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Senioren-Union : Es ist alles noch viel schlimmer

  • -Aktualisiert am

Brief der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft, der dem Magazin „Souverän“ beiliegt. Bild: Archiv

Wer das Magazin der Senioren-Union der CDU liest, muss sich fürchten. Der Weltuntergang steht anscheinend kurz bevor. Nur einer könnte die Rettung bringen: ein freundlicher Goldverkäufer. Doch der geht nicht ans Telefon.

          Die Senioren-Union der CDU gibt ein Magazin heraus, es heißt „Souverän“. In der aktuellen Ausgabe erfahren die Leser, wie schlecht es Deutschland geht. Nämlich wahnsinnig schlecht. Auf dem Titelblatt steht dick: „Das System steht vor dem Kollaps.“ Das bezieht sich auf Flüchtlinge. Aber es passt zu fast allen längeren Artikeln im Heft. Der über Flüchtlinge heißt sicherheitshalber noch mal: „Der Zusammenbruch des Systems naht.“ Auch das Ende des Christentums in Deutschland droht, wie aus zwei Texten zu erfahren ist. Und besonders schlimm: Das Bargeld wird vielleicht abgeschafft. Kurzum, bald ist es vorbei mit allem, was älteren Menschen Sicherheit gibt. Schreibt die Senioren-Union. Und legt ihrem Heft einen Brief bei, der Rettung verheißt.

          Aber er rettet keinen, ganz im Gegenteil. Der Brief ist ein Werbetrick. Sein Absender ist eine Firma. Sie nutzt die Ängste und die Arglosigkeit alter Leute, um Geld zu verdienen. So etwas passiert natürlich ständig, landläufig nennt man das Abzocke und fachsprachlich Demenzmarketing. Was allerdings selten passiert, ist, dass eine Partei ihre eigenen Mitglieder dafür hergibt, also verkauft. Und die Politik der eigenen Bundeskanzlerin gleich dazu.

          Der Brief sieht gut aus, seriös und geheimnisvoll. Er besticht durch ein originelles Detail: In seinem Sichtfenster klebt eine Münze, ein echtes Eincentstück. Auf dem Papier darunter erscheinen die Federn des Bundesadlers in Hellgrau. Wer das Kuvert öffnet, liest nun, ihn erwarte „ein besonderes Dankeschön für die Mitglieder der Senioren Union“. Dankeschön wofür bloß? Es gibt nur eine einzige Erklärung: für die Treue zur Senioren-Union. Und so steht es dann auch im Text. „Speziell für Sie als treue Mitglieder der Senioren Union haben wir heute ein ganz besonderes Dankeschön.“ Gemeint ist die Möglichkeit, eine golden glänzende Bismarck-Medaille für 12,90 Euro zu kaufen statt für 59,90. Dazu gibt es eine vergoldete D-Mark geschenkt. Absender ist Andreas Bergmann, Leitung Leser-Service, seine Unterschrift ziert den Brief. Auch eine Visitenkarte mit Foto hat er beigelegt.

          Herr Bergmann lächelt ein Schwiegersohnlächeln. Dabei gibt es ihn gar nicht. Aber das weiß fast keiner. Er scheint für die Senioren-Union zu arbeiten. Das muss man jedenfalls annehmen, weil deren Name allein fünfmal auf dem Brief steht. Und welche sogenannte Abteilung Leser-Service soll Herr Bergmann denn leiten, wenn nicht die des Magazins „Souverän“ der Senioren-Union? In dem blättert man schließlich gerade.

          Wer Herrn Bergmanns Nummer anruft, landet in einem Call-Center. Da heißt es: Herzlich willkommen bei der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft. Im Call-Center gibt man sich große Mühe, die Existenz von Andreas Bergmann vorzutäuschen. Die Frau am Telefon sagt, er sei nicht im Haus. Sie selbst helfe aber gern weiter, wenn man Goldmünzen kaufen wolle. Am nächsten Tag ist ein Mann dran. Ob Herr Bergmann heute da sei? Leider nein. Wann denn dann? Die Stimme des Mannes brummt wie der Motor einer Fähre, die gerade den Hafen verlässt. „Das ist ganz schwer zu sagen. Herr Bergmann ist viel unterwegs.“ Man könne ihm aber eine E-Mail schreiben. Der Mann nennt eine Info-Adresse der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft. Mails würden von dort an Herrn Bergmann weitergeleitet. Noch einen Tag später ist wieder die Frau dran. Diesmal hat sie Herrn Bergmanns persönliche E-Mail-Adresse. Außerdem könne man seine Telefonnummer hinterlassen, Herr Bergmann rufe dann zurück. Fünf Stunden später ist es so weit.

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