Weil nichts dem Zufall überlassen bleiben sollte, hatten die Helfer einige Sektgläser in der zweitdunkelsten Ecke im Bundeskanzleramt aufgestellt - für Eingeweihte: Vor dem Pressekonferenzensaal dortselbst und neben den dazugehörigen Garderoben für nur mittelmäßig willkommene Gäste. Um zehn Minuten nach elf Uhr sagt ein Organisator zu den Journalisten, sie sollten jetzt ihre „Handys“ ausstellen, und zu den Fotografen, sie sollten auf Position bleiben und nicht herumlaufen wie sonst. Zum Abschluss werde das Pult, von dem aus gerade er spreche, später weggeräumt, und dann könne es gemeinsame Fotos geben, von wem auch immer, der Bundeskanzlerin und dem Bundeskanzler „a.D.“ und dem Außenminister Steinmeier.
Dem Gemälde gegenüber waren die Fotografen und Kamera-Leute (sie heißen Bild-Presse) aufgestellt worden, links davon standen einige Mitarbeiter des Hauses und rechts davon die anderen berufsweise Neugierigen („Schriftpresse“). Hinter denen tropfte von draußen der Regen ins Kanzleramt herunter. Undichte Scheiben sind in Berlin keine Seltenheit.
Merkel wie immer und Schröder wie früher
Um Viertel nach elf Uhr hätte die Zeremonie beginnen sollen, weshalb Zuspätkommer im Dauerlauf an der Galerie der Kanzlerinahnen (von Adenauer bis nun Schröder) vorbeieilten. Andere machten Scherze, ob Helmut Kohl besonders gut getroffen sei (von Albrecht Gehse) oder ob dereinst Oskar Lafontaine doch noch zu der Ehre kommen werde, dort zu hängen. Um zwanzig nach elf Uhr kamen noch mehr - offenbar gut informierte Kanzleramtsmitarbeiter. Um zwei Minuten vor halb zwölf gab es ein Zeichen für die Fotografen.
Vorneweg Angela Merkel und Gerhard Schröder, die Bundeskanzlerin wie immer gestikulierend, wenn sie anderen den Weg weisen will, und Schröder wie früher, wenn er partout freundlich und höflich wirken will. Dahinter bekannte Gesichter, der Hausherr, Kanzleramtsminister Thomas de Maizière, Außenminister Steinmeier und Vizekanzler Müntefering, und dann auch noch weniger bekannte Gesichter, die als „Gäste“ angekündigt waren: Die junge Witwe des Malers Jörg Immendorf, Oda Jaune, in einer Rede später auch Jaune Immendorf geheißen, der Galerist Michael Werner, Martin Krug (Ehemann von Veronica Ferres), Kai Diekmann (Chefredakteur der Bild-Zeitung) und Bela Anda (früher Regierungssprecher Schröders und davor auch Bild-Zeitung). Tilman Spengler, ein Autor und auch ein Freund Schröders, der öfters auf dessen Auslandsreisen mit dabei war, war bloß angekündigt, aber nicht erschienen.
Die übrigen taten so, als hätten sie das Bild das erste Mal gesehen - je prominenter um so heftiger. Sie taten es für die Fotografen und natürlich auch für die „Schriftpresse“. Diekmann schaute ernst, Müntefering streng, Steinmeier amüsiert.
„Dafür hast Du meinen Respekt“
„Es wird das ungewöhnlichste Bild in der berühmten Ahnengalerie ehemaliger Bundeskanzler im Berliner Kanzleramt!“, hatte Diekmann im Januar geschrieben, als Schröder den Maler in seinem Atelier in Düsseldorf besuchte und Diekmann dabei war. Das Bild - der Kanzler „GANZ IN GOLD“ (so Diekmann) - war fertig. „Du bist der erste Kanzler gewesen, der sich um die Künstler gekümmert hat. Damit hast Du ein Zeichen gesetzt, welchen Stellenwert die Kunst in der Gesellschaft hat. Dafür hast Du meinen Respekt“, hatte damals - so Diekmann - Immendorf zu Schröder gesagt. Und Schröder über das Bild: „Eine ganz eigene Arbeit, ganz anders als die anderen Porträts im Bundeskanzleramt.“
Spengler war damals auch dabei gewesen und hatte in der „Zeit“ berichtet. „Wenns nach mir gegangen wäre, hätte das Bild auch noch später entstehen können“, schrieb Spengler, habe Schröder gesagt. Immendorf habe zu Schröder gesagt: „Dieses Bild ist mein ganz privates Geschenk an Dich.“ Da habe Schröder geantwortet: „Ich werde es als Dauerleihgabe dem Kanzleramt geben.“
Im März 2000, habe Immendorf gesagt, sei das Vorhaben verabredet worden, und im Herbst vergangenen Jahres, schrieb Spengler, sei der Auftrag erteilt worden. Über das Treffen im Atelier schrieb er: „Im Halbkreis um den Künstler sitzen ein paar Freunde, der Vertreter einer Boulevardzeitung macht sich Notizen, etwas später kommt auch Oda Jaune dazu, Immendorffs Frau, deren lebendiges Wesen und deren Hosen von einer frischen Auseinandersetzung mit Leinwand und Farbe zeugen.“
Das Porträt als demokratische Pflicht
Nun eröffnet de Maizière als Chef des Hauses den Akt der Übergabe. 1976 habe Helmut Schmidt die Idee einer Kanzlergalerie gehabt. Beinahe erhebt de Maizière die Bereitschaft eines Kanzlers, sich malen zu lassen, in die Kategorie demokratischer Pflichten - alle Kanzler hätten sich verpflichtet gefühlt - auch Helmut Kohl nach dem Umzug nach Berlin, und nun Schröder. Eine Schenkung sei das Bild, sagt der Chef des Kanzleramtes. „Dafür möchten wir Ihnen sehr herzlich danken.“
Schröder nickt erfreut und wie jemand, der über sein Zeitbudget frei verfügen kann. Frau Merkel schaut eher so, als hätte sie noch anderes zu tun. Zum gemalt werden, sagt sie später, habe ein Kanzler gesagt, brauche man nur einen blauen Anzug. De Maizière sagt: „Hiermit nehmen wir ihr Porträt dankbar und freudig auf.“
„Sie sehen, da ist noch ein bisschen Platz“
Schröder begrüßt die „sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin“, den sehr geehrten Herrn - er stutzt und zögert - Herrn Minister, sodann seine Freunde Frank-Walter - den Außenminister, der früher Chef hier des Hauses gewesen sei - und Franz - auf den er sich immer, wirklich immer habe verlassen können, als er noch hier gewesen sei. Schröder spricht von einem „guten Abschluss“ einer Arbeit, die „überwiegend“ Freude gemacht habe, ganz so, als ende die Kanzlerschaft nicht mit der Wahl des Nachfolgers, sondern mit der Hängung an der Galerie.
