Home
http://www.faz.net/-gpf-77071
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.02.2013, 22:52 Uhr

Schulpolitik Debatte über das Sitzenbleiben

Die „Ehrenrunde“ in der Schule wird neu diskutiert. Während die künftige rot-grüne Regierung in Niedersachsen das Sitzenbleiben abschaffen will, plant Bayern daran festzuhalten: Es bleibe ein „pädagogisches Instrument“.

© dpa Sitzenbleiben: Ausgedient oder pädagogisch wertvoll?

Das Vorhaben der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat zu einer Debatte über den Sinn oder Unsinn der „Ehrenrunde“ in der Schule geführt. Sitzenbleiben soll in Niedersachsen „durch individuelle Förderung überflüssig“ gemacht werden. Wie die wirksame individuelle Förderung angesichts der großen Leistungsunterschiede in Klassen aussehen soll, wurde offengelassen. Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) zerstreute aber Erwartungen auf ein sofortiges Ende des Sitzenbleibens. Es handele sich um ein perspektivisches Ziel, das lasse sich nicht von heute auf morgen verwirklichen, sagte sie.

Heike Schmoll Folgen:

Frau Heiligenstadt begründete den Verzicht auf das Sitzenbleiben mit zu hohen Kosten. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), lobte das Vorhaben. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete die Wiederholung von Schuljahren als „Verschwendung von Lebenszeit“. Von bildungspolitischem und pädagogischem Populismus sprach indes Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). „Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun“, sagte Spaenle der „Süddeutschen Zeitung“.

Längst nicht mehr zeitgemäß

Das Sitzenbleiben betrifft nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 170.000 Schüler im Jahr. Werden alle Schularten und Länder eingerechnet und wird die Sitzenbleiberquote auf die Gesamtzahl aller Schüler von 11,4 Millionen im Schuljahr 2011/12 bezogen, betrifft das Sitzenbleiben nur 1,1 Prozent der Schüler. In den vergangenen Jahren haben einige Länder sich dazu entschlossen, das Sitzenbleiben abzuschaffen. In Hamburg wiederholen Schüler seit 2010 in der ersten bis neunten Klasse kein Schuljahr mehr, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: „Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine Fünf in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme.“ Rabe hält das Sitzenbleiben für eine längst nicht mehr zeitgemäße Disziplinierung. Rheinland-Pfalz will das Sitzenbleiben in einem Modellversuch aussetzen, der möglicherweise im kommenden Schuljahr beginnen soll.

Mehr zum Thema

Geplant ist in Rheinland-Pfalz, dass einige Schulen auf die Wiederholung von Klassen und auf das Herunterstufen auf eine andere Schulart verzichten. In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen, es sei denn, Eltern bestehen darauf. Grundschüler wiederholen nur in Ausnahmefällen zwischen der 3. und 6. Jahrgangsstufe eine Klasse, an den Gymnasien entscheidet die Klassenkonferenz darüber. Baden-Württemberg hat das Sitzenbleiben in der Gemeinschaftsschule schon abgeschafft. Das wolle er allmählich auch an den anderen Schulen durchsetzen, sagte der neue Kultusminister Andreas Stoch (SPD). „Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation“ für die Schüler, sagte Stoch.

Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, sieht keine Gründe für die Abschaffung des Sitzenbleibens. Wer angesichts der in Hamburg üblichen Bedingungen noch durchfalle, müsse schon ein Kunststück vollbringen. Es könne auch keine Rede davon sein, dass die Quote der Sitzenbleiber abgenommen habe, „das ist das Ergebnis einer planwirtschaftlichen Erfolgsmanipulation“, sagte Kraus dieser Zeitung. Der klassische Sitzenbleiber (zwei Drittel davon sind Jungs) habe nicht nur vereinzelte Lücken. Wenn ein Kind mit Pauken und Trompeten durchfalle, müssten Schule und Eltern darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoller sei, einen anderen Schulweg einzuschlagen.

