http://www.faz.net/-gpf-9fr08
Bildbeschreibung einblenden

Siemens-Chef Kaeser : Politischer Geisterfahrer

Die (politische) Nähe zur Kanzlerin sucht er gerne, in komplizierten Situationen fehlt aber manchmal das nötige Taktgefühl: Siemens-Chef Joe Kaeser. Bild: EPA

Schuster, bleib bei deinen Leisten: Diese Volksweisheit sollte auch der Chef von Siemens beherzigen. Der oft politische Joe Kaeser hat das Talent, ausgerechnet in den wichtigen Momenten zu schweigen – oder sich gar taktlos zu äußern. Ein Kommentar.

          Manager denken auch politisch. Das müssen sie sogar, weil politische Entwicklungen die Geschäfte unmittelbar beeinflussen können. Doch Manager sind keine Politiker, sie sind nicht gewählt, führen kein Land, sondern nur ein Unternehmen, und sie müssen nur gegenüber ihren Aktionären Rechenschaft ablegen. Deshalb sind sie klug beraten, in politischen Debatten sich selbst und damit auch „ihr“ Unternehmen nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen.

          Fast alle Manager kümmern sich deshalb vor allem ums eigene Geschäft statt um Politik. Joe Kaeser, der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, sieht für sich selbst eine Sonderrolle vor. Das liegt nicht daran, dass Siemens als Ausrüster von Staaten mehr mit Regierungen zu tun hat als andere. Sonst müssten die Wettbewerber von Siemens aus Amerika und China politisch ähnlich vorlaut reden. Und auch für die von Staaten vollends abhängigen Rüstungsunternehmen gilt das Gebot: Schweigen ist Gold.

          Kaeser zögerte zu lange

          Kaesers menschenverachtende Äußerung zur eingestandenen Tötung im saudischen Konsulat in Istanbul ist mehr als nur eine weitere politische Verirrung des Chefs von Siemens: „Wenn wir aufhören, mit Ländern zu kommunizieren, in denen Menschen vermisst werden, kann ich auch gleich zu Hause bleiben“, hatte er in Toronto gesagt. Ist für Kaeser ein mutmaßlich bestialischer Mord in einem Konsulat Tagesgeschäft? Schon bevor Saudi-Arabien den Tod des saudischen Regimekritikers Jamal Khashoggi in einer widersprüchlichen Erklärung eingestand, hagelte es Absagen aus der ganzen Welt für eine Konferenz in Riad.

          Anstatt wie fast alle Unternehmen, Regierungen und Institutionen des Westens sofort auch seine Teilnahme abzusagen, zögerte Kaeser zu lange. Dabei wäre eine rechtzeitige Absage auch für Siemens möglich gewesen. Schließlich ist Klaus Kleinfeld, Kaesers Vorvorgänger, sowieso vor Ort, weil er inzwischen sein Geld als persönlicher Wirtschaftsberater des saudischen Königshauses verdient. Erst als Kaeser dem öffentlichen Druck auch durch Managerkollegen nicht mehr standhalten konnte, knickte er ein und flog doch nicht nach Riad. Das ist kein Ausweis politischer Weitsicht, sondern ein weiterer Ausfall des politischen Geisterfahrers Kaeser.

          Zur Erinnerung: Vor viereinhalb Jahren spielte Kaeser in einem Propagandafilmchen für das russische Fernsehen die Figur einer Krämerseele, der das Geschäft über alles geht und die dankbar dafür ist, von Präsident Putin empfangen worden zu sein. Nach einer Stunde Wartezeit gratulierte er Putin artig zu einer „herausragenden Olympiade“, während die westliche Staatengemeinschaft als Reaktion auf die Einverleibung der Krim die Sanktionsschrauben anzog. Dazu vom deutschen Fernsehen befragt, verharmloste Kaeser die Annexion der Krim durch Russland als „kurzfristige Turbulenz“.

          Der Umsatz ist nicht alles – das versteht sogar Berlin

          Wer meint, Siemens könne auf die Milliardenumsätze mit dem Schurkenstaat Saudi-Arabien nicht verzichten, der muss sich fragen lassen, warum die westlichen Wettbewerber dies anders sehen. Außerdem sind saudisches Geld und Öl doch nur eine Seite der Medaille. Für Investitionen sind die Saudis auf amerikanische Investmentbanken und westliche Unternehmen genauso angewiesen wie auf die Flugzeuge von Airbus und Boeing oder Autos von Daimler und Porsche. Weil Umsatz und Gewinn nicht alles sind, hat Berlin nun richtigerweise auch den Export von Rüstungsgütern nach Saudi-Arabien gestoppt.

          Der Westen kann mit seiner ökonomischen Stärke durchaus Druck aufbauen. Doch hierfür muss er gemeinsam auftreten. In deutschen Managerkreisen kann kaum jemand nachvollziehen, wieso Kaeser wiederholt in heiklen politischen Großwetterlagen die westliche Wertegemeinschaft ausgerechnet dann nur zögerlich stützt oder sogar unterläuft, wenn der Westen Haltung und Geschlossenheit zeigen muss, um Moral und Menschenrechte hochzuhalten.

          Vom Mangel an politischem Feingefühl

          Umso fragwürdiger wirken dann die innenpolitischen Fleißkärtchen, die Kaeser mit Kritik an der AfD sammeln möchte. Als scharfzüngiger AfD-Gegner spielt er sich hierzulande als moralische Instanz auf. Von vielen Medien wird er dafür gefeiert, wenn er solche Tweets absetzt: „Lieber Kopftuch-Mädel als Bund deutscher Mädel.“ Doch die Chefs von Daimler, BMW oder VW wie auch alle anderen Manager ließen den Vorstandsvorsitzenden von Siemens abblitzen, als er dazu aufrief, öffentlich Stellung gegen die AfD zu beziehen.

          Kaeser hält übrigens den legendären Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) „Wir schaffen das“ noch immer für richtig und wichtig. Für ihn ist das einer der bemerkenswertesten Sätze, die ein deutscher Regierungschef außenpolitisch je gesagt hat. Das kann man so sehen, aber man kann das ganz anders interpretieren.

          Vielleicht verorten dereinst Historiker den Anfang vom Ende der deutschen Volksparteien dort. Man muss wohl nicht fürchten, dass Kaeser in die Politik wechselt. Aber mit Blick auf die seit einiger Zeit enttäuschende Performance und das Wohl von Mitarbeitern, Kunden und Aktionären darf man hoffen, dass er sich besser um Siemens kümmert.

          Weitere Themen

          Die Debatte zum Brexit Video-Seite öffnen

          Britisches Unterhaus : Die Debatte zum Brexit

          Oppositionsführer Jeremy Corbyn greift Premierministerin Theresa May in Sachen Brexit hart an: Das Parlament hätte die Wahl zwischen einem verpatzten, oder gar keinem Deal.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.