Seiner Nachfolgerin sagt er: „Sie sehen, da ist noch ein bisschen Platz.“ Und - wann auch immer - irgendwann werde Angela Merkel einmal „neben mir hängen“. Nach allem aber, was gewesen sei, solle man „uns“ nicht zum „Traumpaar“ der deutschen Politik stilisieren. Nach allem? Womöglich bezog sich Schröder auf jene nachwahlabendliche Fernsehrunde („Sie werden es nie“), womöglich aber auch auf jenes Treffen beim Hoffest der SPD, wo sie - mit anderen im und wegen des Regens ziemlich eng auf einer Bank saßen - „Ellenbogen an Ellenbogen“, wie jemand die Szene später zu umschreiben versuchte.
Und es wird auch erzählt, Frau Merkel und Schröder träfen sich auch sonst hin und wieder. Den Leuten von der „Schriftpresse“ ruft Schröder noch zu, es sei ein schöner Tag. „Und machen Sie was ordentliches draus, endlich mal.“ Dieses Mal sagt er es auf nette Weise.
Um elf Uhr fünfunddreißig ins Halbdunkel
Schröders Lacherfolge waren Vorgabe und wohl auch Stimulanz. Frau Merkel sagt: „Die große Koalition macht es möglich, dass Sie sich nicht ganz so fremd fühlen und Sie auch ein paar Kameraden mitbringen konnten“ - womit wohl der Franz, der Frank-Walter und vielleicht auch Herr Anda gemeint waren. Und nun, da die Galerie wieder vollständig sei, bräuchten die Besuchergruppen nicht mehr, sagt die Kanzlerin, die Frage zu stellen: „Warum wird der Schröder nicht aufgehängt?“ Da lachen viele und Schröder tut so als ob er auch.
Sodann posiert der Alt-Kanzler vor dem ungewöhnlichsten Bild aller Zeiten. Er tut es mit Frau Merkel. „Schauen Sie nach links, Frau Bundeskanzler“, wird aus den Reihen der „Bild-Presse“ gerufen. „Haben Sie auch schon einen Maler?“ schallt es aus der „Schriftpresse“. Noch ein Foto Schröders mit Oda Jaune. Es ist elf Uhr fünfunddreißig. Die Geladenen gehen ins Halbdunkel zum Sekt. „Presse bitte hinten raus.“ Mäntel und Schirme werden ihr nachgetragen.
Porträts der Bundeskanzler und ihre Maler
Das Immendorff-Porträt von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) ist das siebte Kanzler-Bildnis in der „Ahnengalerie“ des Bundeskanzleramtes. Nur ein Künstler porträtierte bislang zwei ehemalige Kanzler: Günter Rittner malte sowohl Ludwig Erhard als auch Kurt Georg Kiesinger (beide CDU).
Die Porträts der bisherigen Bundeskanzler und die Künstler:
- Konrad Adenauer, CDU (Hans-Jürgen Kallmann)
- Ludwig Erhard, CDU (Günter Rittner)
- Kurt Georg Kiesinger, CDU (Günter Rittner)
- Willy Brandt, SPD (Olaf Petersen)
- Helmut Schmidt, SPD (Bernhard Heisig)
- Helmut Kohl, CDU (Albrecht Gehse)
- Gerhard Schröder, SPD (Jörg Immendorff)
Der goldene Kanzler
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 10.07.2007, 15:31 Uhr
@ Axel Julius
(ulrichhilss)
- 10.07.2007, 19:14 Uhr
einfach abstossend
Stefan Berger (stefberg)
- 10.07.2007, 20:27 Uhr
Kohl
Horst Claudius (tknuf)
- 10.07.2007, 20:43 Uhr
Ein "großkotziger Blender" und ein "Staatsmann"!
Leon Feltrinelli (Feltronelli)
- 10.07.2007, 21:27 Uhr