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Streit über islamische Gebete : Fragiler Schulfrieden

In NRW gibt es längst Bekenntnis-Islamunterricht. Über die Frage, wie viel Religion darüber hinaus in der Schule stattfinden soll, entzweien sich sogar Lehrerkollegien. Bild: dpa

Muslimische Schüler, die im Schulflur beten? Als die Rektorin eines Gymnasiums ein Betverbot ausspricht, bricht ein internationaler Shitstorm los. Ein Jahr danach erzählt die Rektorin zum ersten Mal, wie es dazu kommen konnte. Hat die Lösung Modellcharakter für andere Schulen?

          Christiane Genschel kann wieder durchatmen. Die Schulleiterin des Johannes-Rau-Gymnasiums im Wuppertaler Stadtteil Barmen sitzt in ihrem geräumigen Arbeitszimmer, sichtlich erleichtert, endlich auf dieses Jahr zurückblicken zu können, das sie so nie wieder erleben möchte. Langsam kommt ihr Gymnasium zur Ruhe, allmählich ist an störungsfreies Lernen und Lehren zu denken. Die Fernsehteams sind weg, ihr Mailpostfach nicht mehr voller Droh- und Hassmails, der Streit im Lehrerkollegium etwas abgeflaut. Genschel mag sogar wieder mit einem Reporter sprechen, nachdem sie lange alle Kontaktversuche abgewehrt hat. Wer über die Sache reden wollte, musste sich mit der Pressesprecherin der Bezirksregierung Düsseldorf begnügen.

          Was geschehen war: 2017 hatten Schüler und Lehrer „zunehmend beobachtet, dass muslimische Schülerinnen und Schüler im Schulgebäude für andere deutlich sichtbar beten, signalisiert durch rituelle Waschungen in den Toiletten, das Ausrollen von Gebetsteppichen, das Einnehmen von entsprechenden Körperhaltungen“, wie Genschel in einem internen Schreiben ans Kollegium formulierte. „Das ist nicht gestattet.“ Sie forderte die Kollegen auf, die Schüler freundlich auf das Betverbot hinzuweisen, die Namen festzustellen und der Schulleitung zu melden. Die Sätze, die solche Sprengkraft entwickeln sollten, wurden aus dem Kollegium heraus an Schüler weitergegeben und gerieten so in die Öffentlichkeit. Türkisch-islamische Nationalisten verbreiteten die Nachricht weltweit, die regierungsnahe türkische Zeitung „Daily Sabah“ interpretierte den Sachverhalt so: „Deutsches Gymnasium bespitzelt betende Schüler.“

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          Heute, mehr als ein Jahr später, erzählt Genschel, wie aus einem alltäglichen Schulproblem ein medialer Aufschrei wurde, wie sie ihn, eine Rektorin, die es eher mit der Lokalpresse zu tun hat, noch nie erlebt hat. Schüler seien zu ihr und anderen Kollegen gekommen und hätten von muslimischen Mitschülern berichtet, die im Flur Gebetsteppiche ausrollten oder Kleinere aus den Schultoiletten drängten, um sich einer rituellen Fußwaschung zu unterziehen. „Da war etwas in Gang gekommen“, sagt sie, „dass diese Schüler aus pubertären Gründen oder was auch immer austesten wollten, wie weit sie gehen können.“ Die Schulleiterin reagierte prompt, verfasste besagtes Schreiben, das „als Unterstützung für die Kollegen gedacht“ gewesen sei. Ihr Ziel: das Gespräch mit den betenden Schülern suchen. Als ihr Stellvertreter Rainer Kokenbrink mit einem Schüler ebenjenes Gespräch führte, fanden sich wenig später „ganze Sätze und Argumentationsstränge“ der vertraulichen Situation im Internet wieder. An eine interne Klärung der Sache war nicht mehr zu denken. 

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          Die Schule geriet zwischen die Fronten türkischer Nationalisten und orthodoxer Muslime – und wurde gefeiert von deutschen Rechtsradikalen. Kamerateams standen vor dem Schultor und boten laut Genschel Schülern Geld für ein Interview an. Der Schulleiterin entglitt die Kontrolle, gegen die Anwürfe oder den Beifall von falscher Seite konnte sie sich kaum wehren. Nach einem Hilferuf an die Bezirksregierung in Düsseldorf übernahm die dortige Presseabteilung die Krisenkommunikation, nicht ohne Kritik an der unglücklichen Wortwahl in dem Schreiben zu äußern. „Wir haben nicht darauf geachtet, wie das ankommen würde, wenn es an die Öffentlichkeit kommt“, sagt die Schulleiterin heute selbstkritisch. In der ersten Zeit danach habe sie kaum etwas zu Papier gebracht, aus Sorge, neuerlich zur Zielscheibe zu werden.

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