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„Schulz-Zug“ : Mit 80 gegen den Prellbock

Volle Fahrt oder Prellbock? Der Schulz-Zug hat ein Formtief Bild: dpa

„Entgleist“ und „gegen den Prellbock gefahren“: Der „Schulz-Zug“ hat ein Formtief. Aber muss man deshalb gleich so demotiviert sein? Und warum orientiert sich die SPD nicht an dem edlen Ritter, der seinen Mantel geteilt hat? Eine Glosse.

          Das eine muss mal gesagt werden: Man konnte das Wort „Schulz-Zug“ schon längst nicht mehr hören. Aber nun, da er in die falsche Richtung gefahren, mit Wucht gegen den Prellbock geprallt, aufs Abstellgleis gekommen, bei voller Fahrt auf offener Strecke stehengeblieben und vom Wähler mit der Notbremse gestoppt worden ist, tut es einem doch ein wenig leid um den Begriff. Auch wenn es schon immer nachhaltig irritierend war, wie man ein Wort für rasende Unaufhaltsamkeit ausgerechnet mit der Deutschen Bahn verbinden konnte.

          Aber sei’s drum, der Zug ist jetzt abgefahren – Verzeihung, schon wieder. Jetzt ist Zügelung nötig, sonst gerät man am Ende noch aufs falsche Gleis. Und wohin das führen kann, sieht man ja gerade bei der SPD: ins Schwitzen wie in einem vollbesetzten ICE im Hochsommer zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Hannover – natürlich ohne Klimaanlage. Schon aus olfaktorischen Gründen kann das niemand wollen.

          Nein, man sollte lieber an jene endorphingesättigten Zeiten zurückdenken, in denen das Wort Zug für die Genossen noch nicht so negativ besetzt war und noch Freiheit trotz Sozialismus verhieß. An Willy Brandt zum Beispiel, bei dem zwar noch niemand vom „Brandt-Zug“ gesprochen hätte, in dessen politischem Wirken der  „Salonwagen 10205“, in dem er durch Deutschland rollte, aber nicht nur zu Wahlkampfzeiten eine bedeutende Rolle spielte. Auch Konrad Adenauer ließ sich, wie vor ihm Hermann Göring und nach ihm Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger, in dem plüschgepolsterten Waggon durch die Lande karren und erreichte nur deshalb absolute Mehrheiten!

          Keine Sitzbadewanne? Ist das das Problem?

          Warum also hat die SPD plötzlich so ein Problem mit Zügen, wo sie noch vor ein paar Wochen nicht genug von ihnen bekommen konnte? Ist sie nach drei verlorenen Landtagswahlen wirklich schon am Ende, was die Selbstberauschung angeht? Oder ist ihr eigentliches Problem, weshalb sie jetzt plötzlich so grantig und niedergeschlagen ist, ein anderes: dass es im Schulz-Zug keine Sitzbadewanne gibt wie bei Adenauer und Brandt, die von Katharina Barley und manchmal auch von Sigmar Gabriel (wenn er gerade nicht mit Netanjahu streitet) mit Quellwasser aus einer Grotte in Würselen gefüllt wird, das sie von Hand über edelstem Buchenholz erwärmt haben?

          Nicht die beste Referenz: Martin Schulz im Wahlkampf in Schleswig-Holstein mit Torsten Albig in einem Regio-Zug zwischen Kiel und Lübeck
          Nicht die beste Referenz: Martin Schulz im Wahlkampf in Schleswig-Holstein mit Torsten Albig in einem Regio-Zug zwischen Kiel und Lübeck : Bild: dpa

          Nein, Züge sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Erfolgsgeschichten in der Politik, das wusste schon Lenin. Deshalb wird es auch höchste Zeit, nach vorne zu blicken und den Zug-Begriff wieder positiv zu besetzen. Und wenn es stimmt, was derzeit auf den Fluren des Willy-Brandt-Hauses gemunkelt wird, dann wird die Imagekampagne, die die SPD jetzt gemeinsam mit der Deutschen Bahn plant, der Knaller: Martin Schulz als Lokführer zwischen Rotenburg (Wümme) und Delmenhorst, der den Bummelzug eigenhändig vom Abstellgleis auf die Schnellstrecke steuert und dort auf rasende Höchstgeschwindigkeit beschleunigt (80 Stundenkilometer).

          Der seinen Mantel teilt: Was für ein Gleichnis!

          Oder, noch subtiler: Schulz als ehrlicher Gleisarbeiter, der nach einer quälend langen Strecke endlich drei defekte Waggons abkoppeln kann, die den Zug bis zum Stillstand gebremst haben. In einem sitzt die weinende Hannelore Kraft, im zweiten Torsten Albig, der sich mit einer Frau auf Augenhöhe austauscht, die Person im dritten kennt man nicht. Einmal befreit, nimmt die Lokomotive, gesteuert von Schulz, schnell wieder Fahrt auf – solche Bilder kriegt nicht mal Christian Lindner in Schwarzweiß hin!

          Trotzdem gibt es manchen im Willy-Brandt-Haus, der dem „Schulz-Zug“ weiter abschwören und künftig lieber von „Martins Zug“ reden möchte. In der Tat: Was wäre das für ein wunderbares Gleichnis im Wahlkampf! Ein edler, durch und durch gütiger Ritter reitet mit seinem Pferd durch ein Armenviertel, als er am Straßenrand eine bettelnde Gestalt entdeckt: einen langjährigen SPD-Anhänger. Er zögert ungewöhnlich lange, besinnt sich dann aber doch und teilt für ihn seinen weiten, mit Europa-Sternen durchwirkten blauen Mantel. Der Genosse will ihm danken und „Martin, Martin“ rufen, doch der Ritter reitet ohne ein Wort von dannen.

          Erst als er nicht mehr zu sehen ist, weil eine Korona gleißenden Lichts ihn umhüllt, bemerkt der SPD-Anhänger, dass der Mantel durchlöchert ist.

          Quelle: FAZ.NET

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