http://www.faz.net/-gpf-90gti

In Grundschulen : Kinder sollen wieder richtig schreiben lernen

Wer was zu melden haben will, sollte gut schreiben können. Bild: dpa

Immer mehr Bundesländer kehren davon ab, dass die Texte der Kinder erst einmal nach Gehör verfasst werden – denn die Ergebnisse sind schauerlich.

          Immer mehr Bundesländer kehren ganz oder teilweise vom „Schreiben nach Gehör“ in Grundschulen ab. In Baden-Württemberg und Hamburg ist die viel- kritisierte Methode schon verboten – und vorgeschrieben, dass wieder auf korrekte Rechtschreibung geachtet werden muss. Nordrhein-Westfalen erwägt das ebenfalls: Nach Angaben des Schulministeriums lässt Ministerin Yvonne Gebauer von der FDP im nächsten Schuljahr prüfen, wie Rechtschreibung an den Grundschulen vermittelt wird. Derzeit herrscht dort wie in vielen Bundesländern didaktische Freiheit, die Lehrer suchen sich ihre Methoden also selbst aus. Anschließend will Gebauer zügig entscheiden, ob sie das Schreiben nach Gehör, das wissenschaftlich „Lesen durch Schreiben“ heißt, etwa per Erlass verbietet.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ähnlich äußert sich die neue Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien von der CDU: „Ich habe große Skepsis gegenüber der Methode Lesen durch Schreiben.“ Sie habe deshalb gerade die Entwürfe ihrer Vorgängerin für neue Lehrpläne gestoppt und werde diese gemeinsam mit Fachleuten noch einmal überarbeiten. Priens Parteikollegin Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg, sagt: „In Mathe war zwei und zwei schon immer vier und nicht ungefähr vier. So muss es auch im Deutschunterricht sein.“ Und Ties Rabe, der Hamburger Schulsenator von der SPD, meint: „Viele Lehrer haben zu lange geglaubt, dass Kinder richtiges Schreiben mit Hilfe genialer Unterrichtsmethoden im Vorbeigehen lernen. Aber Rechtschreibung muss man echt üben.“

          Auch Eltern und Pädagogen sehen mit Sorge, dass Kinder und Jugendliche die deutsche Rechtschreibung immer schlechter beherrschen. Beim Schreiben nach Gehör verfassen Schüler von Anfang an kleine Texte, ohne dass die Lehrerin Fehler verbessert. Diktate gelten als verpönt. Die Folge: Im Bewusstsein der Kinder verfestigt sich, dass richtiges Schreiben nicht so wichtig ist. „Dabei wollen Kinder gleich das Richtige lernen, wollen wie die Erwachsenen schreiben“, sagt die Potsdamer Grundschulpädagogin Agi Schründer, die Politiker als Expertin berät.

          In Schulen herrscht ein Methodenmix

          „Die derzeitige Generation von Schülern liest und schreibt so wenig wie keine zuvor, zumindest, was volle, komplexere Sätze betrifft“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Wenn die Jugendlichen dann Bewerbungsschreiben verfassten, träfen sie auf eine „knallharte Gegenwelt“: „Da steht richtiges Schreiben für Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit und Ordnungssinn.“ Derzeit herrscht in den Schulen oft ein Methodenmix; auf der reinen Lehre des „Lesens durch Schreiben“ aus den siebziger Jahren beharren nur noch wenige. Aber in der Nachfolge des auch in Deutschland tätigen, inzwischen verstorbenen Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen unterstellen immer noch viele Lehrer, dass sich Kinder durch die Lust am Verfassen zusammenhängender Texte die Rechtschreibung mehr oder weniger selbst aneignen.

          Aus Sicht der Kritiker benachteiligt das Schreiben nach Gehör vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch solche aus bildungsfernen Familien. Deren Eltern könnten nachmittags nicht mit ihren Kindern üben, richtig zu schreiben. Ein weiteres Problem ist für Kinder mit anderer Muttersprache die oft verwendete Anlauttabelle: Zu jedem Buchstaben ist darin ein Gegenstand abgebildet, der mit diesem Buchstaben beginnt; damit klauben sich Erstklässler Buchstabe für Buchstabe ihre Wörter zusammen. Aber ausländische Kinder verbinden mit den Bildern natürlich andere Laute.

