Home
http://www.faz.net/-gpg-u8aj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sigmar Gabriel Der Öko-Bär

01.04.2007 ·  Klima, Knut, Kurt und noch so einiges mehr: Umweltminister Sigmar Gabriel läuft derzeit zur Hochform auf. Und das, obwohl er den Posten nur durch Zufall bekam. Jetzt fängt er auch noch die Industrie ein. Wo soll das alles enden?

Von Georg Meck
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (5)

Biotop - das klingt nach Norwegerpulli. Sigmar Gabriel trug so etwas nie. Umweltminister wurde er mehr durch Zufall. Der Platz war frei, und er hat sich draufgestürzt. Nun sitzt er eben da und redet über Biotope, genauer gesagt, über deren Verschwinden. Ansonsten ein mitreißender Redner, arbeitet er sich pflichtschuldig durch die Rote Liste, den neuesten Katalog gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Über die Schafzucht auf Bergwiesen spricht er, erklärt, was die mit der ersten und der zweiten Säule der europäischen Agrarpolitik zu tun haben. Und wie das wiederum mit der Jugendarbeitslosigkeit zusammenhängt.

Die Artenvielfalt sei massiv gefährdet, mahnt der SPD-Politiker. „Wir löschen die Datenbank der Natur.“ Damit ist der erste knackige Satz gelungen. Sigmar Gabriel liebt knackige Sätze. „Die Kunst der Politik ist Simplifizierung. Die beherrsche ich. Hin und wieder macht das auch Spaß.“ Im Moment hat der Mann aus Goslar viel Spaß. Klima, Knut und Öko-Welle. Es läuft rund für den Umweltminister. Deutschland hat die Präsidentschaft in G 8 und Europäischer Union inne. Und er ist in Sachen „global warming“ unterwegs.

Zwischendurch zum Regieren nach Berlin

Tunis, Brüssel, Prag, Budapest hießen vorige Woche die Stationen. Dazwischen ging es immer wieder zum Regieren nach Berlin. Emissionshandel, Braunkohle, Atomenergie. An strittigen, schlagzeilenträchtigen Themen herrscht kein Mangel. Das tut ihm gut. Ein paar graue Strähnchen hat er bekommen im Berliner Trubel, dünner ist er nicht geworden (was den Bandscheiben nicht bekommt). Vergessen sind die Zeiten, als der ehemals jüngste Ministerpräsident der Republik die SPD in Niedersachsen im Jahr 2003 in ein Wahldesaster führte.

Das Ergebnis stand in den Umfragen Wochen vorher fest, Gabriel wachte jeden Morgen in dem Wissen auf, trotzdem drei Marktplätze mit Optimismus bespielen zu müssen. Die Hölle. Schlimmer litt er nur noch an der Leere in den Monaten danach, als sie ihn zum Pop-Beauftragten der SPD machten, er als „Siggi Pop“ die Grenze zur Witzfigur erkundete. Das hat er weggesteckt. „Längst abgehakt“, sagt er und wagt sich wieder ungeniert auf den Boulevard. Gerne auch mit Tieren, am liebsten mit Bären. Zwei der Knuddeltiere haben einige Berühmtheit erlangt, für beide ist der Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit qua Amtes zuständig: Bruno, aufgewachsen im Trentino, erschossen in Bayern, was bis heute diplomatische Verwicklungen nach sich zieht, wie der Minister aus Brüsseler Nachtsitzungen zu berichten weiß.

Knut zum Superstar der Öko-Bewegung aufbauen

Der italienische Amtskollege beansprucht den toten Bruno für sich, Bayern mag den Leichnam nicht herausrücken. Gabriel hat sich als Vermittler eingeschaltet, ohne die im Freistaat regierende CSU damit zu beeindrucken. Das muss der Umweltminister offiziell rüffeln. „Wenn wir jeden Bären, der um die Ecke kommt, abknallen, was sollen wir dann den Afrikanern vorwerfen, wenn die ihre Löwen abschießen?“ In Zukunft werde der Grenzübertritt von Großtieren auf europäischer Ebene geregelt, sagt er.

Zum Glück gedeiht wenigstens Knut, der mit der Flasche aufgezogene Superstar aus dem Berliner Zoo. Der Umweltminister hat die Patenschaft für den kleinen Eisbären übernommen. Selbst seine Freundin, die sich sonst wenig aus seinen Terminen macht, wäre da gern mitgekommen. Süß finden die Deutschen ihren Knut, den Gabriel jetzt zum Superstar der Öko-Bewegung aufbauen will. Als Ikone im Kampf gegen den Klimawandel.

