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Schröders bizarrer Abgang : Als der Deckel vom Kessel flog

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Im Fernsehduell eine Woche vor der Wahl ging es zwischen dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder und der Unionskandidatin Angela Merkel noch entspannter zu (Archivbild 12. September 2005) Bild: dpa

Vor zehn Jahren endete die Ära des Kanzlers Schröder. Mit einem bizarren Abgang machte er seine Nachfolgerin stark. In einem Gastbeitrag für die F.A.S. wirft der Historiker und Schröder-Biograph Gregor Schöllgen einen Blick zurück auf eine legendäre Wahlnacht.

          Im Frühjahr 2005 stieß Gerhard Schröder an seine Grenzen. Eigentlich war Überforderung für ihn ein Fremdwort. Und massive Angriffe kannte er nicht erst, seit er im Oktober 1998 als dritter Sozialdemokrat nach Willy Brandt und Helmut Schmidt das Kanzleramt bezogen hatte. Doch der Dauerbeschuss, unter dem er und seine rot-grüne Regierung jetzt lagen, hatte eine neue Qualität. Der Respekt, den ihm im Frühjahr 2003 das Nein zur Teilnahme am Irak-Krieg der Amerikaner eingetragen hatte, war verflogen. Und dass sein Programm umfassender innerer Reformen, die "Agenda 2010", die der Bundeskanzler Mitte März 2003 im Bundestag vorgestellt hatte, ein Jahrzehnt später national wie international als vorbildlich gelten könnte, glaubte im Frühjahr 2005 kaum jemand.

          An dem Sperrfeuer auf Gerhard Schröder beteiligten sich: mehr oder weniger geschlossen die Presse des Landes von "Bild" bis zum "Spiegel", die großen Gewerkschaften sowie, wenn auch eher verhalten, die bürgerlichen Oppositionsparteien CDU, CSU und FDP. Besonders heftig fühlte sich Schröder von links attackiert, also durch die PDS, durch die 2004 auch von abtrünnigen Sozialdemokraten gegründete "Wahlalternative" WASG - und nicht zuletzt durch die Linken in seiner eigenen Partei.

          Seit Anfang 2005 mehr als fünf Millionen Arbeitslose gezählt worden waren, weil jetzt auch die vormaligen Empfänger von Sozialhilfe in dieser Statistik auftauchten, kippte die Stimmung in Partei und Fraktion. Das hielt Franz Müntefering Mitte Juni 2005 im Rückblick für Gerhard Schröder schriftlich fest. Müntefering führte die Bundestagsfraktion seit September 2002 und hatte im März 2004 von Schröder den Vorsitz der SPD übernommen. Der Bundeskanzler hatte sich nach fünf Jahren an der Spitze der Partei zum Rücktritt entschlossen, weil der sich dort gegen seine Reformpolitik formierende Widerstand zu viel Kraft absorbierte.

          Je weiter das Jahr voranschritt, umso mehr mussten Schröder und Müntefering davon ausgehen, dass die am 22. Mai anstehende Wahl in Nordrhein-Westfalen kaum mehr zu gewinnen sei. Damit würde auch dieses für die SPD so wichtige Bundesland verlorengehen. In dieser Einschätzung waren sich die beiden mit den Linken in den eigenen Reihen einig. Allerdings ließen die auch keinen Zweifel daran, dass man nach einem Regierungsverlust in der "Herzkammer" der Sozialdemokratie die Reformpolitik der Bundesregierung einer "Inventur" unterziehen müsse.

          Franz Müntefering und Gerhard Schröder waren die Architekten des Endes von Rot-Grün. Ins Vertrauen zogen sie fast niemanden.

          Der Kanzler und der Fraktions- und Parteivorsitzende wussten, was das heißt: Er gehe davon aus, sagte Müntefering in diesen ersten Wochen des Jahres 2005 zu Schröder und hielt das später auch in seinen Notizen für den Kanzler fest, dass „eine klare Niederlage in NRW" entweder „zum absoluten Attentismus oder zur unkalkulierbaren Mehrheitssituation in der Fraktion" führen werde: „Wir waren uns klar, dass das Land Nichtstun nicht vertragen kann und wir für unsere weiterführende Politik eine neue Legitimation brauchen."

          Danach sprachen Gerhard Schröder und Franz Müntefering drei-, vielleicht auch viermal über mögliche Folgen einer schweren Niederlage in Nordrhein-Westfalen. Die Weichen wurden am 5. Mai gestellt: „19.30 Uhr Gespräch BK (Bundeskanzler) mit Franz Müntefering - Wohnhaus BK -; Essen wird pünktlich ... angeliefert. Ausgesucht hatte Doris Spargel mit Kalbsfilet", hält die Terminakte fest. Dort beschlossen die beiden, am Tag der Wahl in Nordrhein-Westfalen definitiv zu entscheiden, ob man im Bund auf vorgezogene Neuwahlen setzt.

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