30.07.2007 · Soll in allen Bundesländern mit den gleichen Lehrbüchern unterrichtet werden? Dieser Vorschlag der Bildungsministerin hat vor allem Kritik, aber auch Lob hervorgerufen. Schavan verteidigt ihre Idee in der F.A.Z.
Mit Kritik und Zustimmung haben Kultusminister auf den Vorschlag von Bildungsministerin Schavan (CDU) reagiert, nach der Einführung gemeinsamer Bildungsstandards in den Schulen auch zu mehr Einheitlichkeit bei den Schulbüchern zu gelangen.
Der bayerische Kultusminister Schneider (CSU) sagte, einheitliche Bildungsstandards seien durchaus im Sinne des Wettbewerbsföderalismus, der Weg dorthin sei aber Ländersache. Einheitliche Schulbücher seien deshalb abzulehnen.
„Kontraproduktiv“
Ein Sprecher des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen sagte: „Wir sollten unseren Lehrern die Kompetenz zutrauen, für ihre Schüler die jeweiligen Medien aussuchen zu können.“ Auch Berlin, Brandenburg, Thüringen und Rheinland-Pfalz lehnten Frau Schavans Vorschlag ab. Ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums nannte ihn „kontraproduktiv“. Minister Busemann (CDU) wolle den Schulen gerade mehr Eigenverantwortung und Freiheit geben, damit diese ihr Profil schärfen könnten. Hessen erhofft sich im Wettbewerb der Verlage darüber hinaus eine höhere Qualität bei Schulbüchern.
Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Tesch (CDU) stimmte der Idee uneingeschränkt zu. Auch Sachsen zeigte sich für Schavans Vorschlag offen. „Einheitliche Standards sind nicht nur an Schulbüchern festzumachen, das wäre zu kurz gedacht“, sagte Kultusminister Flath (CDU). „Der Weg dorthin sollte aber den Ländern überlassen werden.“
„Übertriebene Vielfalt“
Bremen und Sachsen-Anhalt stehen einheitlichen Schulbüchern schon heute offen gegenüber. Hamburgs Bildungsbehörde betrachtete den Vorschlag von der finanziellen Seite. „Wenn eine Vereinheitlichung der Schulbücher dazu führen würde, dass die Kosten geringer werden, ist das durchaus zu begrüßen“, sagte ein Sprecher. Auch aus Sicht des saarländischen Kultusministers Schreier (CDU) sind mehr Gemeinsamkeiten über Ländergrenzen hinweg wünschenswert. Er sprach von einer „übertriebenen Schulbuchvielfalt“.
Frau Schavans Nachfolger in Baden-Württemberg, Rau (CDU), sagte, die Kulturhoheit der Länder müsse sich auch in Zukunft erhalten. „Schulen würden nicht besser, wenn wir zur zentralistischen Führung übergingen.“ Die Länder hätten längst gezeigt, dass sie zu den nötigen Absprachen in der Bildungspolitik imstande seien. Ein einheitliches Schulbuch etwa für die Klasse sieben widerspreche der Vielfalt und Wahlfreiheit im Schulwesen, entgegnete auch der niedersächsische Kultusminister Busemann (CDU). „Wir kämpfen doch gemeinsam gegen die Einheitsschule, da brauchen wir doch auch kein Einheitsschulbuch.“
Schavan: Standards sollen transparenter werden
Von einem einheitlichen Schulbuch für alle Schularten hatte Frau Schavan allerdings auch nicht gesprochen. Vielmehr ließ sie keinen Zweifel daran, dass die Schulbücher ebenso schulformbezogen sein müssten wie die Bildungsstandards.
Die Verunsicherung der Eltern bei Umzügen müsse ein Ende haben, die Länder sollten ihre Standards transparenter machen, sagte Frau Schavan, die sich nach wie vor als entschiedene Föderalistin bezeichnet, im Gespräch mit der F.A.Z. Es sei eine Stärkung vor Ort, wenn der Wettbewerb unter den Schulen möglich werde, doch der Bürger müsse mehr Vergleichbarkeit wahrnehmen können. Die Akzeptanz für den Föderalismus schwinde rasch, wenn diese Vergleichbarkeit nicht mehr erkennbar sei.
Das Beispiel der Schweiz zeige, wie man der gemeinsamen Verantwortung innerhalb der föderalen Ordnung gerecht werden könne. Eine stärkere Vereinheitlichung der Schulbücher in einem bestimmten Fach einer Schulart könne enorm viel Geld sparen, das dann wieder zur Ausstattung der Schulen genutzt werden könnte, sagte Frau Schavan.
Gewerkschaft: Zu viele Lehrpläne
Im Übrigen habe sie von Bildung gesprochen, während die Kultusminister unaufhörlich von Zuständigkeiten sprächen. Debatten über Zuständigkeiten oder Strukturen wirkten auf die Öffentlichkeit äußerst abschreckend und schadeten dem Föderalismus. Niemand habe Verständnis dafür, dass Kultusminister einerseits ihre Zuständigkeit einforderten, andererseits aber die Bildungsstandards längst nicht überall eingeführt seien und es immer noch keine verbindlichen Absprachen über die Lehrerausbildung gebe.
Zustimmend zu Frau Schavans Vorschlag gemeinsamer Schulbücher äußerten sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Im Grunde stelle Frau Schavan keine neue Forderung auf, sondern beschreibe die Konsequenzen einer Entwicklung, an der intensiv gearbeitet werde, an einheitlichen Bildungsstandards.
Die GEW verwies darauf, dass das Schulbuchproblem nicht die eigentliche Ursache sei, sondern die Lehrpläne. In Deutschland gebe es etwa 3000 verschiedene Lehrpläne, die Lage sei völlig unübersichtlich, weil auch Varianten für einzelne Bundesländer, viele Schultypen, Stufen und Fächer existierten. Das verschlinge nicht nur erhebliche Geldsummen, sondern erschwere den Schülern auch den Umzug in ein anderes Bundesland.