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Schulpolitik : Debatte über das Sitzenbleiben

Sitzenbleiben: Ausgedient oder pädagogisch wertvoll? Bild: dpa

Die „Ehrenrunde“ in der Schule wird neu diskutiert. Während die künftige rot-grüne Regierung in Niedersachsen das Sitzenbleiben abschaffen will, plant Bayern daran festzuhalten: Es bleibe ein „pädagogisches Instrument“.

          Das Vorhaben der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat zu einer Debatte über den Sinn oder Unsinn der „Ehrenrunde“ in der Schule geführt. Sitzenbleiben soll in Niedersachsen „durch individuelle Förderung überflüssig“ gemacht werden. Wie die wirksame individuelle Förderung angesichts der großen Leistungsunterschiede in Klassen aussehen soll, wurde offengelassen. Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) zerstreute aber Erwartungen auf ein sofortiges Ende des Sitzenbleibens. Es handele sich um ein perspektivisches Ziel, das lasse sich nicht von heute auf morgen verwirklichen, sagte sie.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Frau Heiligenstadt begründete den Verzicht auf das Sitzenbleiben mit zu hohen Kosten. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), lobte das Vorhaben. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete die Wiederholung von Schuljahren als „Verschwendung von Lebenszeit“. Von bildungspolitischem und pädagogischem Populismus sprach indes Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). „Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun“, sagte Spaenle der „Süddeutschen Zeitung“.

          Längst nicht mehr zeitgemäß

          Das Sitzenbleiben betrifft nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 170.000 Schüler im Jahr. Werden alle Schularten und Länder eingerechnet und wird die Sitzenbleiberquote auf die Gesamtzahl aller Schüler von 11,4 Millionen im Schuljahr 2011/12 bezogen, betrifft das Sitzenbleiben nur 1,1 Prozent der Schüler. In den vergangenen Jahren haben einige Länder sich dazu entschlossen, das Sitzenbleiben abzuschaffen. In Hamburg wiederholen Schüler seit 2010 in der ersten bis neunten Klasse kein Schuljahr mehr, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: „Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine Fünf in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme.“ Rabe hält das Sitzenbleiben für eine längst nicht mehr zeitgemäße Disziplinierung. Rheinland-Pfalz will das Sitzenbleiben in einem Modellversuch aussetzen, der möglicherweise im kommenden Schuljahr beginnen soll.

          Geplant ist in Rheinland-Pfalz, dass einige Schulen auf die Wiederholung von Klassen und auf das Herunterstufen auf eine andere Schulart verzichten. In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen, es sei denn, Eltern bestehen darauf. Grundschüler wiederholen nur in Ausnahmefällen zwischen der 3. und 6. Jahrgangsstufe eine Klasse, an den Gymnasien entscheidet die Klassenkonferenz darüber. Baden-Württemberg hat das Sitzenbleiben in der Gemeinschaftsschule schon abgeschafft. Das wolle er allmählich auch an den anderen Schulen durchsetzen, sagte der neue Kultusminister Andreas Stoch (SPD). „Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation“ für die Schüler, sagte Stoch.

          Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, sieht keine Gründe für die Abschaffung des Sitzenbleibens. Wer angesichts der in Hamburg üblichen Bedingungen noch durchfalle, müsse schon ein Kunststück vollbringen. Es könne auch keine Rede davon sein, dass die Quote der Sitzenbleiber abgenommen habe, „das ist das Ergebnis einer planwirtschaftlichen Erfolgsmanipulation“, sagte Kraus dieser Zeitung. Der klassische Sitzenbleiber (zwei Drittel davon sind Jungs) habe nicht nur vereinzelte Lücken. Wenn ein Kind mit Pauken und Trompeten durchfalle, müssten Schule und Eltern darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoller sei, einen anderen Schulweg einzuschlagen.

          Nicht sämtliche Risiken aus dem Weg räumen

          Zeugnisse hätten über Befähigungen Auskunft zu geben, nicht über Berechtigungen. Mit der Abschaffung des Sitzenbleibens werde die Entscheidung über die Leistungen eines Schülers immer weiter nach hinten verschoben. Der Schüler werde freigesprochen, schuld am Scheitern sei am Ende immer das System. Kraus verwies darauf, dass es selbst in Bayern eine Versetzung (Vorrücken) auf Probe gebe und Schüler mit drei Fünfen (davon höchstens zwei in Kernfächern) die Möglichkeit hätten, eine Nachprüfung abzulegen. Häufig seien Schüler, die eine Nachprüfung machen müssten, vor allem im G8 völlig überfordert. Es sei kein Zufall, dass die Länder mit den anspruchsvollsten Noten- und Zulassungsbestimmungen auf weiterführende Schulen wie Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg und Thüringen die besten Leistungen zeigten. „Wir gaukeln unseren Kindern etwas vor, dass sie was könnten, was sie nicht können.“ Er halte es für falsch, jungen Leuten sämtliche Risiken aus dem Weg zu räumen, sagte Kraus.

          Fast eine Milliarde Euro zusätzlich soll das zusätzliche Jahr in der Schule den Staat nach früheren Berechnungen des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm kosten. Wiederholungen seien „teuer und unwirksam“, äußerte Klemm schon vor gut zwei Jahren. Nicht alle Schüler entwickelten sich nach dem Sitzenbleiben besser, einige empfänden es als „Demütigung“. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hatte 2004 allerdings bei einer Untersuchung von 2500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 festgestellt, dass die meisten von einer „Ehrenrunde“ profitierten.

          Quelle: F.A.Z.

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