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Seehofer entlässt Büroleiter Verzweifelt gesucht: Der bayerische Catilina

10.03.2010 ·  Ministerpräsident Seehofer hat sich von seinem Büroleiter getrennt. Dem Spitzenbeamten wird vorgeworfen, versucht zu haben, den Computer des CSU-Landesgeschäftsführers auszuspähen. Wenig erstaunlich, dass damit allerlei Spekulationen verbunden werden.

Von Albert Schäffer, München
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In herrlichen Zeiten wähnen sich in Bayern Fachleute für Konspirationen aller Art, die durch die Lektüre von John Le Carré geschult sind. Ihre Phantasie befeuert, dass sich Ministerpräsident Seehofer von seinem Büroleiter trennen musste, weil dem Spitzenbeamten vorgeworfen wird, versucht zu haben, den Computer des CSU-Landesgeschäftsführers auszuspähen, der wiederum niemand anderes dient als dem Parteivorsitzenden Seehofer.

Wenig erstaunlich, dass mit dieser Konfiguration allerlei Spekulationen verbunden werden - ja, manche sogar glauben, dass sich dahinter ein Machtkampf zwischen dem Ancien Régime, sprich Gefolgsleuten des früheren Ministerpräsidenten Stoiber, und den neuen Männern (und Frauen) verbirgt, die an der Seite Seehofers ihren Aufstieg genommen haben.

Mancher sieht München schon auf Augenhöhe mit antikem Rom

Die freudige Erregung, im kleinen bayerischen Kosmos nachspielen zu können, was sonst größeren Bühnen vorbehalten zu sein scheint – mancher sieht München schon auf einer Augenhöhe mit dem antiken Rom und der Verschwörung des Catilina – , mag auch nicht zu dämpfen, dass die Realität ein wenig banaler sein könnte. Schon die handelnden Charaktere erschweren es, den ganz großen Thriller zu arrangieren.

Der bisherige Büroleiter Seehofers, Markus Z., gebürtiger Augsburger des Jahrgangs 1965, galt bis zu seiner Entbindung von seinen Aufgaben als korrekter und loyaler Beamter. Er hatte seinen Weg in der bayerischen Staatsverwaltung im Sozialministerium begonnen; lange Zeit war er als Beamter beurlaubt und arbeitete in der CSU-Landesleitung, zuerst als Referent, dann als Abteilungsleiter, schließlich als Landesgeschäftsführer.

Erst im Dezember war er von der Parteiarbeit in den Staatsdienst zurückgekehrt – als Seehofers Büroleiter in der Staatskanzlei. An dieser Vita knüpft sich eine Lesart, die Verschwörungstheoretiker nicht zu begeistern vermag: Z. habe sich – wenn auch mit unzulässigen Methoden – nur versichern wollen, dass an seiner alten Wirkungsstätte nichts schief laufe. Ein fehlgeleitetes Kontrollbedürfnis, lautet eine laienpsychologische Zuordnung, für ein Epos über Diadochenkämpfe eher ungeeignet. So schnell geben die Fachkräfte für Komplotte und Konterrevolutionen aber nicht auf. Sie erinnern daran, dass der CSU-Landesgeschäftsführer Bernhard S., dessen digitale Spuren Z. nachgespürt haben soll, selbst in der Staatskanzlei beschäftigt gewesen ist, bevor er in die Parteidienste wechselte.

S., ein Münchner des Jahrgangs 1960, hatte bis zum vergangenen Jahr die bayerische Vertretung in Berlin geleitet; zuvor war er Pressesprecher der CSU, noch weiter zurückliegend stellvertretender Sprecher der Staatskanzlei – damals hieß der Ministerpräsident Stoiber, was Ordnungsfanatiker bewegt, S. das Etikett „Stoiber-Mann“ anzuheften. Schwieriger werden diese Klassifizierungsarbeiten freilich dadurch, dass Z. CSU-Landesgeschäftsführer in einer Zeit wurde, in der Stoiber Parteivorsitzender war – er also auch für das Stigma „Vorsicht Stoiberling!“ taugt. Was aber hartgesottene Konspirationsliebhaber nicht verdrießt; sie gehen eine Verschwörungsebene tiefer und suchen Trost darin, dass S. schließlich einmal Mitarbeiter des einflussreichsten Beraters Stoibers gewesen sei.

Spielverderber wenden ein, dass es sich vielleicht noch vieler banaler verhalte: schließlich hätten es S. und Z. in der CSU-Landesleitung einige Zeit miteinander aushalten müssen – S. als Parteisprecher, Z. als Landesgeschäftsführer. Vielleicht wurzele der ganze Vorgang in dem weiten Feld, den nicht nur Nietzscheaner unter die Rubrik „Menschliches, Allzumenschliches“ verbuchen, wird gemutmaßt, nicht ohne zu konzedieren, dass es schwer aufzuklären sein wird, wer sich wann möglicherweise am Kaffeeautomaten vorgedrängelt hat. In dieser Rubrik wird verbucht, was Z. – der den Vorwurf der Ausspähung eingeräumt haben soll – veranlasst haben mag, sich S. akkurat in der Computerwelt zu nähern, wo auch der kleinste Schritt auf Servern dokumentiert wird; auch intelligente Menschen seien auf eine Weise eben dumm, preschen die Laienpsychologen wieder vor.

„Affäre Pauli“ als Hornsignal zum Sammeln

Als letzter Zufluchtsort bleibt den großen und kleinen Konspirationssuchenden nur die jüngere bayerische Historie. Habe sich nicht schon Stoiber von einem Büroleiter trennen müssen, weil dieser mit Blick auf die Landrätin Gabriele Pauli das Aufklärungsinteresse zu weit gefasst habe? fragen sie triumphierend. Damals, anno 2006, hatte der Beamte H. sich allerdings nur in einem Telefonat bei einem CSU-Bekannten erkundigt, was Pauli bei ihrem parteiinternen Feldzug gegen Stoiber antreibe.

In einem Disziplinarverfahren, das H. später selbst beantragte, bescheinigte ihm die Landesanwaltschaft, sich untadelig verhalten zu haben – was Stoiber freilich nichts mehr nutzte, dessen innerparteiliche Gegner die „Affäre Pauli“ als Hornsignal zum Sammeln verstanden hatten. Auch wenn die Fälle H. und Z. damit nicht vergleichbar sind, könnte Seehofer dieses Hornsignal sehr gegenwärtig gewesen sein, als er sich blitzartig von Z. trennte, sobald der Vorwurf der Ausspähung ruchbar wurde.

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