„Da er es nicht merkt, tut es ihm nicht weh“

„Ohne Eis kein Eisbär“. Den Slogan hat er sich schon zurechtgelegt. Die Bundesregierung zahlt dem Tier das Futter; als Gage, wie Gabriel sagt. „Hätten wir einen anderen Star genommen, wäre das in jedem Fall teurer geworden.“ Den ersten großen Einsatz auf diplomatischem Parkett hat Knut im nächsten Jahr, als Maskottchen für die internationale Artenschutzkonferenz in Bonn. „Da er es nicht merkt, tut es ihm nicht weh. Und uns hilft es“, entgegnet der Minister auf einer Pressekonferenz den Vorwürfen, er beute das arme Tier aus.

Später, im Dienstwagen auf dem Weg zu einer Tagung der Chemieindustrie, mokiert er sich noch immer über die Kritik, er missbrauche den Eisbären für Symbolpolitik. „Putzig“ findet er diese Einwände - erst recht, wenn sie von denselben Medien erhoben werden, die ihre Fotografen und Kameramänner zu Hunderten zu Knut in den Zoo schicken.

„Politmanager ohne innere Überzeugungen“

In seiner Verachtung für die medialen Weltdeuter in Berlins Mitte nähert er sich bereits dem vormaligen Lehrmeister Gerhard Schröder. Wie an dem haftet an Gabriel der Ruf des Hallodri, des Themenhoppers. Einen „hochprofessionellen Politmanager ohne innere Überzeugungen“ nennt ihn ein Regierungsmitglied der Union, mit leicht bewunderndem Unterton für Gabriels Gerissenheit im täglichen Geschäft. Solange er den politischen Gegner damit einschüchtert, mag es dem Niedersachsen nützen. Gefährlich für sein Fortkommen ist diese hartnäckige Schicht an Neid, Missgunst und Misstrauen in der eigenen Partei. Im Zweifel trauen sie ihm alles zu, unterstellen ihm permanent, nur das eigene Ego, die eigene Karriere im Blick zu haben.

Da er das weiß, das Handwerk aber beherrscht, achtet er peinlichst darauf, jeden Anschein von Illoyalität zu vermeiden. Früh hat er Parteichef Kurt Beck zum einzig denkbaren Kanzlerkandidaten ausgerufen. Und wenn jetzt ob schlechter Umfragewerte für die SPD die ersten Mäkeleien an dem Pfälzer laut werden, verteidigt er ihn vehement. Zur neuen Rolle als treuer Parteisoldat gehört auch, dass er bei der Wahl zum Parteivorstand im Herbst erst gar nicht antritt. „Ich lasse Garrelt Duin, dem Landesvorsitzenden aus Niedersachsen, den Vortritt“, kündigt er an.

Wo sind die Hoffnungsträger seiner Generation?

Der Verzicht fällt ihm umso leichter, als dass er mit dem Ministerapparat im Rücken eh sichtbarer ist als jeder parteiinterne Rivale. Und wenn nicht alles täuscht, läuft es zwangsläufig auf ihn zu, wenn in ein paar Jahren Macht und Posten neu verteilt werden in der SPD. Das spricht für Gabriels Talent, noch mehr aber gegen die Sozialdemokraten.

Wo sind die Hoffnungsträger seiner Generation? Berlins Regierender Bürgermeister Klaus „Wowi“ Wowereit hält sich für einen. Und auch sonst ist niemand in Sicht. Wenn die Langweiler und zu kurz Gekommenen in der SPD nun mehr Demut von Gabriel einfordern, ihm die öffentliche Show in der CO2-Debatte ankreiden, lässt ihn das kalt. Einfältig zu glauben, ein Sigmar Gabriel lasse solche Chancen ungenutzt. Als Medienprofi weiß er freilich auch, wie schnell der Klima-Hype vorbei sein könnte, eine solidere Basis demnach nicht schadet. Mit seinem Staatssekretär Matthias Machnig, einst begnadeter Wahlkämpfer für Schröder, hat er deshalb das Schlagwort von der „ökologischen Industriepolitik“ ausgeheckt.

