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Freitag, 10. Februar 2012
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Schröder und Lafontaine Er oder ich

11.03.2009 ·  Für zwei Männer wie sie war an der Spitze der SPD offenbar kein Platz. Mit dem überraschenden Rücktritt Oskar Lafontaines vor genau zehn Jahren war der Machtkampf mit Gerhard Schröder entschieden. Kein persönliches Wort haben die Freunde, die Gegner seither miteinander gesprochen.

Von Günter Bannas
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Es war ein Machtkampf zweier Männer. Das Duell zweier Vollblutpolitiker. Sie beherrschten den Umgang mit den Medien. Sie beherrschten ihre Partei. Sie waren Konkurrenten, die Freundschaft vorspielen konnten. Sie waren Verbündete, die stets die Möglichkeit im Kopf hatten, Gegner zu werden - werden zu wollen, werden zu müssen. Sie konnten gut übereinander reden. Sie konnten schlecht übereinander reden. Sie wurden Feinde. Sie respektierten sich, weil sie Stärke und Professionalität des anderen anerkannten.

Der eine wollte als Kanzler herrschen. Der andere dachte, er könne mit den Ämtern des Parteivorsitzenden und des Bundesfinanzministers der Chef sein. Doch einer war zu viel in der Arena. Vor zehn Jahren legte Oskar Lafontaine alle politischen Ämter nieder - kampflos, wie seine Freunde bedauerten, stillos und feige, wie seine immer zahlreicheren Gegner kritisierten. Die einen sagen, er sei aus politischen Gründen gegangen. Die anderen sehen nur eine Niederlage in einer persönlichen Rivalität. Nie hat ein Rücktritt so viel in Bewegung gesetzt wie der am 11. März 1999.

Nicht beeindruckt

Am Tag davor, einem Mittwoch, ist Sitzung des Bundeskabinetts, 9.30 Uhr. Ein Beobachter notiert: „Der Kanzler (grauer Anzug mit Weste, weißes Hemd, goldfarbener Seidenschlips) setzt sich zwischen Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) und Kanzleramtsminister Bodo Hombach (SPD), eröffnet mit der Tischglocke die Sitzung.“ Es soll zu einer Standpauke gekommen sein, wie sie - außer Lafontaine natürlich - sonst niemand inszenieren konnte. Schröder knöpft sich die Familienministerin Christine Bergmann (SPD) vor. Über Kosten des Mutterschutzes und des Vaterschaftsurlaubs und die Belastung der Wirtschaft poltert der Kanzler. Dann ist Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) an der Reihe: Altauto-Verordnung, Smog-Verordnung.

Der Bundeskanzler fordert: „Wir brauchen kräftige Signale zur Verbesserung der Stimmung in der Wirtschaft.“ Das findet Lafontaine auch. Er unterstützt Schröder - wie meistens, wenn andere zugegen sind. Christine Bergmann soll Widerspruch gewagt und auf die Gleichberechtigung der Frau hingewiesen haben. Schröder wird sich später erinnern, er sei aus der Haut gefahren. „Es wird einen Punkt geben, wo ich die Verantwortung für eine solche Politik nicht mehr übernehmen werde“, sagt er. Trittin ist nicht beeindruckt, und die anderen sind es auch nicht. Sie kennen ihren Kanzler. Sie hatten schon früher die Erfahrung gemacht, Schröder schimpfe gerne auf Kabinettsmitglieder minderer Bedeutung oder auf die Grünen, wenn es in der SPD Probleme gebe.

