Home
http://www.faz.net/-gpg-15jl6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schulschwänzer Was soll ich hier?

27.02.2010 ·  Pascal weiß, mit einem ordentlichen Zeugnis könnte er es zu etwas bringen. Aber er glaubt nicht, dass er seine Chance nutzen wird. Im Schulschwänzen ist er ein Meister. Nur Selbstüberwindung hat er nie lernen müssen.

Von Katrin Hummel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ihm ist mulmig. Er ist nervös. Es kribbelt in seinem Bauch, und er weiß nicht, warum. Da ist nur dieser eine Gedanke: „Was soll ich hier? Ich hätte zu Hause bleiben sollen!“ So fühlt sich Pascal*, wenn er es ausnahmsweise doch einmal geschafft hat, sich morgens um halb acht an der Bushaltestelle im münsterländischen Rheine einzufinden, um auf den Schulbus zu warten.

Die neunte Klasse macht der 15 Jahre alte Hauptschüler nun schon zum zweiten Mal. Auf dem letzten Zeugnis hatte er zwei Fünfen, sechs Vieren und vier Dreien. Regelmäßig schwänzt Pascal die Schule. Seit den Herbstferien hat er die meisten Vormittage zu Hause verbracht.

Wenn er so weitermacht, wird er von der Schule fliegen. Das hat der Rektor seiner Mutter vor zwei Tagen mitgeteilt. „Ich muss mich bessern“, sagt Pascal einsichtsvoll, „es ist meine letzte Chance.“ Aber der Zweifel, dass ihm das gelingen wird, ist stärker. Er hat den Glauben an sich verloren, und den an seine Umwelt sowieso. Er sagt Sätze wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand etwas tun könnte, damit ich zur Schule gehe.“ Oder: „Ich kann mich gegen mich selbst nicht durchsetzen.“

Warum? Pascal sitzt zu Hause in der Küche, die beige gefliest und mit gelber Rauhfaser tapeziert ist. Er trägt Jeans und eine schwarze Schirmmütze, dazu ein schwarzes Kapuzenshirt mit aufgedrucktem Skelett. In der Pfanne, die auf dem Herd steht, taut Hackfleisch für das Abendessen auf. Zwei Tüten „Knorr mediterranes Ofengemüse“ liegen auf der Anrichte. Ein Tischchen mit vier Korbstühlen, in der Mitte ein Deckchen und eine Topfpflanze.

Die Mutter schrieb eine Entschuldigung nach der nächsten

Der Tisch ist so klein, dass darauf unmöglich auch noch Teller Platz finden können. Gegessen wird meist im ersten Stock, da wohnen die Großeltern, auch Pascal hat dort sein Zimmer. Im Erdgeschoss leben die Mutter, der Stiefvater und die beiden jüngeren Schwestern. An diesem Sonntagnachmittag sieht der Rest der Familie fern, die Rollläden des Wohnzimmerfensters sind heruntergelassen. Es ist ein altes Haus in einer engen Straße nahe der Innenstadt. An einem trüben Wintertag wie diesem wirkt es noch düsterer als sonst.

Pascal kann sich noch gut daran erinnern, wie er mit dem Schwänzen begonnen hat. Er war in der sechsten Klasse, wurde von seinen Mitschülern gemobbt und um Geld erpresst. Die Schulpsychologin hatte sich eingeschaltet und seinen ärgsten Peiniger für zwei Wochen der Schule verwiesen. Danach ging alles wieder von vorn los: Pascal hatte Angst, in die Schule zu gehen, und so stellte er sich eines Morgens probehalber krank. Die Mutter glaubte ihm, schrieb ihm eine Entschuldigung, er war erstaunt darüber, wie leicht das ging. Danach tat er es immer wieder. „Es hat sehr, sehr oft geklappt“, erzählt er. Und wenn die Mutter irgendwann einmal sagte: „So oft kannst du gar nicht krank sein“, dann ging er für ein paar Wochen wieder regelmäßig in die Schule, bis sie sich beruhigt hatte. Dann stellte er sich wieder krank, und sie schrieb neue Entschuldigungen.

Inzwischen sagt die Mutter, sie habe verstanden, dass sie ihrem Sohn keinen Gefallen damit tue. Sie ist Mitte dreißig, ziemlich klein, hat eine Stupsnase und schulterlanges blondes Haar. Vormittags arbeitet sie in einer Boutique und verkauft teure Dessous. Nachmittags ist sie zu Hause, und wenn die Kinder nicht parieren, kriegt sie einen Wutanfall und wird laut, was nicht besonders gut zu ihrem äußeren Erscheinungsbild passt. Pascal lässt sich davon ohnehin nicht beeindrucken. „Ich schalte ab, höre nicht auf sie“, sagt er. Zwar hat er inzwischen die Schule gewechselt und versteht sich gut mit seinen Klassenkameraden, aber das Schwänzen, so sagt er, sei ihm zur Gewohnheit geworden. „Ich frage mich: Warum sollte ich in die Schule gehen, wozu brauche ich das?“

Die Großeltern lassen sie ihn Ruhe

Außerdem weiß er inzwischen, wie er die Schreierei seiner Mutter auf ein Minimum reduzieren kann. Variante eins: Wenn der Wecker klingelt, steht er auf, zieht sich an, frühstückt und tut so, als wolle er zur Schule gehen. Dann aber legt er sich wieder ins Bett. Die Mutter hat dann nicht mehr viel Zeit, bevor sie zur Arbeit muss, und das Schreien dauert nicht so lange. Und die Großeltern lassen ihn danach in Ruhe, obwohl sie es auch nicht gut finden, dass er schwänzt. Pascal schläft dann in der Regel bis elf Uhr, danach sieht er fern. Mittags kocht seine Oma. Seine Schwestern essen, wenn sie aus der Schule kommen, Pascal isst in seinem Zimmer und die Mutter oft überhaupt nicht.

Variante zwei: Er geht morgens auch aus dem Haus und lungert herum. Der Rektor erzählt, Mitschüler hätten gesehen, wie er sich während der Schulzeit am Straßenrand hinter Büschen versteckt und ein Buch gelesen habe. Die Klassenlehrerin behauptet sogar, er würde sich im Wald verstecken und lesen. Pascal ist das peinlich, er streitet beides ab.

Nachmittags und abends spielt er Counter Strike, acht bis neun Stunden sind es meist, Pascal ist Mitglied eines Clans. Um 23 Uhr geht er angeblich ins Bett, doch die Mutter glaubt ihm nicht. „Ich vermute, er steht nachts wieder auf und spielt weiter, aber sicher weiß ich es nicht, ich schlafe dann ja“, sagt sie. Ihrer Meinung nach und auch nach Ansicht seines Hauptschulrektors ist er computerspielsüchtig. Pascal selbst streitet auch das ab. Er vertritt den Standpunkt, das frühere Mobbing sei der Grund für sein Schwänzen. Anstrengungen, sein Verhaltensmuster zu durchbrechen, unternimmt er nicht.

Die Schulpsychologin hat ihm empfohlen, sich einen speziellen Wecker zuzulegen, der quer durch das Zimmer bis in die hinterletzte Ecke rollt, wenn er klingelt, so dass man garantiert wach ist, wenn man ihn aufgestöbert hat. „Aber ich hab’ mir den nicht geholt – keine Lust“, sagt Pascal und winkt ab. „Ich würde sowieso weiterschlafen, wenn ich den gefunden hätte. Ich bin sehr, sehr müde morgens. Ich werde erst in der vierten Stunde wach. Manchmal döse ich auch im Unterricht ein.“

Ein Problem: Fehlende Konsequenz

Der Computer steht in seinem Zimmer, auch einen Fernseher hat er dort. Nach dem Gespräch, das seine Eltern vor zwei Tagen beim Rektor hatten, bekam er Computerverbot. Am ersten Tag nahm ihm die Mutter den Computer weg, am zweiten Tag erklärte er ihr, er müsse noch einen Praktikumsbericht für die Schule fertigschreiben, das dauere eine Stunde. Daraufhin erhielt er den Computer zurück, und nun, am Nachmittag des dritten Tages, steht der Computer immer noch in seinem Zimmer. „Die fragt gar nicht nach, wie weit ich mit dem Bericht bin“, sagt er und lacht, „ich hab’ schon wieder drei Stunden Counter Strike gespielt. Sie kann sich nicht durchsetzen, ist nicht konsequent.“

Die Mutter hingegen versichert: „Heute Abend ist der PC weg, auch wenn Pascal seinen Bericht nicht fertig hat. Und wenn er morgen nicht in die Schule geht, rufe ich den Rektor an, dann holt der ihn ab. Das haben wir so abgesprochen.“ Sie sieht sehr ernst und energisch dabei aus und auch ein bisschen wütend.

Es ist das erste Mal gewesen, dass der Rektor sie zum Gespräch gebeten hat. Es wirkt ein wenig so, als hätten alle Beteiligten Pascals Schwänzerei bislang als lässliches Versäumnis angesehen. Oder als hätten sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sich von selbst bessert. Das Ordnungsamt hat die Schule bisher nur einmal eingeschaltet, um Pascal „in der Schule vorzuführen“, wie es der Rektor formuliert. Aber an diesem Tag war Pascal nicht zu Hause, so dass die Ordnungshüter unverrichteter Dinge wieder abzogen. Nun könnte das Ordnungsamt auf Antrag der Schule eine Geldstrafe gegen die Familie verhängen. Aus pädagogischen Gründen habe er einen solchen Antrag bisher nicht gestellt, erklärt der Rektor: „Um die Sache nicht eskalieren zu lassen. Immerhin schreibt Pascal Dreien, trotz der hohen Fehlzeiten.“ Der Rektor hat das Vertrauen darauf, dass sich doch noch alles zum Guten wenden wird, noch nicht verloren. Obwohl zur Zeit kein anderer Schüler an der Schule ist, der so viel schwänzt.

Immerhin hat Pascals Familie einen Erziehungsbeistand beantragt. Eine Sozialarbeiterin kommt regelmäßig ins Haus und versucht, Pascal bei der Bewältigung seiner Probleme zu helfen. Und sein leiblicher Vater, ein arbeitsloser Lackierer, der bislang gar nicht wusste, dass sein Sohn die Schule schwänzt, war bei dem Gespräch mit dem Rektor dabei. Ansonsten aber kümmert er sich nicht übermäßig um Pascals schulische Leistungen. Jeden Samstag besucht ihn sein Sohn, aber besonders gut ist der nicht auf den Vater zu sprechen: „Er erzählt Lügen, hält Versprechen nicht. Man kann sich nicht auf ihn verlassen.“ Er habe Geld unterschlagen, das Pascal als minderjähriger Kassierer des örtlichen Fußballvereins ihm anvertraut habe. Erst als man ihn, Pascal, dafür haftbar machen wollte, habe der Vater es herausgerückt.

„Ich schaffe es nicht, aufzustehen“

Pascal will eher nicht so werden wie sein Vater. Als Ziele in seinem Leben nennt er „ein Haus, zwei bis drei Kinder, einen guten Job und eine Frau“. Eine Freundin habe er schon, „die ist vierzehn und wohnt in Essen“. Er sagt, er kenne sie aus dem Internet und habe sie schon einige Male besucht. Freunde habe er auch, „aber ich verabrede mich nicht mit denen. Die sitzen eh nur vor dem Computer.“ Genau wie er selbst.

Dabei hätte er sogar eine Zukunftsperspektive gehabt: Im Oktober hat er ein Schulpraktikum in der Elektronikabteilung von Real gemacht und dort angeblich einen richtig guten Eindruck hinterlassen. „Der Chef und der Abteilungsleiter haben gesagt, ich sei der beste Praktikant, den sie je hatten. Ich durfte auch Sachen machen, die Praktikanten eigentlich gar nicht dürfen: Kassieren und Inventur. Und der Chef hat mich gefragt, ob ich Interesse an einem Ausbildungsplatz hätte“, erzählt er.

Die Zusage für ein vierwöchiges Praktikum im Sommer in der gleichen Abteilung hat er schon in der Tasche. Dennoch rechnet er sich keine Chancen auf eine Lehrstelle aus. Denn er hat herausgefunden, dass er sich nicht nur mit dem Abschlusszeugnis der neunten Klasse bewerben muss, sondern auch mit dem Halbjahreszeugnis. Das hat er Ende Januar bekommen, und es deckt den Zeitraum ab, in dem er so viel geschwänzt hat wie nie zuvor in seinem Leben.“

Ob es einen gewissen Zusammenhang gibt zwischen der Aussicht auf eine Lehrstelle und dem exzessiven Schwänzen? „Je stärker ich das Gefühl hatte, dass mein Ziel in greifbare Nähe rückt, umso weniger mochte ich in die Schule gehen“, gibt er zu, „denn ich hatte das Gefühl, ich könnte mich sowieso nicht ändern. Ich weiß, dass ich nicht schwänzen sollte und dass ich mir damit die Chancen auf eine Lehrstelle verbaue. Aber ich schaffe es nicht, morgens aufzustehen. Nach dem Praktikum dachte ich, ich muss es schaffen. Aber dann merkte ich, ich kann es nicht.“ Im zweiten Schulhalbjahr, das jetzt begonnen hat, will er sich trotzdem richtig reinhängen und jeden Tag zur Schule gehen.

Ein Anruf bei der Familie eine Woche später ergibt, dass der Computer immer noch in Pascals Zimmer steht. Er spielt nach wie vor Counter Strike. In die Schule ist er allerdings jeden Tag gegangen. „Ich muss endlich begreifen, dass ich mich ändern muss“, erklärt er. Darauf wetten, dass er das schafft, möchte er aber lieber nicht.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge