Home
http://www.faz.net/-gpg-143jk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schulfrei am Opferfest? „Klamauk à la Kolat“

13.10.2009 ·  Sollen an einem muslimischen Feiertag alle Kinder schulfrei bekommen? Dieser Vorschlag des Vorsitzenden der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kolat, stößt überwiegend auf Ablehnung. Die evangelische Kirche spricht von einem „Vorrang für christliche Feiertage“.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (65)

Der Vorschlag der türkischen Gemeinde in Deutschland, an einem muslimischen Feiertag allen Kindern schulfrei zu geben, stößt auf Ablehnung. Über den Vorstoß des Vorsitzenden der türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, sagte der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet der F.A.Z.: „Das ist Klamauk à la Kolat.“ In der Integrationspolitik gehe es um wichtigere Fragen. „Wir müssen Bildungs- und Aufstiegschancen und Deutschkenntnisse für Zuwandererkinder verbessern, statt neue Feiertage einzuführen“, sagte Laschet. „Kolats Vorschlag zeigt eine mangelnde Ernsthaftigkeit.“

Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, lehnte den Vorschlag ab. Es gebe einen „Vorrang für christliche Feiertage in der Kultur unseres Landes“, sagte Huber der F.A.Z. Darüber bestehe ein breiter Konsens. Die Feiertagskultur beruhe auf einer Jahrtausende langen christlichen Prägung Deutschlands. Er befürworte allerdings die Möglichkeit, muslimische Schüler auf Anfrage an Festtagen des Islams für die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen vom Unterricht zu befreien.

„Ein Zeichen der Toleranz“

Für die Regelung der gesetzlichen Feiertage sind die Bundesländer zuständig. In Berlin können sich muslimische Schulkinder während des 3 Tage dauernden Zuckerfestes und während des 4 Tage dauernden Opferfestes (siehe Kasten) jeweils für einen Tag beurlauben lassen. Ebenso können sich Angehörige anderer Religionen, etwa des Judentums, für die wichtigsten Feiertage ihres Glaubens vom Unterricht befreien lassen.

Kolat hatte seinen Vorschlag in der „Berliner Zeitung“ damit begründet, ein schulfreier Tag für alle Schulkinder an einem muslimischen Fest wäre „ein Zeichen der Toleranz“. Als Beispiel nannte er das Opferfest. Die Türkische Gemeinde in Deutschland will als Dachorganisation die Interessen der Türken gegenüber staatlichen Institutionen und der Öffentlichkeit vertreten. Nach eigenen Angaben repräsentiert sie auf Länderebene sowie in Berufs- und Fachverbänden rund 270 Einzelvereine.

Auch der Zentralrat der Muslime lehnte den Vorstoß ab. „Ich sehe keine Veranlassung, aus diesem Tag einen generell schulfreien oder arbeitsfreien Feiertag für alle zu machen“, sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Aiman Mazyek, in Köln. Zwar forderte Mazyek, muslimische Feiertage als deutsche Feiertage aufzunehmen - nicht aber als generell arbeitsfreie Tage.

Schulfrei auch an Jom Kippur?

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele unterstützte hingegen Kolat. Es könnte ein „positives Signal an die dreieinhalb Millionen Muslime in Deutschland“ sein, „leise Schritte in die Richtung“ eines gesetzlichen Feiertags zu gehen, sagte Ströbele der F.A.Z.

Schon 2004 hatte er in einem Interview einen islamischen Feiertag befürwortet und war dafür von Politikern aller Parteien, auch der Grünen, heftig kritisiert worden. „Damals sind alle über mich hergefallen“, sagte Ströbele am Dienstag, „heute kommen bei diesen Forderungen immer noch böse Briefe, aber nicht mehr so viele“. Ströbele verwies darauf, dass in vielen Ländern mit hauptsächlich muslimischer Bevölkerung christliche Feiertage begangen würden, etwa in Indonesien, Syrien, Jordanien oder in vielen afrikanischen Ländern.

Auch der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, befürwortet den Vorstoß Kolats. Er würde sich auch wünschen, dass an dem jüdischen Feiertag Jom Kippur alle Kinder schulfrei hätten, sagte Kramer der F.A.Z. Das würde den religiösen Minderheiten zeigen: „Ihr werdet ernstgenommen.“ Bisher könnten die Kinder zwar an den wichtigsten Feiertagen zuhause bleiben, aber das sei nicht möglich, wenn an dem Tag eine Klassenarbeit geschrieben würde. Kramer sagte auch, alle Forderungen, die über einen schulfreien Tag hinausgingen, seien besonders in der jetzigen wirtschaftlichen Situation unrealistisch.

Die wichtigsten Feste im Islam

Da die Muslime mit einem Mondjahr rechnen, das elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr mit seinen 365 Tagen, wandern ihre Feiertage durch sämtliche Jahreszeiten. Die beiden höchsten Festtage des Islams sind das „Id al Fitr“, das große Fastenbrechen am Ende des Fastenmonats Ramadan. In der Türkei nennt man es eker Bayrami oder Zuckerfest. Vor allem die Kinder bekommen Süßigkeiten geschenkt, die Familien besuchen einander und schenken einander Kleinigkeiten. Das Fest dauert drei Tage. Es beschließt jenen Monat, in dem Muslime, die gesundheitlich dazu in der Lage sind, sich tagsüber des Essens, Trinkens und Rauchens enthalten sollen. Besonders herausgehoben ist im Ramadan die „Nacht des Geschicks“, die 27. Nacht, in welcher die koranische Offenbarung nach Sure 97 herabgesandt worden ist.

Noch höher als das Zuckerfest ist das Opferfest „Id al adha“ einzustufen, das in der Türkei Kurban Bayrami genannt wird. Es findet am Höhepunkt des Pilgermonats Dhul Hiddscha statt und beschließt in Mekka und Medina die Haddsch, die Große Pilgerfahrt zur Kaaba und den übrigen heiligen Stätten des Islams. Überall in der islamischen Welt werden Tiere geopfert, was als Gedenken an Ibrahim (Abraham) gedacht ist, der nach dem Koran auf Geheiß Gottes seinen Sohn Ismail opfern sollte. Das Opferfest dauert vier Tage.

Zu den Festtagen gehört außerdem der Geburtstag des Propheten Mohammed „Maulid al nabi“, in der Türkei Mevlut geheißen. Ein weiteres Fest, das sich besonders auf Gottes Barmherzigkeit bezieht und deshalb besonders zum Gebet genutzt wird, ist die Nacht der Vergebung „Lailat al Baraa“. Man begeht es als Lichterfest - die Moscheen, aber auch die Straßen sind besonders illuminiert. Am 27. des Monats Radschab wird von vielen Muslimen „lailat al miradsch“ begangen, der Tag, an der man der „nächtlichen Reise (isra) des Propheten nach Jerusalem“ gedenkt, die zu Beginn der Koransure 17 erwähnt wird. (wgl.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen