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Sexueller Missbrauch : Hänseljagd an der Odenwaldschule

Die Odenwaldschule mit ihren verstreut liegenden Pfefferkuchenhäuschen Bild: dpa

Andreas von Weizsäcker, Sohn des Bundespräsidenten, hasste die Odenwaldschule. Sicher, die dort herrschende „Freiheit“ genossen viele, doch die Ausnutzung einer jugendlichen Entwicklungsphase trüben das Bild. Wie passt das zusammen, Pfefferkuchenhaus und Hexe?

          Hänsel und Gretel verliefen sich nicht im Wald. Sie wurden dort ausgesetzt, von Vater und (Stief-)Mutter. Erst dadurch kommt die Hexe zum Zug. Sie sieht aus wie Stefan George auf seinen späten Fotografien, und sie interessiert sich eher für Hänsel. Die Hexe hat ihn zum Vernaschen gern, steckt ihn in den Käfig und mästet ihn. Statt des Fingergliedes steckt Hänsel ihr ein Knöchelchen hin, wenn sie seine Reife prüft. Das Märchen ist beliebt, vielfach gedeutet, auch, 1974, von Iring Fetcher als „präfaschistische Pogromstory“ - ihm ist die Hexe das Opfer, und so ist es jetzt auch bei Adolf Muschg, der die „antifaschistischen“ Pädagogen der Odenwald-Schule gegen eine Hexenjagd schützen will, auch die Päderasten unter ihnen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber am Anfang stehen die Eltern, auch in der modernen Variante des Märchens. Da ist der Wald nicht finster und bitterkalt, sondern lieblich und licht: der Odenwald, ein naturkultivierter Höhenzug, der in die rebenbedeckten, sonnenverwöhnten Hänge der Bergstraße ausläuft. Die Eltern von Odenwaldschülern sind keine armen Holzhacker. Sie gehören, von denen der Stipendiaten abgesehen, zur Elite des Landes, tragen klangvolle, oft weithin bekannte Namen, sie sind wohlhabend, müssen es sein, schon um das Schulgeld aufbringen zu können, und mitunter sind sie reich. So einen reichen Vater hatte auch unser Hänsel, vulgo Johannes, Name geändert, dem die Eltern drei Wochen vor dem Stichtag mitteilten, dass er nun auf ein Internat käme.

          Viele fürchten um den Ruf der Schule

          Das war im Sommer 1968, der Bub war dreizehn Jahre alt, er wusste nicht einmal, was das war, ein Internat. Im Schloss seines Vaters gab es „die unten und die oben“, Johannes bewohnte mit seinen Geschwistern, wechselnden Gouvernanten und sonstigem Personal die untere Etage, nach oben wurden die Kinder nur selten, ungern vorgelassen, kaum zu den Mahlzeiten. Sie hatten nicht zu stören, Kontakt zu anderen Kindern aus schlichteren Verhältnissen ward ungern gesehen. Sonntags kam ein Diener herunter und sagte den Kindern: „Eure Eltern erwarten euch.“ Johannes nennt das Milieu die „großbürgerliche Eisigkeit“. Ins Internat brachten ihn nicht die Eltern, sondern ein Chauffeur, aber unauffällig, mit einem VW 1600. Der Bentley kam erst später zum Einsatz, wurde aber, ein gutes Stück entfernt von der Schule, gleichsam versteckt.

          Johannes brauchte eine Weile, bis er seine Angst ablegte, in den ersten Monaten betrat er niemals, wie zu Hause, von sich aus die oberen Etagen der verstreut liegenden Pfefferkuchenhäuschen, in denen die Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern in sogenannten „Familien“ untergebracht waren. Aber es dauerte nicht Monate, sondern nur wenige Tage, bis ihm die Odenwaldschule geradezu als Paradies erschien. Die Lehrer waren zugewandt; man lebte miteinander und wurde ernst genommen. Johannes sagt, er habe damals zum ersten Mal erfahren, dass ihm auf Fragen wirklich geantwortet, dass ihm zugehört, mit Respekt begegnet wurde. Ein bisher ungekannter Freimut, wie geladen vom Sommerlicht dieser Augusttage. Bald fiel das ewige Gehorchen- und Gefallenmüssen wie eine Last von ihm.

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