          In Baden-Württemberg wurde das Schreiben nach Gehör verboten, nachdem das Land in Rechtschreibvergleichen abgesackt war. Kultusministerin Eisenmann forderte Ende vorigen Jahres alle Schulen in einem Brief auf, von der Methode abzulassen. Jetzt spiele „Orthographie ab Klasse eins wieder eine Rolle“. Für die promovierte Germanistin geht es dabei auch um die Frage, wie die Gesellschaft mit ihrer eigenen Kultur umgeht: „Die mediale Welt verkürzt unsere Sprache. Wir müssen deshalb auch darauf achten, dass wieder mehr Bücher gelesen werden.“

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Der Hamburger Bildungssenator Rabe hat schon 2014 im Rahmen einer „Rechtschreiboffensive“ verhindert, dass Kinder nicht auf richtige Schreibweisen achten mussten. Jetzt gehe es darum, den Lehrern „immer wieder zu sagen, wie wichtig Rechtschreibung ist – auch vor dem Hintergrund, dass immer neue Stoffe und Themen in die Grundschulen dringen, von Fremdsprachen über Theater bis zu Ernährung“, sagt Rabe. In Bayern wird „Lesen durch Schreiben“ ebenfalls nicht angewendet – wie in Hamburg gibt es dort einen verbindlichen Grundwortschatz von rund 800 Wörtern. Der soll am Ende der Grundschulzeit sitzen; immerhin diese Wörter müssen dann also richtig geschrieben werden.

          In Hessen arbeiten Lehrer zwar nach wie vor viel mit Anlauttabellen und nach dem Prinzip, dass es eine „Kinderschreibweise“ gibt und, davon abgehoben, eine „Erwachsenenschreibweise“, die für alle verbindlich gilt. Aber auch dort legt das Kultusministerium Wert darauf, dass von Anfang an auf korrektes Schreiben geachtet werde. Und im neuen Schuljahr sollen mehr als fünfzig hessische Schulen probeweise mit einem am bayerischen Grundwortschatz orientierten Wortschatz arbeiten.

          Weitere Themen

          So geht Leseförderung

          Schulische Defizite : So geht Leseförderung

          Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland bei Lesetests zurück, auch in den Bundesländern sind die Leistungen stark unterschiedlich. Dabei gibt es viele Förderprogramme. Aber nicht alle sind wirksam.

          Trump kennt kein Erbarmen Video-Seite öffnen

          Familientrennung an der Grenze : Trump kennt kein Erbarmen

          Im Kampf gegen illegale Einwanderung ist der amerikanischen Regierung offenbar jedes Mittel recht. Die Immigranten werden festgenommen und Kinder von ihren Eltern getrennt. Das spaltet nun das Land, doch Präsident Trump zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt.

          Ringen um die Kultushoheit

          Digitalpakt : Ringen um die Kultushoheit

          Wie Bildungsministerin Anja Karliczek verhindern will, dass Bundesmittel für Schulcomputer in den Landeshaushalten versickern. Voraussetzung ist eine Änderung des Grundgesetzes.

          Geh ma Tauben vergiften im Park Video-Seite öffnen

          Fotofestival : Geh ma Tauben vergiften im Park

          Der Kurort Baden bei Wien hat die Ausstellungen des Fotofestivals von La Gacilly übernommen. Nun ist die ganze Stadt eine einzige Galerie.

          Topmeldungen

          Erdogan und die Wahl : Die türkische Kakophonie

          Erdogans Wiederwahl als türkischer Staatspräsident gilt als sicher – doch seine Partei könnte die Mehrheit im Parlament verlieren. Was geschieht dann?

          1:0 gegen Iran : Spanien zittert sich zum ersten WM-Sieg

          Es war keine souveräne Vorstellung: Denkbar knapp setzen sich die Spanier gegen das Team aus dem Mittleren Osten durch. Iran erzielt zwischenzeitlich zwar den Ausgleich – doch der Treffer zählt nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.