Nicht sämtliche Risiken aus dem Weg räumen

Zeugnisse hätten über Befähigungen Auskunft zu geben, nicht über Berechtigungen. Mit der Abschaffung des Sitzenbleibens werde die Entscheidung über die Leistungen eines Schülers immer weiter nach hinten verschoben. Der Schüler werde freigesprochen, schuld am Scheitern sei am Ende immer das System. Kraus verwies darauf, dass es selbst in Bayern eine Versetzung (Vorrücken) auf Probe gebe und Schüler mit drei Fünfen (davon höchstens zwei in Kernfächern) die Möglichkeit hätten, eine Nachprüfung abzulegen. Häufig seien Schüler, die eine Nachprüfung machen müssten, vor allem im G8 völlig überfordert. Es sei kein Zufall, dass die Länder mit den anspruchsvollsten Noten- und Zulassungsbestimmungen auf weiterführende Schulen wie Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg und Thüringen die besten Leistungen zeigten. „Wir gaukeln unseren Kindern etwas vor, dass sie was könnten, was sie nicht können.“ Er halte es für falsch, jungen Leuten sämtliche Risiken aus dem Weg zu räumen, sagte Kraus.

Fast eine Milliarde Euro zusätzlich soll das zusätzliche Jahr in der Schule den Staat nach früheren Berechnungen des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm kosten. Wiederholungen seien „teuer und unwirksam“, äußerte Klemm schon vor gut zwei Jahren. Nicht alle Schüler entwickelten sich nach dem Sitzenbleiben besser, einige empfänden es als „Demütigung“. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hatte 2004 allerdings bei einer Untersuchung von 2500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 festgestellt, dass die meisten von einer „Ehrenrunde“ profitierten.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kinderbetreuung SPD will gebührenfreie Kitas

Die Kommunalwahlen stehen an und die Parteien schärfen ihr Profil. Die SPD möchte die Gebühren für Kitas schrittweise abschaffen. Für die Grünen ist der Gesetzesentwurf nicht mehr als Wahlkampfgetöse. Mehr Von Ralf Euler und Matthias Trautsch, Wiesbaden

28.01.2016, 10:36 Uhr | Rhein-Main
Für Europa Das Rating der wichtigsten Länder

Bunt ist die Rating-Welt. Die FAZ.NET-Karte zeigt von Grün bis Rot zu welchen Rating-Klassen die Staaten Europas gehören. Hier unser interaktiver Überblick. Mehr Von Martin Hock und Carsten Feig

24.01.2016, 13:11 Uhr | Finanzen
Polizeieinsatz Anti-Terror-Razzia in Rheinland-Pfalz

Ermittler haben Wohnungen von zwei Männern in der Nähe Mainz durchsucht. Sie werden verdächtigt, sich im syrischen Bürgerkrieg an einer terroristischen Vereinigung beteiligt zu haben. Einer der Beschuldigten soll sogar Kommandeur der IS-Miliz sein. Mehr

07.02.2016, 19:28 Uhr | Politik
Integration Flüchtlingskinder lernen in Berliner Willkommensklasse

Viele der Schülerinnen und Schüler stammen aus Syrien, Armenien, dem Iran oder Afghanistan. In der St. Franziskus-Schule in Berlin-Schöneberg lernen sie Deutsch. Dass die Kinder große Fortschritte machen, liegt nicht zuletzt an ihrer engagierten Klassenlehrerin. Mehr

24.01.2016, 16:05 Uhr | Gesellschaft
Ungewöhnlich früh Kraniche kehren schon nach Deutschland zurück

Erst vor drei Wochen waren die letzten Kraniche aus Deutschland vor dem Frost ausgewichen. Nun sichtet der Naturschutzbund erste Rückkehrer über der Eifel. Dafür gibt es einen Grund. Mehr

31.01.2016, 17:08 Uhr | Gesellschaft

Auf Partnersuche

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Bombenangriffe Russlands auf Syrien zeigen das Dilemma auf: Es ist schwierig, die Flüchtlingskrise als Gemeinschaftsaufgabe wahrzunehmen. Es gibt viele Heuchler – und keiner will der Dumme sein. Mehr 43