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Schlüsselqualifikationen Die Metastasen der Bologna-Reform

22.07.2010 ·  Schlüsselqualifikationen werden zunehmend wichtiger, denn Abiturienten fehlt Kompetenz. Jedenfalls sehen das die Universitäten so. Darum werden die ohnehin schon verkürzten Studiengänge mit Themen wie Teamfähigkeit oder Gesprächsführung gefüllt, was zu Lasten des Fachwissens geht.

Von Günther Lottes
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Wer heute mit einem guten Abiturzeugnis an die Universität kommt - und ohne ein solches, was immer es wirklich wert ist, lässt sich vielerorts nicht mehr studieren -, der müsste eigentlich, glaubt man den Lehrplänen, zumindest eines sein: kompetent. Immerhin hat die Schule die Vermittlung von Allgemein- und Grundwissen schon seit längerem zugunsten der Vermittlung von Kompetenzen aufgegeben. Aus der Sicht der Universitäten wird Kompetenz aber nicht erreicht.

Zwischen den Fachstudiengängen, die noch mit den ersten Atemübungen im neuen Bologna-Korsett beschäftigt sind, breitet sich ein neues Studienangebot aus, das in die Studiengänge hineindrängt und dort Punkte und Zeit für sich beansprucht. Die Rede ist von den Schlüsselqualifikationen. Noch ist das, was die Universitäten unter diesem Rubrum anbieten, reichlich diffus. Spuren der guten alten Anarchie des „Melde jeder, was er will“ sind ebenso auszumachen wie Ansätze zu einem studium generale. Der Einstieg und die Fortbildung in Fremdsprachen stehen ebenso zur Wahl wie die Einführung in den Gebrauch von Medien.

Gegen solche Programmelemente wird niemand etwas haben. Es macht ja gerade den Reiz des Universitätsstudiums aus, den Blick über den Fachhorizont hinaus schweifen zu lassen. Wir alle haben davon profitiert. Dergleichen intellektuelle Erkundungen oder der Erwerb zusätzlicher Fertigkeiten dürfen indes nicht auf Kosten des nun verkürzten und zusammengedrängten Fachstudiums gehen, das ohnehin schon darunter leidet, den Mangel der Studienanfänger an Grund- und Allgemeinwissen ausgleichen zu müssen.

In zwei Stunden pro Woche zur erfolgreichen Gesprächsführung

Noch problematischer werden die Schlüsselqualifikationen, wenn Ausbildungselemente, die nur im Fachproseminar sinnvoll vermittelt werden können, kontextfrei angeboten werden, oder wenn unter Berufung auf das Bologna-Kriterium der „employability“ angeblich allgemein berufsvorbereitende Kurse ihren Einzug in das Fachstudium halten. In zwei Stunden pro Woche zur Teamfähigkeit oder zu erfolgreicher Gesprächsführung gelangen - ja, besonders fortschrittliche Universitäten denken diese Praxisdimension so konsequent zu Ende, dass sie das studentische Engagement in Gremien oder als Tutor, wenn auch unter Vorbehalt, anerkennen wollen. Zeichnet sich da die Entlohnung durch Leistungspunkte ab? Mit Phantasie gegen die Finanznot - in der Tat.

Wohin soll das alles führen? Wollen die Universitäten nun neben dem Lazarett für Bildungsinvaliden noch einen Verbandsplatz für Kompetenzkrüppel aufmachen? Soll die fachwissenschaftliche Neugier gerade der Studienanfänger durch das Wiederkäuen von Lehrinhalten abgetötet werden, mit denen sie an der Schule schon einmal konfrontiert wurden? Oder versteckt sich in dem nunmehr auf die Universitäten übergreifenden Interesse an Schlüsselqualifikationen die geheime Einsicht, dass ein verschultes Studium dem Prozess der Persönlichkeitsbildung und der intellektuellen Reifung eben doch nicht förderlich ist? Sind die Schlüsselqualifikationen der untaugliche Versuch, diesen Mangel technokratisch und phantasielos auf dem Veranstaltungswege zu beheben?

Der Feind ist der Mangel an Persönlichkeit

Es wird nichts nützen. Denn der eigentliche Feind der „employability“ ist der Mangel an Persönlichkeit und kritischem Bewusstsein, den das nun nicht mehr so ganz neue System erzeugt.

Die Universitäten müssen sich hüten. Es geht um ihre Identität. Sie haben die Fallhöhe schon so weit verringert, dass die Bodenberührung unmittelbar bevorsteht. Oder lassen wir es wieder einmal laufen: Freedom is just another word for nothing left to lose.

Der Verfasser ist Historiker und lehrt in Potsdam Kulturgeschichte der Neuzeit.

Quelle: F.A.Z.
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