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Veröffentlicht: 17.08.2012, 14:33 Uhr

Schulunterricht Inklusion mit Augenmaß

Manchem gilt Inklusion als Zauberwort, das eine neue pädagogische Epoche einläuten soll. Erzwungene Gemeinsamkeit aller hilft aber weder den behinderten noch den nichtbehinderten Kindern.

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© dpa Unterricht in Hannover: Der gemeinsame Schulbesuch von behinderten und nicht-behinderten Kindern wird seit Jahren per UN-Konvention gefordert

Wenn erst behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden, dann werden davon alle profitieren, Benachteiligungen sich von selbst erledigen oder zumindest relativeren und alle Kinder sich zu ihrem Vorteil entwickeln. So lässt sich die übersteigerte Erwartung an die sogenannte Inklusion zusammenfassen.

Heike Schmoll Folgen:

Nicht nur in Hamburg ist die gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern an die Stelle der Utopie von der Einheitsschule getreten. Inklusion scheint für viele das Zauberwort zu sein, das eine neue pädagogische Epoche einläuten soll. Völlig unklar ist indessen, wie der gemeinsame Unterricht in Schulen eigentlich verwirklicht werden soll. Weder sind die meisten Gebäude barrierefrei, noch verfügen die Schulen über Lehrer, die für die neue Aufgabe auch nur annähernd ausgebildet wären. Wer die Inklusion als quasi-totalitären Anspruch an Schulen zu kritisieren wagt, setzt sich dem Verdacht aus, der Selektion anzuhängen und sich den Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zu widersetzen.

Doch davon kann keine Rede sein. In der UN-Konvention, der mehr als 150 Staaten einschließlich der Bundesrepublik zugestimmt haben, geht es ganz elementar darum, Menschen mit Behinderungen Zugang zum staatlichen Bildungssystem zu geben. Den haben sie in Deutschland längst, und zwar je nach Grad der Behinderung an allgemeinbildenden Schulen oder Förderschulen, die in der Konvention ausdrücklich nicht als Form von Diskriminierung gebrandmarkt werden, sondern als behindertengerechte Förderung. Würde dies erst einmal zur Kenntnis genommen, könnte die emotionalisierte Debatte über die Inklusion erheblich sachlicher geführt werden.

Die richtige Förderung ist nicht eine Frage des richtigen Systems

Stattdessen aber schüren viele verantwortliche Ministerien Ängste auch und vor allem unter den Eltern behinderter Kinder, die mit Förderschulen gute Erfahrungen gemacht haben. Nirgendwo in der UN-Konvention steht geschrieben, dass es nur Inklusion total oder Förderschulen geben kann. Es wird weiterhin beides geben müssen. Länder, die wie Baden-Württemberg glauben, die Förderschulen zugunsten einer Inklusion aller Kinder in Gemeinschaftsschulen oder Gymnasien aufgeben zu können und die Förderschullehrer von Schule zu Schule fahren zu lassen, werden spätestens im Alltag eines Besseren belehrt werden. Ansonsten werden die Sozialgerichte sie dazu zwingen, worauf erste Urteile schließen lassen.

Hamburg hat die Gutachten für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, wie das im Amtsdeutsch heißt, kurzerhand abgeschafft. An die Stelle der Einzelgutachten soll künftig eine systemische Förderung mit entsprechenden Pauschalen an jeder Regelschule werden. Das soll also individuelle Förderung sein? Hofft der Senator auf diese Weise, die Anzahl der als behindert angesehenen Kinder zu reduzieren?

Ein Schulversuch in Hamburg, der schon einige Zeit zurückliegt, endete mit dem Ergebnis, dass sich durch Inklusion weder die Quote förderschulbedürftiger Kinder ändert noch die Zahl der Empfehlungen für das Gymnasium stieg. Vor allem aber wiesen die Kinder mit schlechten Lernvoraussetzungen nach vier Jahren immer noch genauso schlechte oder noch schlechtere auf. Das bedeutet, dass die Förderung behinderter Schüler nicht eine Frage des jeweiligen Systems ist. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Lernort, Bezugsperson und Qualität des Unterrichts. Das hätte man schon seit „Pisa“ wissen können, wenn es nicht längst üblich wäre, empirische Studien nur insoweit wahrzunehmen, als sie die eigene Meinung bestätigen.

Schule erzeugt immer Differenz

Es wird einzelne Behinderte geben, die von einer gemeinsamen Beschulung profitieren, vorausgesetzt sie treffen auf sonderpädagogisch geschulte Lehrer und integrationswillige Klassen. Doch was soll aus Schülern mit dissozialer Gewaltbereitschaft oder mit mehrfachen Verhaltens- und Lernstörungen in einer Regelklasse werden, in der es ohnehin schon viele verhaltensauffällige Kinder gibt?

Mit solchen Klassen sind auch begabte Lehrer überfordert, weil sie in ihrer Ausbildung darauf nicht vorbereitet wurden. Sie sollen alle gesellschaftlichen Probleme auf einmal lösen: von den Eltern versäumte Erziehung nachholen, Einwandererkinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen fördern und inklusiven Unterricht in einer heterogenen Klasse leisten. Das wird nicht gelingen, solange sich nicht die Lehrerausbildung ändert. Mit unzureichend fortgebildeten Lehrern kann Inklusion nur scheitern.

Die unterschiedliche Leistungsfähigkeit von Schülern führt zwangsläufig zur Schichtung von Schülern, ganz gleich in welchem System. Schule erzeugt immer Differenz. Das zur Kenntnis zu nehmen, könnte manche Erwartung von Anfang an dämpfen. Doch davon ist die deutsche Debatte weit entfernt.

Niemand wird sich einer stärkeren Integration von Kindern mit Behinderung verschließen. Ein Zwang zur Gemeinsamkeit aller hilft aber weder den behinderten noch den nichtbehinderten Kindern. Die Gemeinsamkeit darf niemandem aufgezwungen werden. Es gilt Freiräume für individuelle Entscheidungen zu erhalten - für die Eltern und vor allem ihre behinderten Kinder.

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Quelle: wahlrecht.de
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Von Heike Schmoll

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