Oskar Lafontaine wurde 1943 in Saarlouis geboren. Der Vater fiel im Krieg. Mit zehn Jahren kam er in das Bischöfliche Konvikt in Prüm in der Eifel. Abitur, Studium der Physik, Diplom-Examen 1969. 1966 Eintritt in die SPD - gemeinsam mit Reinhard Klimmt, der heute noch sein Freund ist. Mit den Flügelkämpfen der Jungsozialisten hatte er wenig zu tun. 1968 wurde Lafontaine in den Landesvorstand der saarländischen SPD gewählt, 1969 in den Stadtrat von Saarbrücken. Oberbürgermeister wurde er 1976, Landesvorsitzender 1977, Präsidiumsmitglied der Bundes-SPD 1979. Bald war er ein hitziger Gegner der Politik des Bundeskanzlers Helmut Schmidt. 1985 wurde Lafontaine Ministerpräsident. Er war der Anführer der sogenannten Enkel Willy Brandts. 1990 war er Kanzlerkandidat. Bei einem Attentat wurde er lebensgefährlich verletzt. Er überwarf sich mit Brandt in Fragen der Vereinigung Deutschlands.

„Keinen Funken Streit gibt es.“

Bonn-Graurheindorf, Ministerbüro des Bundesfinanzministeriums, am späten Nachmittag. Nach den Schröder'schen Ausbrüchen im Kabinett empfängt Lafontaine eine Gruppe von Abgeordneten des linken Parteiflügels: Gernot Erler, Detlev von Larcher, Michael Müller, Andrea Nahles, Ottmar Schreiner, Ludwig Stiegler. Die Gäste wollten ihren Parteivorsitzenden mahnen, er dürfe auch als Bundesfinanzminister nicht die Belange der Partei vergessen. Lafontaine schimpft über sein Arbeitszimmer. Dunkel sei es. Er zeigt ihnen eine Tapetentür, hinter der sich eine Schlafkammer befand.

Lafontaine machte sich über Theo Waigel (CSU), seinen Vorgänger, lustig, der diese Kammer benutzt habe. Die Gäste warnen den Finanzminister. Lafontaine müsse vor Bodo Hombach, dem Kanzleramtsminister, auf der Hut sein. Der sei ein Intrigant und arbeite gegen ihn. Lafontaine beteuert, mit Schröder komme er gut aus. „Keinen Funken Streit gibt es.“ Die Gäste sagen: „Der Hombach hat es faustdick hinter den Ohren.“ Lafontaine schimpft auf den bevorstehenden Umzug der Regierung nach Berlin. Dann könne er abends nicht mehr nach Hause nach Saarbrücken fahren. An seinem noch ganz jungen Sohn habe er sehr gehangen, erzählen die, die damals viel mit ihm zu tun hatten: „Kindweh“ als eine Form von „Heimweh“.

Die Rücktrittsdrohung des Kanzlers

Gegen 21 Uhr bringt Dagmar Wiebusch, die für Lafontaine arbeitete, eine Meldung über das herein, was die „Bild“-Zeitung am folgenden Tag berichten wird. Schlagzeile: „Schröder droht mit Rücktritt!“ Und: „Paukenschlag gestern morgen im Kabinett.“ Lafontaine soll außer sich geraten sein. Plötzlich bezieht er den Vorgang auf sich. Er fuchtelt mit dem Fax-Papier. Er schimpft auf Hombach. „Da seht ihr mal, wie sie mit uns umgehen.“ Lafontaine sagt zu Dagmar Wiebusch: „Schröder muss dementieren.“ Doch es reagiert nur Uwe Karsten Heye, der Regierungssprecher: „Zu keinem Zeitpunkt ist der Bundeskanzler auch nur in die Nähe einer Rücktrittsdrohung gekommen.“ Schröder sagt andernorts, er wisse von nichts. Dagmar Wiebusch zu Lafontaine: „Sie dementieren auf allen Kanälen.“ Lafontaine schimpft, das sei lau. Schröder habe nicht selber dementiert. Die Runde im Finanzministerium löst sich auf. Einige meinten, so aufgebracht hätten sie Lafontaine noch nie erlebt. Es ist gegen 22 Uhr.

Gerhard Schröder wurde 1944 in Mossenberg im Lipperland geboren. Der Vater fiel im Krieg. Schröder besuchte die Volksschule. Er machte eine Lehre als Eisenwarenhändler. 1966 hatte er das Abitur nachgeholt, 1971 das erste und 1976 das zweite juristische Staatsexamen abgelegt. Schon 1963 war er in die SPD eingetreten. Bei den Jungsozialisten stieg er auf. Erst galt er bei ihnen als „Rechter“, später als „Antirevisionist“. 1978 wurde er Vorsitzender der Jungsozialisten. Er unterstützte Lafontaines Bewerbung für den SPD-Bundesvorstand. 1980 kam Schröder in den Bundestag. Im Gespräch konnte er schon mal sagen, er wolle Bundeskanzler werden. 1984 setzte er sich als Spitzenkandidat der SPD in Niedersachsen durch - gegen den Willen Brandts. Auch er zählte zu den „Enkeln“. In dieser Zeit lernte er Lafontaine besser kennen. Der sei „inzwischen die unangefochtene Nummer eins im Nachwuchskader der SPD“, pflegte er zu sagen. Später, nachdem Lafontaine die Gelegenheit hatte verstreichen lassen, 1987 nach Willy Brandt SPD-Vorsitzender zu werden, hielt Schröder Lafontaine für einen Zauderer. 1990 wurde er Ministerpräsident, 1998 Bundeskanzler.

Ziel der Parteispitze

Im Regierungsviertel am Rhein, Kurt-Schumacher-Straße. Dort liegt die - wegen Küche, Koch und Wein gut beleumundete - Vertretung des Saarlandes, und dort trifft Lafontaine nach seinem Wutanfall im Ministerium Peter Struck, den Fraktionsvorsitzenden. Es sollte ein Routinetreffen sein. Lafontaine aber schimpft weiter, dieses Mal über Schröder. Der könne es nicht und halte sich nicht an Absprachen. Struck hört ein „Der oder ich“ heraus. Er sagt, Schröder sei Bundeskanzler, also der Chef. Jahre später treffen sich Struck und Lafontaine bei einer Geburtstagsfeier. Struck fragt den Saarländer, warum er ihm damals nichts vom bevorstehenden Rücktritt gesagt habe. „Weil du es dem Schröder gesagt hättest“, bekommt er zur Antwort.

Im Mai 1993 sahen sich Lafontaine und Schröder von einem Dritten übervorteilt. Bei der Befragung (faktisch einer Urabstimmung) der SPD-Mitglieder, wer als Nachfolger von Björn Engholm neuer SPD-Vorsitzender werden solle, verzichtete Lafontaine auf eine Bewerbung und unterstützte Rudolf Scharping - in der irrigen Annahme, der werde ihm als Gegengabe die Kanzlerkandidatur im Bundestagswahlkampf 1994 überlassen. Schröder bewarb sich für den Parteivorsitz, weil er selber Kanzlerkandidat werden wollte. Das Wahlverfahren - es gab drei Kandidaten (Scharping, Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul), und ein Stichentscheid war nicht vorgesehen - trug zu Scharpings Sieg und Schröders Niederlage bei. Schröders Aufstieg zu verhindern, war das Ziel der Parteispitze. Das vergaß Schröder nie.

Gemeinsam arbeiteten Lafontaine und Schröder dann am Sturz Scharpings. 1995 in Mannheim waren sie am Ziel. Es begann ihr Kampf um die Kanzlerkandidatur 1998. Lafontaine konnte das Recht für sich reklamieren, als Parteivorsitzender das erste und letzte Wort zu haben. In der Parteiführung hatte er eine sichere Mehrheit. Mit der eigenen Bewerbung disziplinierte er den niedersächsischen Ministerpräsidenten. Schröder verhielt sich äußerlich loyal und setzte auf seine Beliebtheit in Umfragen. Er verließ sich auf seine Freunde im „Seeheimer Kreis“ und in den Hamburger Medien.

Beliebt und unbeliebt

Lafontaine registrierte mit Argwohn Schröders Beliebtheit und seine eigene Unbeliebtheit. Sogar Joseph Fischer von den Grünen, ursprünglich ein Anhänger Lafontaines, vermerkte nach einem Gespräch mit Schröders Freund Hombach die schlechten Umfragewerte des Saarländers. „Für viele Wähler“, erklärte Fischer einem Redakteur des „Spiegel“, „habe Lafontaine den bösen Blick.“ Später soll Fischer, sinngemäß zusammengefasst, zu Lafontaine gesagt haben: „Du bist der Größte. Aber lass den Schröder ran.“

Gegen den Rat seiner Freunde vom linken Parteiflügel akzeptierte Lafontaine im Herbst 1997 den Vorschlag, es vom Ausgang der niedersächsischen Landtagswahl im Frühjahr 1998 abhängig zu machen, wer Kanzlerkandidat werde. Schröder machte die Landtagswahl zu einem Plebiszit über seine Ambition. Am 2. März 1998 gewann er mit 47,9 Prozent die absolute Mehrheit. Am Nachmittag jenes Sonntags rief Lafontaine bei Schröder an: „Glückwunsch, Herr Kandidat.“

Lafontaine - nach Gesprächsnotizen jener Wochen der Entscheidung: „Ich kann das Amt des Bundeskanzlers besser ausfüllen.“ Und: „Ich bin auch der bessere Fachmann.“ Immerhin: „Er gibt sich wirklich Mühe.“ Aber: „Schröder ist kein Teamspieler.“ Noch ein Aber: „Niedersachsen zu gewinnen, reicht nicht.“ Andererseits: „Ich will den Konsens mit Schröder.“

Wahlkampf und Kosovo-Konflikt

Der Wahlkampf 1998 war überschattet vom Kosovo-Konflikt - serbische Militärattacken, Menschenrechtsverletzungen, Verhandlungen in der Nato über ein Eingreifen, Absprachen in den Vereinten Nationen. Nach der Wahl spitzte sich die Lage auf dem Balkan zu. Ultimaten der Nato. Die künftige Führung sprach mit der scheidenden Regierung Kohl darüber, ob es einen „Automatismus“ für Bundeswehreinsätze auf dem Balkan gebe. Verteidigungsminister Rühe (CDU) sagte ja. Außenminister Kinkel (FDP) sagte nein. Lafontaine sagte, drohen könne man schon.

Schröder und der designierte Außenminister Fischer reisten zu Gesprächen zum amerikanischen Präsidenten Clinton nach Washington - angeblich ohne vorherige Konsultation Lafontaines, was der SPD-Vorsitzende als Verstoß gegen Absprachen und als Vertrauensbruch verstand. Doch erhob Lafontaine in den Sitzungen von Partei und Kabinett keine grundsätzlichen Einwände gegen einen Einsatz der Nato.

Erinnerungen eines Teilnehmers an eine Beratung im Kabinett - in Abwesenheit Schröders. Innenminister Schily skeptisch: „Dürfen deutsche Truppen wirklich auf dem Balkan in den Krieg ziehen?“ Vizekanzler Fischer: „Darüber ist nur im Beisein des Kanzlers zu sprechen.“ Lafontaine: „Wenn die europäische Sozialdemokratie gegen die Tyrannei zu Felde zieht, kann die deutsche Sozialdemokratie nicht abseits stehen.“

Zwillinge in der Öffentlichkeit

Die größte Sorge der Schröder-Freunde war es, Lafontaine, der Parteivorsitzende, würde nach der Bundestagswahl auch noch Fraktionsvorsitzender werden wollen. Dann hätte der Saarländer den Niedersachsen in die Zange nehmen können. Sie mussten sich aber keine Sorgen machen. Lafontaine wollte Finanzminister werden. Er wollte die internationalen Geldmärkte regulieren. Weil er Scharping für unfähig hielt, wollte er verhindern, dass der Fraktionsvorsitzender blieb. Lafontaine wollte Franz Müntefering, der damals noch zum Lafontaine-Lager gezählt wurde und Vorsitzender des mächtigen nordrhein-westfälischen SPD-Landesverbandes war. Doch Müntefering lehnte ab. So begann der Aufstieg Peter Strucks.

