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Veröffentlicht: 24.10.2016, 15:42 Uhr

Schulsystem Der Mythos der Bildungsungleichheit ist falsch

Kinder mit Migrationshintergrund sind nicht dümmer als Einheimische. Und es ist eine Mär, dass sie in Deutschland systematisch benachteiligt werden. Ein Gastbeitrag.

von Hartmut Esser
© dpa Grundschule in Chemnitz: Kinder von Zuwanderern lernen mit.

Zweifellos haben Kinder aus Migrantenfamilien in den Bildungsinstitutionen besondere Hürden zu überwinden. Das Problem der Ungleichheiten zwischen eingewanderten und einheimischen Kindern beim Bildungserfolg erfährt durch die aktuellen Entwicklungen neue Aufmerksamkeit. Über die Ursachen gibt es seit jeher kontroverse Auffassungen. Liegt es an allgemeinen Bedingungen wie an ihrer sozialen Herkunft oder an den vorübergehenden Schwierigkeiten nach der Einwanderung? Oder sind es nicht die dauerhafte Ausgrenzung und ein Mangel an „Anerkennung“ der ethnischen Heterogenität in Gesellschaft und Bildungswesen, die dafür sorgen?

Viel an empirischer (Bildungs-)Forschung mit nicht immer ausreichend belastbaren Befunden hat es dazu gegeben. Inzwischen schält sich jedoch ein recht eindeutiges Bild heraus. Danach sind es nicht die kognitiven Fähigkeiten, nicht fehlende „Intelligenz“, die für die Benachteiligung der Migrantenkinder verantwortlich sind, eher im Gegenteil. Wenn sie die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen, sind die Migrantenkinder oft besser als die Einheimischen. Gleichwohl gibt es Probleme, und zwar schon bei den Leistungen in der Grundschule und später auch in der Sekundarstufe. Der soziale Status der Migrantenfamilien ist meist gering, in der ersten Generation sind die Eltern kaum der Sprache des Aufnahmelandes mächtig. Hinzu kommen kulturelle Besonderheiten. Die Eltern beschäftigen sich zu wenig mit ihren Kindern und halten oft dauerhafte Beziehungen in das Herkunftsland aufrecht, die sich in der Heiratsmigration zeigen, und die den Prozess der Integration immer wieder bremsen.

An den Lehrern und an womöglicher Diskriminierung in der Schule liegt es, nach allem, was sich zeigt, gewiss auch nicht. Bei den Noten gibt es bei gleichen Leistungen so gut wie keine Unterschiede, und die Empfehlungen sind sogar eher großzügiger als bei den Einheimischen. Und an Bildungsbeflissenheit fehlt es den Migrantenfamilien erst recht nicht. Wann immer es geht, ziehen sie, anders als die Einheimischen aus den unteren Schichten, den höheren Bildungsweg vor. Allerdings gelingt es ihnen trotz ihres Optimismus nur selten, diesen Weg auch zu gehen. Im Übrigen ändern weder Kompetenzen in der Muttersprache noch die Betonung der kulturellen Vielfalt oder ein Lehrpersonal mit Migrationshintergrund etwas Wesentliches an ihren Schwierigkeiten. Das alles schadet zwar nicht, es hat aber auch keine förderlichen Effekte.

Wer genauer hingesehen hat, bekam Zweifel

Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang auch auf die besondere Bedeutung der Bildungssysteme hingewiesen. Die Differenzierung der Bildungswege nach den kognitiven Fähigkeiten und Leistungen am Ende der Grundschule verstärke nicht nur die sozialen Bildungsungleichheiten und entfache so etwas wie einen „Klassenkampf im Klassenzimmer“, sondern verschärfe darüber hinaus die Nachteile der Migrantenkinder und vertiefe so die ethnischen Unterschiede. In keinem anderen Land, so liest es sich regelmäßig seit den ersten Pisa-Berichten, sei das Problem der sozialen und ethnischen Bildungsungleichheit größer als in Deutschland. Als Lösung wäre die weitgehende Öffnung und die Befreiung von der nur scheinbar meritokratischen Aufteilung nach den Leistungen in der Grundschule erforderlich - wie die Beispiele aus Kanada, Finnland und Schweden zeigten. Das ist das kaum einmal angezweifelte Standardergebnis zu dem Problem der Bildungsungleichheit.

Wer genauer hingesehen hat, konnte schon immer Zweifel bekommen. Kanada sucht sich seine Migranten gezielt nach Qualifikation und Sprachkenntnissen aus. Kaum jemand hat je zur Kenntnis genommen, dass Finnland in den Leistungen zu den Ländern gehört, die den größten Abstand zwischen Einheimischen und den Migrantenkindern überhaupt aufweisen. Schweden ist nicht nur immer mehr im Niveau gesunken, die Migrantenkinder in Schweden zeigen für 2012 wie die in Finnland niedrigere Leistungen und eine größere Leistungsdifferenz zu den Einheimischen als in Deutschland. Bei noch näherem Hinsehen fällt auf, dass die Studien ohnehin über die Effekte der Bildungssysteme nicht viel sagen können.

