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Schmidt erhält Schleyer-Preis Aussöhnung nach 36 Jahren

Die Schleyer-Stiftung verleiht Helmut Schmidt ihren Preis. Schleyers Witwe hatte Schmidt vorgeworfen, ihren Mann der Staatsräson geopfert zu haben.

© SvenSimon Vergrößern Gewissensqual: Bundeskanzler Helmut Schmidt (Mitte) zwischen Schleyers Witwe Waltrude (rechts) und dessen Sohn Eberhard (links) bei der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer 1977 in Stuttgart.

Der Staatsakt für Hanns Martin Schleyer in der katholischen Sankt Eberhardkirche am 25. Oktober 1977 begann mit einem Choralvorspiel Bachs. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) saß mit tief gebeugtem Haupt neben Waltrude Schleyer, der Frau des von der RAF entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten. „Wir wissen, wir sind in Hanns Martin Schleyers Schuld“, sagte Bundespräsident Walter Scheel in seiner Trauerrede. Schmidt und die damals regierende sozialliberale Koalition hatten den von der RAF geforderten Gefangenenaustausch zur Befreiung Schleyers abgelehnt - der Staat sollte nicht erpressbar sein. „Der Staat muss darauf mit aller Härte antworten“, hatte Schmidt wenige Stunden nach der Entführung im Fernsehen gesagt.

Elf inhaftierte RAF-Terroristen sollten frei gelassen werden, die Bundesregierung ließ sich auf dieses Geschäft nicht ein. Hanns Eberhard Schleyer, der älteste Sohn der Schleyers, hatte noch am 15. Oktober 1977 versucht, per Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht seinen Vater zu retten. Das Gericht entschied jedoch anders: Der Staat dürfe nicht auf ein bestimmtes Mittel festgelegt werden, wenn er versuche, einen einzelnen Bürger zu schützen, urteilten die Karlsruher Richter. Bundeskanzler Schmidt bekannte 30 Jahre später, in den Tod Schleyers schuldhaft verstrickt zu sein, er sah sein damaliges Handeln aber nicht als fehlerhaft an. Schmidt ging es um die Unnachgiebigkeit des Rechtsstaats.

„Gewissensentscheidung im Konflikt“

1972 waren die Münchner Geiselnehmer mit einer Flugzeugentführung freigepresst worden; 1975 hatte die RAF mit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz erfolgreich inhaftierte Terroristen aus dem Gefängnis geholt; Schmidt wollte im Fall Schleyer diesem Beispiel nicht folgen. Am 5. September 1977 war Schleyer in Köln-Braunsfeld vom RAF-Kommando „Siegfried Hauser“ entführt worden - am 19. Oktober wird der Arbeitgeberpräsident in einem Auto im elsässischen Mühlhausen tot aufgefunden. Innerhalb dieser 44 Tage hat sich Schleyer einmal zur Taktik der Bundesregierung geäußert. An den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl ließ er ein Tonband schicken: „Ich habe immer die Entscheidung der Bundesregierung, wie ich ausdrücklich schriftlich mitgeteilt habe, anerkannt. Was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn.“

Bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 fand Waltrude Schleyer, Tochter eines Münchner Arztes, kein Verständnis für die Härte des Staates. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes sagte sie: „Ich muss das zwar akzeptieren, aber verstehen kann ich es nicht. Wie kann man nur einen unschuldigen Menschen opfern, um stark sein zu wollen?“ Im Jahr 2007, als sich die Entführung und Ermordung ihres Mannes zum 30. Mal jährte, wiederholte sie, schwer krank und 91 Jahre alt, ihre Kritik am Versagen des Staates. Im März 2008 starb Waltrude Schleyer in Stuttgart.

Am Freitag zeichnete die Schleyer-Stiftung den Altbundeskanzler mit ihrem Preis für seine „Verdienste um die Festigung und Förderung des freiheitlichen Gemeinwesens“ aus. Der frühere französische Staatspräsident Valéry Giscard d‘Estaing hielt die Laudatio, der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) sprach ein Grußwort. Die Rede des 94 Jahre alten Preisträgers trug den Titel „Gewissensentscheidung im Konflikt“.

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Quelle: F.A.Z.

 
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