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Veröffentlicht: 01.04.2013, 17:07 Uhr

Schulform Gymnasium Ende eines Erfolgsmodells

Die Schulform Gymnasium hat sich dank gut ausgebildeter Lehrer bewährt. Durch die Förderung der Gemeinschaftsschulen soll diese Ausbildung vereinheitlicht werden. Doch dann wird die Qualität der Lehre an den Gymnasien verfallen.

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Bisher konnten sich Eltern darauf verlassen, dass ihre Kinder mit dem Abschluss des Gymnasiums in der Lage waren, ein Studium oder eine qualifizierte Ausbildung zu beginnen. Das Abitur war und ist noch immer der beste Indikator für Studienerfolg. Denn den Gymnasiallehrern ist es trotz einer Schülerschaft aus allen sozialen Schichten und einer größeren Übergangsquote aus der Grundschule gelungen, ein hohes Niveau zu halten. Das ist eine erstaunliche Leistung und hängt mit der hohen Qualität der Ausbildung zum Gymnasiallehrer zusammen.

Heike Schmoll Folgen:

Damit könnte es jedoch bald ein Ende haben. Denn die Schulform Gymnasium wird schon lange von innen ausgehöhlt. Die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre ließ sich nur mit einer Verkleinerung des Stoffpensums und einem Niveauverlust erkaufen. Gymnasiale Leistungsanforderungen wurden dem politischen Ziel geopfert, möglichst viele Abiturienten „zu produzieren“, die dann die Universitäten bevölkern. Das schadet nicht nur der dualen Ausbildung, sondern auch der Wissenschaft.

Stufenlehrer als Alleskönner

Nun soll landauf, landab auch die Gymnasiallehrerausbildung abgeschafft werden. Ginge es nach den Kommissionen aus Bildungsforschern und Praktikern zur Reform der Lehrerbildung, gäbe es im Westen außer in Bayern bald überall jenen Stufenlehrer, den Nordrhein-Westfalen schon hat. Nach Berlin hätte sich Baden-Württemberg das Geld für die Fachleute sparen können, die ihre früheren Konzepte nur noch vervielfältigen und derlei Vereinheitlichung dann als Beitrag zum Föderalismus anpreisen.

Überall dort, wo es die Gemeinschaftsschule, Sekundarschule oder wie auch immer benannte integrative Schulform für behinderte und nichtbehinderte, begabte und weniger begabte Schüler gibt, wird es künftig den Stufenlehrer als Alleskönner geben. Verordnet haben ihn dieselben Bildungsforscher, die vor kurzem noch die hohe Fachlichkeit der Gymnasiallehrer priesen. Immerhin haben sie die Fachlichkeit anderer Lehrer gestärkt: Grundstufenlehrer sollen künftig mehr von ihrem Fach verstehen, Gemeinschaftsschullehrer erst recht.

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Doch die Fachlichkeit der Gymnasiallehrer wird beschnitten. Denn alle Lehrer, gleich ob sie in den unteren Klassenstufen unterrichten oder in den mittleren und oberen, sollen eine sonderpädagogische Grundausbildung, solide fachwissenschaftliche und fachdidaktische Kenntnisse in mindestens zwei Fächern sowie mehr pädagogische Fähigkeiten für den Umgang mit unterschiedlichen Schülergruppen erwerben. All das soll das Lehramtsstudium in zehn Semestern leisten. Baden-Württemberg wird geraten, die für viele Schularten erfolgreiche Lehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen einzustellen und sie in die Universitäten zu integrieren, was schon in anderen Ländern kläglich gescheitert ist. Das Land wäre gut beraten, diesem Kommissionsvorschlag nicht zu folgen und stattdessen die jetzt schon übliche Zusammenarbeit von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen auszubauen.

Selbst Berlin hat soeben in einem „Leitbild Schule“ die Unterschiede zwischen Sekundarschulen und Gymnasien beschrieben. In Baden-Württemberg spricht der Ministerpräsident noch von zwei Säulen Gemeinschaftsschulen und Gymnasien - nur noch zur Besänftigung der Eltern? Schon bald wird von den gymnasialen Prinzipien nicht mehr viel übrig sein, weil es nicht mehr die Lehrer gibt, die ihr Fach so beherrschen, dass sie es besser vermitteln können, und die mit einer gewissen Störrigkeit gegen allzu schnelllebige Veränderungen zu ihrem Erfolg beigetragen haben.

Entkernung des Gymnasiums

Die Gymnasien hatten einen eigenen pädagogischen Stil gefunden. Es war ein fragend-entwickelnder Unterricht, der Schüler motivierte und ein Sozial- und Lernverhalten einübte, das auf wissenschaftliches Arbeiten vorbereitete. Das Gymnasium hat bisher immer die Herausforderung als Prinzip verstanden und versucht, reflexive Distanz durch einen fachlich und methodisch anspruchsvollen Unterricht zu fördern. Es hat mehr Schülern aus bildungsfernen Schichten zu besseren Leistungen verholfen als manche Gesamtschule, die sich dies auf ihr Banner geheftet hatte.

Längst haben dieselben Bildungsforscher, die den Stufenlehrer vorschlagen, dem Unterricht den höchsten Fördereffekt zuerkannt, der ein hohes Anspruchsniveau mit zügigem Fortschreiten im Lernstoff verbindet. Unterricht, der auf permanenten Leistungsausgleich angelegt ist, führt aber immer zur Benachteiligung der leistungsstärksten Schüler, ohne dass die schwächsten davon profitieren. Das hat jedenfalls eine Längsschnitt-Analyse mit Pisa-Daten ergeben. Doch das spielt offenbar alles keine Rolle mehr.

Heute geht es darum, die Gemeinschaftsschule als allein seligmachende Schulform durchzusetzen. Die Entkernung des Gymnasiums schreitet fort. In etwa zehn Jahren werden sich nur noch die Türschilder der beiden Schularten unterscheiden, weil es den Gymnasiallehrer mit hohem fachwissenschaftlichen Niveau kaum noch gibt. Die einzigen Nutznießer solcher Fehlplanungen werden die Privatschulen sein. Die Gymnasialeltern müssen sich wehren, bevor es zu spät ist.

Quelle: wahlrecht.de
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