In den internationalen Vergleichsstudien (wie Pisa und anderen) fehlen insbesondere wichtige Informationen, die man zwingend braucht, um die spezifischen Wirkungen der Bildungssysteme feststellen zu können: Sie enthalten zum Beispiel nichts über die kognitiven Fähigkeiten der Kinder und deren Verteilung in den Schulen und Schulklassen, auf die es ganz besonders ankommt. Man mag es kaum glauben: Auch nach 15 Jahren Pisa-Schock und Pisa-Forschung ist nicht geklärt, ob die Differenzierung (im gegliederten Schulsystem) die Bildungsungleichheiten wirklich verstärkt oder nicht und ob sich die Leistungen damit verbessern oder nicht.

Was also nun, wenn es die erforderlichen Daten für den klärenden internationalen Vergleich nicht gibt? Wenigstens ein erster Schritt wären regionale Vergleiche für Länder mit unterschiedlichen Schulgesetzen und Schulformen wie die Provinzen in den Niederlanden, die Kantone in der Schweiz oder die Bundesländer in Deutschland. Das hätte gewiss den Nachteil, dass es sich immer noch um ein gegliedertes Bildungssystem handelt. Aber die 16 Bundesländer in Deutschland unterscheiden sich, einer sehr verdienstvollen Aufstellung von Marcel Helbig und Rita Nikolai vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zufolge, schon sehr deutlich in den Regeln für die „Sortierung“ nach der Grundschule und in den schulischen Abläufen.

Stimmt die Mehrfachbenachteiligung von Migrantenkindern?

Es gibt Bundesländer, in denen die Eltern den Bildungsweg frei wählen können und wo die Schüler sich zwei Jahre später als anderswo auf weiterführende Schulformen verteilen. Das sind Verhältnisse, die der vollen „Integration“, also einer weiten Öffnung, schon sehr nahe kommen. Es gibt aber auch Bundesländer, in denen das ganz anders ist. Dort ist die Empfehlung der Grundschule verbindlich und schränkt die freie Wahl der Eltern ein, die Inhalte sind kontrolliert und die Prüfungen zentralisiert, so dass die Lehrer zu mehr Sorgfalt angehalten sind. Und dann gibt es noch Länder mit allerlei Mischformen aus diesen Merkmalen. Zu den offeneren System zählt das Schulwesen in Berlin, Bremen, Hessen und Schleswig-Holstein. Zu den stärker traditional ausgerichteten Ländern mit einer engen Orientierung an Fähigkeiten und Leistungen der Kinder gehören Bayern und Sachsen und bis vor kurzem auch Baden-Württemberg.

Damit ließe sich die Hypothese von der Mehrfachbenachteiligung der Migrantenkinder über eine strenger geregelte Differenzierung durchaus schon überprüfen. Inzwischen gibt es dafür auch die Daten mit den erforderlichen Informationen über den Verlauf des Übergangs in die Sekundarstufe: Bereits etwas länger das Projekt „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul- und Schulalter“ (BiKS) mit einem Vergleich von Hessen und Bayern und neuerdings die „National Educational Panel Study“ (NEPS) für alle 16 Bundesländer. Aus den hieraus gewonnenen Analysen ergibt sich ein ganz anderes Bild als bisher. Es zeigt sich allgemein, dass mit der streng geregelten Differenzierung der Übergang in die verschiedenen Bildungswege enger an Leistungen vorher gekoppelt ist, die Verteilung auf die Bildungswege also leistungsgerechter wird, dass die Schulen und Schulklassen nach den Fähigkeiten der Kinder homogener werden und dass dadurch die Leistungen in der Sekundarstufe steigen - ohne dass sich Effekte der sozialen Herkunft verstärken würden.

 
Ein gegliedertes Schulsystem benachteiligt Migrantenkinder. Hieß es. Stimmt nicht, schreibt Hartmut Esser
 
Bildungsungleichheit in Deutschland: Migrantenkinder werden nicht systematisch benachteiligt.

Wenn die Leistungen insgesamt besser und die Nachteile der Migrantenkinder verringert werden sollen, wären also nicht die weitere Öffnung und Liberalisierung, sondern die Stärkung der Differenzierung und die klare Orientierung an Fähigkeiten und Leistungen sinnvoller. Hinweise für die Schweiz, für die Niederlande, sogar für Finnland, ja selbst aus bestimmten Analysen der internationalen Vergleichsstudien, die anders vorgehen als üblich, stützen diesen Befund. Er ist angesichts der Übermacht des Eindrucks, den das Standardergebnis nach dem Pisa-Schock und einer Unzahl an Analysen danach erzeugt hat, ohne Zweifel unerwartet und wohl auch irritierend.

Man könnte sich mit Recht fragen, ob nicht aus einem „wirklichen“ Vergleich im internationalen Maßstab doch wieder etwas anderes herauskommt. Das ist sicher möglich. Aber wie denn, wenn es die nötige „International Educational Panel Study“ auf absehbare Zeit nicht geben wird? Sondern immer wieder bloß alle drei Jahre die Berichte der OECD über die Pisa-Rangordnung der Länder, aus der man viel herausanalysieren kann, nicht aber, woran die sozialen und ethnischen Bildungsungleichheiten wirklich liegen und welche Effekte die Bildungssysteme dabei haben.

Quelle: wahlrecht.de
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