Lafontaine baute das Finanzministerium nach dem Vorbild des britischen Schatzministeriums aus. Das Wirtschaftsministerium wurde politisch entkernt. Seine Grundsatzabteilung und die europapolitischen Zuständigkeiten wurden in das Finanzministerium geholt. Schröder wiederum hielt sich am Finanzministerium schadlos. Die Aufgabe des „Sherpa“ - als Berater des Kanzlers bei Weltwirtschaftsgipfeln - wechselte vom Finanzministerium in das Bundeskanzleramt. Hombach brachte das dem SPD-Vorsitzenden bei, weil Schröder solche Gespräche nicht liebte. Der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Gretschmann, ein Vertrauter Hombachs, wurde „Sherpa“. Hombach interpretierte das als Niederlage Lafontaines. Bei einer Pressekonferenz wurde Lafontaine gefragt, ob er sich nun als Schatzkanzler fühle. Schröder intervenierte: Schätze gebe es nicht. Und es gebe nur einen Kanzler. Die beiden kugelten sich vor Lachen - wie immer damals in der Öffentlichkeit, wenn sie „Zwillinge“ spielten, zwischen die „kein Blatt Papier“ passe.

Neuer Posten für Lafontaine

In jener Zeit lud Lafontaine regelmäßig eine Gruppe von Journalisten ein, den „Oskar-Kreis“. Der war groß genug, dass das Gesagte gewiss auch Schröder erreichte. Warnungen im Oktober 1998: „Wenn hinter meinem Rücken Absprachen getroffen werden, entsteht Misstrauen.“ Lafontaine sprach von einem „einmaligen Experiment“, dass ein Parteivorsitzender als Minister am Kabinettstisch sitze. „Gibt es eine vertrauensvolle Kooperation mit Schröder, klappt es, wenn nicht, kracht es später.“ Später, bei einer Weihnachtsfeier des Kabinetts im Kanzlerbungalow, wurde Lafontaine an seinem Tisch mit deftigen Äußerungen gegen Schröder und die „Neoliberalen“ vernommen.

Der Start der rot-grünen Regierung verlief holprig. Streit über Steuern, Haushalt, Arbeitsmarkt und Atomausstieg. Spannungen zwischen Umweltminister Trittin und Wirtschaftsminister Werner Müller. SPD und Grüne verloren die Mehrheit in Hessen an CDU und FDP. Es wurde über die „doppelte Staatsangehörigkeit“ gestritten. Schröders PR-Aktionen - Fotos mit teueren Zigarren (Kuba) und Anzügen (Brioni) - wirkten unseriös. Ärger in der Fraktion darüber. So könne es nicht weitergehen. Lafontaine brachte die Bundesbank in Frankfurt gegen sich auf. „Ist dies der gefährlichste Mann Europas?“ fragte das britische Massenblatt „Sun“ seine Leser auf der Titelseite. „Oskar Lafontaine stellt die größte Bedrohung für die britische Lebensart seit 1945 dar.“

Das wiederum ärgerte Schröder. In der SPD-Fraktion wurde Hombachs Büro im Kanzleramt als Bermuda-Dreieck bezeichnet, weil nichts klappe und Akten verschwänden. Im Kanzleramt wurde notiert, Lafontaine habe bei einer Pressekonferenz (“Jahressteuergesetz“) versagt. Lafontaines Freunde wiederum argwöhnten, er werde von Hombach gemobbt, indem finanzpolitische Termine des Kanzlers so gelegt würden, dass er keinesfalls dabei sein könne. Bald kamen Berichte auf, Lafontaine könnte Präsident der Europäischen Kommission werden. Schröder sagte zu Lafontaine, wenn er wolle, könne er nach Brüssel wechseln.

Das Ende ist nah

Es gab noch eine andere Offerte. Denn Schröder bemerkte Lafontaines Unzufriedenheit. Er machte dem Finanzminister das vergiftete Angebot, Fraktionsvorsitzender zu werden. Hombach wusste davon und Klimmt auch - doch niemand sonst, vor allem nicht der Amtsinhaber Struck. Klimmt sagte später, die Sache sei „schon eingeleitet“ gewesen, sogar mit Struck. Nach anderer Erinnerung hatte Schröder nicht eine Bitte an Lafontaine gerichtet, sondern nur gesagt, er könne wechseln, wenn er die Aufgabe des Finanzministers nicht bewältige.

Am Montag vor Karneval machte Lafontaine bei einem Treffen mit der Partei- und Fraktionslinken seinem Ärger Luft. Von Festlegungen des Kanzlers erfahre er „aus der Zeitung“. Er attackierte Schröders Bemerkung: „in der Politik brauchen wir mehr Fischer, weniger Trittin.“ Das sei kein „fairer Umgang“ mit dem Koalitionspartner. Bei der „Öko-Steuer“ und der Unternehmensteuerreform sei er von Schröder übergangen worden. Er könne nicht für alles verantwortlich gemacht werden, was in der Koalition schieflaufe. Teilnehmern fiel auf, Lafontaine habe nicht mehr bloß Kanzleramtschef Hombach kritisiert. Er habe Schröder „madig gemacht“. Mitarbeiter Lafontaines begannen zu rätseln, wie lange das gutgehen könne. Vom baldigen Ende wussten sie nichts - nicht einmal Christa Müller, Lafontaines Frau und Beraterin.

Die Entscheidung ist gefallen

Donnerstag, 11. März: Szenen des Nichtwissens. Im Finanzministerium begibt sich gegen neun Uhr Torsten Albig, der Pressereferent des Hauses, in das Ministerbüro. Die Zeitschrift „Focus“ sei an einem Gespräch über Steuerpolitik interessiert. Lafontaine gibt sein „Okay“. Im Kanzleramt sitzen zur Mittagszeit Schröders Redenschreiber Reinhard Hesse und Thomas Steg beim Kanzler. In der niedersächsischen Landesvertretung wollte Schröder am Abend die deutsche Übersetzung von Anthony Giddens Buch „The third way“ über eine Erneuerung der „sozialen Demokratie“ vorstellen. Die drei diskutierten über unterschiedliche Varianten einer Rede Schröders. Ottmar Schreiner, der SPD-Bundesgeschäftsführer, besucht im Saarland die „Dillinger Hütte“. Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Entwicklungshilfeministerin, die immer das Gras wachsen hört, ist in Hamburg bei der „Bild“-Zeitung. Franz Müntefering, der Verkehrsminister, eröffnet mit Ministerpräsident Biedenkopf den Autobahntunnel unter den Königshainer Bergen in Sachsen.

Gegen Mittag diktiert Oskar Lafontaine drei Briefe - an den Bundeskanzler, den SPD-Bundesgeschäftsführer und den Bundestagspräsidenten - mit stets gleichem Inhalt: Rücktritt vom Amt des Finanzministers, Niederlegung des SPD-Vorsitzes, Niederlegung des Abgeordnetenmandats. Noch ein Treffen mit Neil Kinnock, damals EU-Kommissar. Dann werden die Briefe den Adressaten überstellt. Lafontaine fährt nach Hause nach Saarbrücken. Später sagt er, an diesem Vormittag habe er beschlossen, seine schon „vor Wochen“ gefasste Entscheidung vorzuziehen, im Mai, nach der Wahl von Johannes Rau zum Bundespräsidenten zurückzutreten. Das Fass sei übergelaufen, sagt er.

Kanzlerlyrik aus einsamen Höhen der Macht

Hat Schröder etwas geahnt? „Als ich den verschlossenen Umschlag aus meinem Vorzimmer hereingereicht bekam, war mir sofort klar, dass dies nur ein Rücktrittsschreiben sein konnte“, schrieb er später auf. Er ruft Struck an. Der dachte, es gehe um Hombachs Entlassung. Struck sei doch gestern bei Lafontaine gewesen, sagt Schröder und fragt, ob der etwas gesagt habe. „Nein“, antwortet Struck. Schröder versucht Lafontaine telefonisch zu erreichen. Der soll, laut Schröder, zur Kanzlersekretärin Marianne Duden gesagt haben: „Mit dir, Marianne, spreche ich gern, aber mit ihm nicht mehr.“ Lafontaine schrieb später, er habe ihr auch gesagt, „sie möge Gerhard Schröder herzlich grüßen“. Aus der Buchvorstellung in der niedersächsischen Landesvertretung wird nichts. Die Reporter rennen hinaus und telefonieren und sagen ihre Skiferien ab.

Treffen im Kanzleramt. Joseph Fischer ist vom Joggen am Rhein geholt worden. Er soll geschwitzt haben. Struck, Hombach und Frank-Walter Steinmeier, der Staatssekretär, sind schon da. Otto Schily, der Innenminister, und Heidemarie Wieczorek-Zeul kommen. Regierungssprecher Heye eilt hinein. Lafontaine sei nicht nur vom Ministeramt, sondern auch vom Parteivorsitz zurückgetreten. Fischer sagt, nun müsse Schröder auch SPD-Vorsitzender werden. Kanzlerlyrik aus einsamen Höhen der Macht: „Als Joschka wieder draußen war und auch Heye sich verabschiedet hatte, trat ich wie immer, wenn ich eine unübersichtliche Lage zu bedenken hatte, an das bodentiefe Fenster, durch das eine späte Sonne ihre letzten Strahlen schickte. Vorfrühling und ein frühes leichtes Grün im Park des Kanzleramtes.“

Kampf der Kampfmaschinen

Schröder sagt ziemlich ernsthaft, Renate Schmidt, damals stellvertretende SPD-Vorsitzende und Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, solle SPD-Vorsitzende werden. Heidemarie Wieczorek-Zeul fragt, was mit Müntefering sei. Schröder sagt, der solle Bundesgeschäftsführer werden. Struck sagt, Schröder müsse SPD-Chef werden. Jemand fragt, ob Henning Voscherau, vormaliger Hamburger Bürgermeister, Finanzminister werden solle. Struck solle Fraktionsvorsitzender bleiben, sagt Schröder.

Im Beisein der anderen ruft er Hans Eichel an, der noch einige Tage Ministerpräsident in Hessen ist: Du musst Finanzminister werden. Der sagt zu und fährt nach Bonn. Es wird darüber gesprochen, wie Schröder in der Arbeit der Parteiführung entlastet werden könne. Der Begriff eines „Geschäftsführenden SPD-Vorsitzenden“ entsteht. Aus Sachsen kommt Müntefering. Er plädiert für Klarheit in der Führungsfrage. Aus dem Saarland kommt Schreiner und bietet seinen Rücktritt an. „Du musst bleiben“, sagt ihm Schröder. Er selbst übernimmt den Parteivorsitz. Ein halbes Jahr später wird Schreiners Posten Generalsekretär genannt und mit Müntefering besetzt.

Der Kampf der Kampfmaschinen war entschieden. Kein persönliches Wort haben die Freunde, die Gegner seither miteinander gesprochen. Schröder ist heute ein Partner Wladimir Putins. Lafontaine wurde Chef der Linkspartei. In seinem Büro hängt - wie er sagt, zur Provokation der Besucher - ein Bild von Papst Benedikt XVI.

Der vollständigen Text des Protokolls der entscheidenden SPD-Präsidiumssitzung wird in der Donnerstagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Quelle: F.A.Z.
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