„Ich bin keine Spaßbremse“

Markt und Umwelt wollen die beiden versöhnen. Von einem „New Deal“ in Grün sprechen sie. Was genau damit gemeint ist, ist erst mal egal. Öko-Unternehmer, die deutschen Champions bei Wind, Sonne und Wasser, sind in jedem Fall ein Gewinnerthema. 150 Milliarden Euro nimmt die deutsche Öko-Branche jährlich ein, haben die Unternehmensberater von Roland Berger im Auftrag Gabriels herausgefunden. Die Wachstumsraten sind deutlich zweistellig, die Berater juchzen: Mehr als eine Billion Euro Umsatz traut das Berger-Gutachten „Greentech made in Germany“ im Jahr 2030 zu - mehr als den aktuellen Vorzeigebranchen Autoindustrie und Maschinenbau zusammen. Öko ist sexy. Öko schafft Jobs.

„Wenn China die Werkbank der Welt ist und Russland die Zapfstelle, muss Deutschland wieder das Konstruktionsbüro werden“, tönt der Umweltminister. Der Satz gefällt ihm so gut, dass er ihn in jede zweite Rede einbaut. Nicht Verzicht und Askese predigt er als Antwort auf die ökologischen Bedrohungen („Ich bin keine Spaßbremse“), sondern die „Wiederentdeckung der Idee des technologischen Fortschritts in unserem Land“. Genveränderte Kartoffeln etwa preist er, wie es ein BASF-Manager nicht besser könnte.

Näher an die Wirtschaft

Als Zeichen für die Annäherung an die Wirtschaft hat Gabriel am Mittwoch ein „UmwelttechnikBoard“ in seinem Ministerium ins Leben gerufen; Vorstände von Konzernen wie Daimler-Chrysler und Bayer sind dabei, Private-Equity-Kapitalisten, grüne Gründer. Damit punktet der Minister bei Unternehmern (was seine Lieblingsgegner im Wirtschaftsministerium ärgern möge, wie er inständig hofft). Mit den „uneinsichtigen“ Autobossen rauft er sich zwar bisweilen noch in Sachen CO2, bei nächstbestem Anlass versichert er aber deren Betriebsräten, die Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie gegen die Öko-Radikalinskis in Brüssel zu verteidigen. „Sonst fahren hier nur noch Kleinwagen aus Frankreich und Italien über die Straßen.“

Das hört die sozialdemokratische Kernklientel gerne, schließlich ist auch die IG Metall ein Biotop, das gepflegt werden will. Sonst laufen noch mehr Funktionäre von der SPD zu Oskar Lafontaines Linkspartei über. Und das wäre ganz schlecht, für die SPD wie für Gabriels weitere Ambitionen. Denn eines darf nicht unterschlagen werden: Biotope bilden nicht zwangsläufig den Endpunkt in einer politischen Karriere. Die erste Rote Liste, erstellt im Jahr 1994, trug eine Umweltministerin namens Angela Merkel vor.

Der Mensch

Sigmar Gabriel, Jahrgang 1959, wächst nach der Trennung der Eltern beim Vater auf, bis seine Mutter, eine Krankenschwester, das Sorgerecht erhält. Mit 19 tritt er in die SPD ein, „um die Welt zu verbessern“. Über Stadtrat, Kreis- und Landtag steigt der Lehrer 1999 zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen auf. 2003 verliert die SPD die Wahl in Hannover. 2005 wechselt Gabriel nach Berlin - als Umweltminister der großen Koalition. Der SPD-Politiker wohnt mit seiner Lebensgefährtin noch immer in seiner Geburtsstadt Goslar. Aus erster Ehe hat er eine 18 Jahre alte Tochter.

Das Tier

Alle lieben Knut. Der kleine Eisbär ist die Attraktion im Berliner Zoo. Und die Ikone für den Kampf gegen den Klimawandel. Dafür hat ihn zumindest sein Patenonkel, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, vorgesehen. Geboren am 5.Dezember 2006, wurde Knut von seinem Pfleger mit der Flasche aufgezogen. Im nächsten Jahr hat der Eisbär seinen großen Auftritt - als Maskottchen für die internationale Artenschutzkonferenz in Bonn. Als Honorar übernimmt die Regierung die Futterkosten. Und die sind beträchtlich. Knut kann bis zu 2,60 Meter lang und 800 Kilogramm schwer werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.04.2007, Nr. 13 / Seite 48
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge