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Schleswig-Holstein Das Danebrog-Modell

16.03.2005 ·  Bereits seit dem Krieg erfährt der Südschleswigsche Wählerverband in Schleswig-Holstein einen enormen Zuwachs, der weit über das Zahlenpotential der dänischen Minderheit hinausgeht. Auch für die Deutschen aus Nordfriesland ist der Wählerverband attraktiv.

Von Volker Zastrow
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Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Schleswig-Holstein nicht etwa der deutsch-dänische Konflikt der politisch wichtigste, sondern die Reibungen, die sich aus dem gewaltigen Zustrom von Ausgebombten, Flüchtlingen und Vertriebenen ergaben. Die Bevölkerung Schleswig-Holsteins stieg dadurch schlagartig von 1,6 auf 2,7 Millionen, die anschließende Abwanderung von 400000 Personen in andere Bundesländer erstreckte sich dagegen noch bis 1960.

Bei den Einheimischen kam es damals zu Gefühlen der Überfremdung und Angst, die Flüchtlinge erlebten umfassenden Verlust und fortdauernde Zurücksetzung. So war es für sie in den Hungerjahren nach dem Krieg selbst in dieser agrarischen Region schwer, an Kartoffeln oder Milch zu gelangen. Auch als sich nach und nach wieder ein Wirtschaftsleben entwickelte, wurden Lehrstellen und Arbeitsplätze zunächst unter den Einheimischen verteilt.

Auch für Deutsche nicht unattraktiv

Der enorme Zuwachs, den der Südschleswigsche Wählerverband unmittelbar nach dem Krieg verzeichnete und der weit über das Zahlenpotential der dänischsprechenden Minderheit hinausging, verdankte sich nicht zuletzt dieser Tatsache. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der neuen „dänischen“ Wähler waren Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien. Aber auch für die einheimischen Deutschen aus Nordfriesland und Angeln waren die dänischen Einrichtungen zunächst attraktiv - zum Beispiel die Schulspeisung. Schon damals wurde deshalb einem Teil der dänischen Minderheit und noch mehr den SSW-Wählern als „Speckdänen“ der dänische Status bestritten; die Regelung des SSW-Wahlprivilegs 1955 hält ausdrücklich fest, daß das ethnische, letztlich also das (Mutter-)Sprachkriterium hier keine Rolle spielen solle.

Däne, wohlgemerkt mit deutschem Paß und Wahlrecht, sei, wer Däne sein wolle. Bis heute erzielt der SSW bei Wahlen noch gut das Doppelte der Stimmen, über die eine dänische Minderheit im eigentlichen Sinne verfügt. Der Grund liegt darin, daß mit dem SSW in Wahrheit keine Minderheit privilegiert wurde, sondern eine Partei (die sich „Wählerverband“ nennt). Das Wahlrechtsprivileg kommt deren Wählern, und nur, insoweit sie diese stellt, auch der dänischen Minderheit zugute; es ist unabhängig von Herkunft, Sprache oder Einstellung.

Eine Partei des Dänentums

Für die heutige Generation der aktiven SSW-Politiker liegen die frühen Nachkriegsjahre in grauer Ferne. Nach wie vor ist der SSW eine Partei des Dänentums, in der sich die dänische Minderheit zusammenschließt und engagiert. Es fällt aber auf, daß die SSW-Abgeordneten im Kieler Landtag allesamt keine Dänen sind. Lars Harms ist „nationaler Friese“ - nur eine sehr kleine Gruppe der Friesen sieht sich so. Anke Spoorendonk trägt einen Namen, der in deutschen Ohren dänisch klingt, er stammt aber von ihrem holländischen Mann. Der hat freilich eine dänische Mutter. Silke Hinrichsen, nicht mehr im neuen Landtag, beschreibt auf ihrer Internetseite ihren für SSW-Wähler und -Aktive nicht untypischen Weg aus ihrer muttersprachlich und kulturell deutschen Familie zum Dänentum.

Für die nach dem Krieg geborene Generation der Schleswiger, die heute jenseits der Lebensmitte steht und die SSW-Politik bestimmt, bot dieser etwas, was es im restlichen Deutschland nicht gab: Er war nicht deutsch. In der Zeit nach den Studentenunruhen stellte das für eine politisch weithin links sozialisierte Alterskohorte, die in einem innerlich gespannten Verhältnis zur deutschen Geschichte und Nation lebte, eine beträchtliche Anziehung dar. Dänemark lockte mit Verhältnissen auch zum Studium, die als freizügiger wahrgenommen wurden, darüber hinaus aber als Vorbild einer harmonischen Lebensweise.

Vielversprechend für die linke Jugend

So wurde es für manche auch zum Anker jugendbewegter Sehnsüchte und Hoffnungen. Hinzu trat die Anziehungskraft „skandinavischer“, als weniger konflikt- und klassenbetont wahrgenommener politischer und sozioökonomischer Modelle. In den sechziger und siebziger Jahren galt Skandinavien, besonders Schweden, vielen gemäßigten Linken in Deutschland bis hin zum Bundeskanzler Brandt als sozial und politisch vorbildlich.

Für die Schleswiger war dieses Modell in Gestalt des SSW politisch greifbar, und deshalb entschieden sich so manche junge, tendenziell eher linke Wähler nicht für die SPD und später die Grünen, sondern eben für die Partei Dänemarks - einige auch lebensgeschichtlich. Dahinter steckte ein Bedürfnis nach Heimat und mentaler Integrität, das ein politisch unwirtliches Deutschland mit seiner zerrissenen Geschichte und zerstrittenen Gegenwart nicht befriedigte. Symbol dafür sind die dänischen Fahnen, die Danebrogs, die in Dänemark allenthalben zu sehen sind, aber auch in Schleswig die Häuser, Schulen und Vereine der dänischen Minderheit zieren - während die Deutschen dieser Generation sich mit der schwarzrotgoldenen Fahne schwertun.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2005, Nr. 64 / Seite 3
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