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Schröder-Biografie : Merkel lobt den Agenda-Kanzler

Bild: dpa

Mitten in der Flüchtlingskrise war es ein Entspannungstermin für Angela Merkel. Die Kanzlerin stellte mit warmen Worten die Biografie ihres Vorgängers Schröder vor. Der Altkanzler gab sich gerührt.

          Wie gut und fast locker das Verhältnis zwischen Kanzlerin und Vorgänger nach jener berühmten „testosteronen Explosion“ am Abend der Bundestagswahl am 18. September 2005 nach zehn Jahren inzwischen ist, machte Angela Merkel am Ende der Buchvorstellung deutlich: „Es ist entspannt, es ist ok. Da ist ein Grundvertrauen“.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Und wer unter den Berliner Journalisten erwartet hatte, von Gerhard Schröder eine kritische Bewertung der aktuellen und umstrittenen Entscheidungen seiner Nachfolgerin in der Flüchtlingspolitik zu erhören, wurde ebenfalls enttäuscht: „Ich werde heute nichts zur aktuellen Politik sagen und auch nichts zu Fehlern. Ich kommentiere hier keine deutsche Politik und schon gar nicht die Arbeit der Bundeskanzlerin.“

          Mit sichtbarem Wohlwollen, fast Vergnügen hatte der 71 Jahre alte und erholt wirkende frühere Bundeskanzler zuvor der Vorstellung seiner Biographie aus dem Munde Angela Merkels gelauscht. Fast das gesamte Pressekorps der Hauptstadt war gekommen, um jenen nicht selbstverständlichen Auftritt von Kanzlerin und Alt-Kanzler zu erleben. Auf 1038 Seiten, davon 102 Seiten Anhang und Personenregister, wie Merkel anerkennend aufzählt, hat der in Erlangen lehrende Historiker Gregor Schöllgen das Leben und den Aufstieg Schröders aus kleinsten Verhältnissen zum Bundeskanzler akribisch beschrieben. „Dieses Buch ist es wert, von A bis Z gelesen zu werden. Es ist die Biographie“, lobt die Kanzlerin das monumental angelegte Werk des neben ihr sitzenden Schöllgen.

          Kleine Geheimnisse

          Dem Autor sei es gelungen, was den „Sohn, den Ehemann, das SPD-Mitglied, den Anwalt, den Vater, den Juso-Vorsitzenden, den Ministerpräsidenten und Bundeskanzler ausmacht, wer und was ihn geprägt hat“. Auch eines der bis dato unbekannten kleinen Geheimnisse im Leben des jungen Schröder erwähnt Merkel hör- und sichtbar amüsiert. In dem Musterungsbescheid Schröders seien „Krampfadern diagnostiziert“, trägt sie vor und muss sich bei diesem Satz das Lachen verkneifen.

          Schröder werde in dem Buch als aktiv handelnder Mensch gezeigt: „Der Macher, der Reformer, Der Kämpfer, der Kanzler, der Aussteiger“. Sein Streben, den beengten materiellen Verhältnissen zu entfliehen (“Ich wollte da raus“)  werde so geschildert, wie „ich ihn auch persönlich kennengelernt habe“.  Schröder verfüge über „unbedingtes Machtbewusstsein, Pragmatismus und Kampfgeist“.

          Als Umweltministerin im Kabinett Helmut Kohls sei ihr der Pragmatismus des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten allerdings viel zu weit gegangen. Als es 1995 in den Verhandlungen mit den Ländern um ein Gesetz zur Reduzierung des Sommersmogs ging und ihr noch die politische Rückversicherung Kohls und Schäubles fehlten, habe Schröder ihr gesagt: „Wenn Sie in fünf Minuten nicht zurück sind, fahre ich wieder nach Hannover.“

          Und sie zitiert zustimmend Schöllgens Einschätzung des Politikers Schröder: „Er ist ein Machtmensch, er ist süchtig nach Macht. Was will eigentlich jemand in der Politik, der keine Macht will?“ Und sie fügt hinzu „Recht hat er!“

          „Hochachtung vor der Leistung des Reformers Schröder“

          Wie sehr sie die politische Reformleistung Schröders in seinen sieben Jahren Kanzlerschaft bewundert, trägt sie deutlich wie selten vor: „Gerhard Schröder hat sich mit der Agenda 2010 um dieses Land verdient gemacht. Auch wenn wir in außenpolitischen Fragen fundamental anderer Meinung sind, ändert dies nichts an meiner Hochachtung vor der Leistung des Reformers Schröder.“ Deutschland stünde ohne die Reformen Schröders nicht so gut da wie heute. Auch als Wahlkämpfer habe sie Schröder „nicht unterschätzt, auch nicht drei Wochen vor der Bundestagswahl.“

          Für die warmen Worte Merkels bedankt sich Schröder mit ehrlich klingender Freude und fast bescheiden: „Ich möchte mich ganz herzlich bedanken. Ich habe mich sehr darüber gefreut, ihr Auftritt hier ist nicht selbstverständlich.“ Ganz weich wird der gerne als Alphatier beschriebene Schröder, als er die persönlichen Passagen des Buches lobt, in denen nicht er die Hauptrolle spielt: „Ich fand´s schön, dass deutlich gemacht wird, was meine Mutter geleistet hat. Sie hat Liebe gegeben. Auch wenn wir immer in Armut gelebt haben, ist es ihr gelungen ein freudvolles Leben zu führen. Ich bin nie geschlagen worden, meine Mutter war auch völlig unfähig dafür.“

          Und abseits der tagesaktuellen Politik hat der Sozialdemokrat auch eine Botschaft, die er aus seiner Biografie und dem Aufstieg durch Bildung zieht: „Es war uns beiden nicht an die Wiege gelegt, dass wir Bundeskanzler werden. Die Bildungspolitik sollte so angelegt sein, dass es allen offen steht, aufzusteigen.“

          Und dann räumt Schröder in der anschließenden kleinen Fragerunde mit den Hauptstadtjournalisten noch mit der von Schöllgen aufgestellten „Legendenbildung“ auf, erst sein Wutausbruch am Wahlabend in der Berliner Runde von ARD und ZDF habe für Merkel den Weg zur Kanzlerin freigemacht. Vielmehr bewertet er seinen inzwischen zur „Kultsendung“ gewordenen Fernsehauftritt selbstironisch wie zu seinen besten Kanzlerzeiten: “Es war ebenso lustvoll wie suboptimal. Ich möchte das nicht missen“. Ihm sei schon am Wahlabend klar gewesen, dass die entscheidenden Überhangmandate an die CDU fallen würden. „Für den Abend war´s das. Mir war immer klar, wie machtbewusst die CDU war.“   

          Und Merkel fügt hinzu: „Ich war eigentlich ganz froh, dass damals so viele andere gesprochen haben.“

          Als Schmankerl abseits der im Buch enthüllten Geheimnisse lüftet Schröder zum Schluss auch das Rätsel um den Tresor in seinem Kanzlerbüro. Als Merkel zur Amtsübergabe im Dezember 2005 erschienen sei, habe sie ihn gefragt: „Wo sind denn die Geheimakten?„ Seine Antwort: Wir haben keine“. Merkel darauf zu ihm: „Ja, gibt´s denn einen Tresor? Kann ich da mal reinschauen? Wir haben dann den Tresor aufgemacht und was lag darin? Die Uhren von Silvio Berlusconi“. 

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