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Veröffentlicht: 05.01.2016, 13:53 Uhr

Sexuelle Übergriffe in Köln „Das war eine enthemmte Meute“

An Neujahr zog die Kölner Polizei zunächst noch eine überwiegend positive Bilanz der Silvesternacht. Doch dann gab es Dutzende Anzeigen von Frauen, die sexuell belästigt und beraubt wurden. Mittlerweile sind es 90. Waren zu wenige Polizisten vor Ort?

von , Köln
© dpa Zwischen Domtreppe und Kölner Hauptbahnhof kam es in der Silvesternacht offenbar zu schweren Übergriffen auf Frauen.

Über Köln donnerte in der Silvesternacht das Feuerwerk. Es stieg so viel Rauch auf, dass der Dom zeitweise nicht mehr zu sehen war. An manchen Stellen richteten Einzelne Raketen auf Menschentrauben, auf den ersten Blick das alljährliche Silvesterchaos. Auch die Polizei zog am Neujahrsmorgen, um 8.57 Uhr, unter der Überschrift „Ausgelassene Stimmung“ eine zurückhaltend positive Bilanz. Die Feierlichkeiten seien weitgehend friedlich verlaufen. Nur am Ende der Meldung heißt es, dass der Platz zwischen Hauptbahnhof und Domtreppe zeitweise hätte geräumt werden müssen. Eine Gruppe von tausend Feiernden habe sich dort aufgehalten, Feuerwerkskörper seien gezündet worden. Um eine Massenpanik zu verhindern, wurde der Platz geräumt. „Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt.“

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Noch am Neujahrstag aber erstatteten Dutzende Frauen Anzeige, die vor dem Hauptbahnhof teils heftig attackiert worden waren. In sozialen Netzwerken und in den Lokalzeitungen äußerten sich Frauen, die an den Po gefasst, herum geschubst und beklaut worden waren. Die Bilanz drei Tage später: 90 Anzeigen sind bei der Polizei wegen sexueller Übergriffe, Diebstahl und Körperverletzung eingegangen. Einer Zivilpolizistin wurde, wie die Polizei bekannt gab, in die Hose gefasst. Außerdem soll es zu einer Vergewaltigung gekommen sein.

„Eine enthemmte Meute“

Eine Verkäuferin aus dem Kölner Hauptbahnhof, die kurz vor Mitternacht die Bahnhofshalle verlassen wollte, um sich in der Altstadt mit Freunden zu treffen, sagt FAZ.NET am Dienstag: „Ich bin das Chaos gewohnt, das kenne ich aus dem Karneval.“ Eine so eskalierende Stimmung habe sie dort aber noch nie erlebt. „Das war eine enthemmte Meute“, beschreibt sie die Gruppe von rund tausend Menschen auf dem Vorplatz. Kleinere Gruppen hätten sich gebildet, es sei geschubst und randaliert worden. Die Männer hätten ausgesehen, als seien sie aus Tunesien oder Afghanistan, sagt die Verkäuferin. Die Polizei spricht von Tätern die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammen“.

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Die Verkäuferin kehrte in der Silvesternacht um, die Polizei versperrte den Ausgang zum Bahnhofsvorplatz. Im Bahnhof sah sie weinende Menschen. „Da waren einfach viel zu wenige Polizisten“, sagt sie. „Ich habe mich, obwohl ich selbst nur im Bahnhof war, bedroht gefühlt und bin immer wieder geschubst worden.“

Der Vorsitzende der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Sven Lehmann, sagt: „Aufgeklärt werden muss auch, warum die Polizei in Köln abermals von einer aggressiv auftretenden Menschenmenge derart überrascht wurde.“ Der Kölner Polizeipräsident Albers widerspricht diesem Vorwurf: „Wir waren mit starken Kräften im Einsatz.“

„Überall begrapscht“

Die Schilderungen der Verkäuferin ähneln den Augenzeugenberichten, die Kölner Lokalzeitungen am Wochenende nach den Übergriffen in der Silvesternacht veröffentlichten. „Mir wurde unter mein Kleid und an mein Gesäß gegriffen“, sagte eine junge Frau dem „Kölner Stadtanzeiger“. Eine andere Frau schilderte dem „Express“, wie sie auf dem Weg vom Bahnhof zur benachbarten Disko „Alter Wartesaal“ attackiert wurde: „Wir liefen dann durch diese Männergruppe. Es tat sich eine Gasse auf, durch die wir liefen. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Po, dann an meinen Brüsten, schließlich wurde ich überall begrapscht.“

© dpa, reuters Maas: „Täter von Köln müssen bestraft werden“

Am Neujahrsmorgen tauchten erste entsprechende Berichte in den sozialen Medien auf. In der Facebook-Gruppe „Nett-Werk Köln“ etwa, wo sonst gebrauchtes Geschirr abgegeben oder Ausgehtipps ausgetauscht werden, berichtete ein Mann, wie er mit seiner Freundin durch das Getümmel gelaufen war. Obwohl er die Hand seiner Freundin gehalten habe, sei ihr immer wieder unter das Kleid gefasst worden. Er stellte in seinem Kommentar einen Zusammenhang mit Flüchtlingen in Deutschland her. „Ist es das, wofür ich den halben Inhalt meines Kleiderschrankes gespendet habe? Ist das das neue Köln? Ist das das neue Deutschland?“

Die Polizei hingegen versucht den Eindruck zu vermeiden, dass es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingen, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland kamen, und den Übergriffen gibt. Im „Kölner Stadtanzeiger“ wurde ein Ermittler zitiert, der diesen ausdrücklich ausschließt.

An diesem Dienstag ist die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) mit Polizei-Vertretern und Stadtdirektor Guido Kahlen zu einem Krisentreffen zusammengekommen, für den Nachmittag wurde eine Pressekonferenz anberaumt. „Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht“, sagte Reker dem „Kölner Stadtanzeiger“. Es könne nicht sein, dass Köln-Besucher damit rechnen müssten, überfallen zu werden. Ähnlich äußerte sich NRW-Innenminister Ralf Jäger im „Express“: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“

In einem Monat wird in Köln der Karneval gefeiert. Viel mehr Menschen als zu Silvester werden dann durch die Stadt strömen. Viele kommen aus dem Ausland und aus anderen Ecken Deutschlands, um Teil der großen Ausgelassenheit und der tagelangen Feier zu sein. Bis dahin braucht Köln ein neues Konzept für die Sicherheit.

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Von Jasper von Altenbockum

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