Home
http://www.faz.net/-gpf-78pof
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.04.2013, 21:53 Uhr

Schmidt erhält Schleyer-Preis Aussöhnung nach 36 Jahren

Die Schleyer-Stiftung verleiht Helmut Schmidt ihren Preis. Schleyers Witwe hatte Schmidt vorgeworfen, ihren Mann der Staatsräson geopfert zu haben.

© SvenSimon Gewissensqual: Bundeskanzler Helmut Schmidt (Mitte) zwischen Schleyers Witwe Waltrude (rechts) und dessen Sohn Eberhard (links) bei der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer 1977 in Stuttgart.

Der Staatsakt für Hanns Martin Schleyer in der katholischen Sankt Eberhardkirche am 25. Oktober 1977 begann mit einem Choralvorspiel Bachs. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) saß mit tief gebeugtem Haupt neben Waltrude Schleyer, der Frau des von der RAF entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten. „Wir wissen, wir sind in Hanns Martin Schleyers Schuld“, sagte Bundespräsident Walter Scheel in seiner Trauerrede. Schmidt und die damals regierende sozialliberale Koalition hatten den von der RAF geforderten Gefangenenaustausch zur Befreiung Schleyers abgelehnt - der Staat sollte nicht erpressbar sein. „Der Staat muss darauf mit aller Härte antworten“, hatte Schmidt wenige Stunden nach der Entführung im Fernsehen gesagt.

Rüdiger Soldt Folgen:

Elf inhaftierte RAF-Terroristen sollten frei gelassen werden, die Bundesregierung ließ sich auf dieses Geschäft nicht ein. Hanns Eberhard Schleyer, der älteste Sohn der Schleyers, hatte noch am 15. Oktober 1977 versucht, per Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht seinen Vater zu retten. Das Gericht entschied jedoch anders: Der Staat dürfe nicht auf ein bestimmtes Mittel festgelegt werden, wenn er versuche, einen einzelnen Bürger zu schützen, urteilten die Karlsruher Richter. Bundeskanzler Schmidt bekannte 30 Jahre später, in den Tod Schleyers schuldhaft verstrickt zu sein, er sah sein damaliges Handeln aber nicht als fehlerhaft an. Schmidt ging es um die Unnachgiebigkeit des Rechtsstaats.

„Gewissensentscheidung im Konflikt“

1972 waren die Münchner Geiselnehmer mit einer Flugzeugentführung freigepresst worden; 1975 hatte die RAF mit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz erfolgreich inhaftierte Terroristen aus dem Gefängnis geholt; Schmidt wollte im Fall Schleyer diesem Beispiel nicht folgen. Am 5. September 1977 war Schleyer in Köln-Braunsfeld vom RAF-Kommando „Siegfried Hauser“ entführt worden - am 19. Oktober wird der Arbeitgeberpräsident in einem Auto im elsässischen Mühlhausen tot aufgefunden. Innerhalb dieser 44 Tage hat sich Schleyer einmal zur Taktik der Bundesregierung geäußert. An den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl ließ er ein Tonband schicken: „Ich habe immer die Entscheidung der Bundesregierung, wie ich ausdrücklich schriftlich mitgeteilt habe, anerkannt. Was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn.“

Bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 fand Waltrude Schleyer, Tochter eines Münchner Arztes, kein Verständnis für die Härte des Staates. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes sagte sie: „Ich muss das zwar akzeptieren, aber verstehen kann ich es nicht. Wie kann man nur einen unschuldigen Menschen opfern, um stark sein zu wollen?“ Im Jahr 2007, als sich die Entführung und Ermordung ihres Mannes zum 30. Mal jährte, wiederholte sie, schwer krank und 91 Jahre alt, ihre Kritik am Versagen des Staates. Im März 2008 starb Waltrude Schleyer in Stuttgart.

Am Freitag zeichnete die Schleyer-Stiftung den Altbundeskanzler mit ihrem Preis für seine „Verdienste um die Festigung und Förderung des freiheitlichen Gemeinwesens“ aus. Der frühere französische Staatspräsident Valéry Giscard d‘Estaing hielt die Laudatio, der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) sprach ein Grußwort. Die Rede des 94 Jahre alten Preisträgers trug den Titel „Gewissensentscheidung im Konflikt“.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Merkel und die CSU Die Herrschaft des Unworts

Ständig hat Horst Seehofer in den vergangenen Monaten die Linie der Kanzlerin attackiert. Zuletzt immer heftiger. Aber was passiert, wenn die CSU in Berlin wirklich nicht mehr mitmacht? Ein Gedankenspiel. Mehr Von Günter Bannas und Eckart Lohse, Berlin

12.02.2016, 07:46 Uhr | Feuilleton
Für Europa Das Rating der wichtigsten Länder

Bunt ist die Rating-Welt. Die FAZ.NET-Karte zeigt von Grün bis Rot zu welchen Rating-Klassen die Staaten Europas gehören. Hier unser interaktiver Überblick. Mehr Von Martin Hock und Carsten Feig

24.01.2016, 13:11 Uhr | Finanzen
Mexiko Die Suche nach den vermissten Studenten muss neu aufgerollt werden

Vor anderthalb Jahren sollen 43 Studenten in Mexiko entführt und verbrannt worden sein – so die offizielle Version. Eine Untersuchung argentinischer Forensiker kommt jedoch zu einem anderen Schluss. Mehr

10.02.2016, 12:03 Uhr | Gesellschaft
Syrien-Konflikt Einigung auf Feuerpause

Spätestens in einer Woche soll in Syrien nicht mehr gekämpft werden: Darauf haben sich Russland, die Vereinigten Staaten und wichtige Regionalmächte während der Syrien-Verhandlungen in München geeinigt. Die Menschen in den belagerten Städten sollen noch vor dem Wochenende erste Hilfslieferungen mit Lebensmitteln und Medikamenten erhalten, wie aus der Abschlusserklärung des Treffens hervorgeht. Mehr

12.02.2016, 07:44 Uhr | Politik
Unterbringung und Integration Flüchtlinge kosten Deutschland bis 2017 rund 50 Milliarden Euro

Einer Prognose des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge werden sich die Ausgaben für Flüchtlinge in diesem Jahr auf rund 22 Milliarden Euro belaufen. Im kommenden Jahr sollen sich die Kosten weiter erhöhen. Mehr

01.02.2016, 07:10 Uhr | Wirtschaft

Der Westen will keinen kalten Krieg

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Es wäre wünschenswert, wenn es zu einem neuen west-östlichen Frühling käme. Und wenn man sich vertrauen könnte. Der russische Ministerpräsident hat in München beteuert, Moskau wolle genau das. Es könnte ja etwas dafür tun. Mehr 101 59