Parade. Der eigentliche Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende heißt nicht Martin Schulz, sondern noch immer Sigmar Gabriel – dieser Eindruck verfestigte sich immer mehr, je länger der Wahlkampf andauerte. Und auch Schulz setzten die Einwürfe des „Heckenschützen“ aus Goslar so zu, dass er einem „Spiegel“-Reporter sein Leid klagte. Ihm dürfte früh klar geworden sein, dass er nach der Wahl schnell Fakten schaffen muss, wenn er in der SPD eine Machtbasis behalten will.

          Noch am Wahlabend verkündete Schulz im Willy-Brandt-Haus, dass Andrea Nahles künftig die SPD-Bundestagsfraktion führen solle. Gabriel stand bei der Pressekonferenz in der zweiten Reihe – auch symbolisch wurde damit die Tragweite der machtpolitischen Entscheidung von Schulz sichtbar. Der Seeheimer Gabriel gilt seit langem als Intimfeind der Parteilinken Nahles, beide sind einander in herzlicher Abneigung verbunden. Als Gabriel seine Partei nach der Wahl scharf kritisierte und forderte, die SPD müsse künftig auch Begriffe wie Leitkultur besetzen, giftete Nahles öffentlich zurück, mit diesem Ausdruck könne sie nichts anfangen. Nicht erst da deutete sich ein Kampf um die Deutungshoheit zwischen der alten Gabriel-SPD und der neuen von Schulz und Nahles an, die die Partei wieder mehr nach links rücken wollen. Ein machtbewusster, wortgewaltiger Politiker wie Gabriel könnte diesen Richtungswechsel aber selbst dann torpedieren, wenn er Minister für Bienen und Eichhörnchen wäre.

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