http://www.faz.net/-gpf-75t9d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.01.2013, 10:16 Uhr

Schavans Dissertation Leitende Aufklärungsabsicht

Gibt es bald Klarheit? Der Fakultätsrat der Düsseldorfer Universität wird demnächst darüber entscheiden, ob er im Fall von Annette Schavan den Entzug des Doktorgrades einleitet. Einem Medienbericht zufolge wurden die Vorwürfe jedenfalls abgeschwächt.

von
© dapd Gewissensbildung mit Folgen: Das Deckblatt der Dissertation

Seit acht Monaten überprüft die Universität Düsseldorf inzwischen die Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Nun hat die Universität Düsseldorf einem Medienbericht zufolge die Plagiatsvorwürfe gegen Schavan abgeschwächt. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstagausgabe) erhebt die zuständige Promotionskommission nicht mehr den Vorwurf, Schavan habe in ihrer Doktorarbeit absichtlich getäuscht. Demnach hat die CDU-Politikerin jedoch in Kauf genommen, dass sie mit ihrer Zitierweise gegen gängige Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstößt. Die Kommission spreche sich weiterhin dafür aus, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels einzuleiten.

Heike Schmoll Folgen:

Kurz vor der Sitzung des Düsseldorfer Fakultätsrats am kommenden Dienstag hatte sich zuvor die Universität Düsseldorf vom Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus F. Gärditz bestätigen lassen, ordnungsgemäß vorgegangen zu sein, und damit gegen weitere Angriffe rechtlich abgesichert. „Die Fakultät hat die nach geltendem Recht erforderlichen Prüfungen ordnungsgemäß durchgeführt. Auch die Verfahrensführung lässt keinen Grund zur Beanstandung erkennen“, heißt es in dem am Mittwoch von der Heinrich-Heine-Universität veröffentlichten Gutachten, das Rektor Hans Michael Piper in Auftrag gegeben hat. Piper will sich damit gegen heftige Kritik von Wissenschaftlern und Politikern wehren und den von der Philosophischen Fakultät beauftragten Gutachter, den Judaisten Stefan Rohrbacher, schützen, der Frau Schavan eine „leitende Täuschungsabsicht“ vorgeworfen hatte.

Auf Kritik war das Vorgehen der Düsseldorfer vor allem deshalb gestoßen, weil es vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte. Die Weitergabe von strikt vertraulichen Informationen an die Presse erfülle nicht nur objektiv einen Straftatbestand und sei zugleich ein Dienstvergehen, sondern sei auch ein Befangenheitsgrund, schreibt Gärditz. Für den Vorsitzenden des Promotionsausschusses, Rohrbacher, sei ein Fehlverhalten auszuschließen. Er habe vielmehr alle Vorsicht walten lassen und den Bericht auf seinem heimischen Rechner verfasst und den Mitgliedern des Promotionsausschusses persönlich übergeben oder ihn im Dekanat hinterlegt.

Keine externen Gutachten

Ein studentisches Gremienmitglied im Promotionsausschuss, das nur über ein Postfach erreichbar sei und über keine ladungsfähige Anschrift verfügte, stelle ein „strukturelles Risiko für die Vertraulichkeit der Beratungen“ dar, das sich aber laut Gärditz nicht beheben ließ, weil der Betroffene in den Promotionsausschuss gewählt war. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass ein Mitglied des Ausschusses Informationen in die Öffentlichkeit gegeben habe, wäre dies rechtlich unerheblich. Bis auf Rohrbacher und einen Hochschullehrer seien die übrigen Mitglieder des Ausschusses nicht im Fakultätsrat. Eine Befangenheit kann Gärditz daher nicht erkennen.

Mehr zum Thema

Der Promotionsausschuss hatte in seiner letzten Sitzung vor Weihnachten entschieden, dem Fakultätsrat die Einleitung eines Verfahrens zum Entzug des Doktorgrades zu empfehlen. Externe Gutachten wurden nicht eingeholt, die Entscheidungsgrundlage bildete das durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangte Gutachten des Judaisten Stefan Rohrbacher, des Vorsitzenden des Promotionsausschusses. Der Fakultätsrat hat jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder er folgt der Empfehlung des Promotionsausschusses, oder er fordert mindestens ein weiteres externes Gutachten an. Selbst im Falle zu Guttenbergs, der von Anbeginn wesentlich klarer war, verließ sich die Universität Bayreuth nicht allein auf die Beurteilung des Promotionsausschusses. Sie forderte zwei externe Gutachten an, eines verfasste der Bonner Jurist und Wissenschaftsrechtler, heute Ombudsman für die Wissenschaft, Wolfgang Löwer, das zweite der Konstanzer Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß. Verpflichtet ist die Fakultät dazu allerdings nicht. Der Fakultätsrat entscheidet, ob ihm der vorliegende Bericht ausreicht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Düsseldorf Papageien-Küken überleben hinter Bauschaum

Als man ihr Nest mit Bauschaum versiegelt hatte, waren Anwohner sicher, dass die Papageien-Küken darin erstickt seien. Doch die Papageien-Eltern erwiesen sich als Retter in der Not. Mehr

17.06.2016, 16:29 Uhr | Gesellschaft
Dollase vs. Mensa (1) Der Lachs wurde hingerichtet

Was bekommen Studenten eigentlich in deutschen Mensen vorgesetzt? Der F.A.Z.-Gastrokritiker Jürgen Dollase will es in einer Testreihe herausfinden. Wir haben ihn mit der Kamera begleitet. Erste Runde: Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf. Mehr

13.06.2016, 14:41 Uhr | Feuilleton
Unglück in Duisburg Staatsanwaltschaft plant weiteres Gutachten zur Loveparade

Warum kam es zur Loveparade-Tragödie mit 21 Toten? Weil es darauf keine Antwort gibt, kommen viele Betroffene nicht zur Ruhe. Die Staatsanwaltschaft wird jetzt wieder aktiv. Mehr

21.06.2016, 13:12 Uhr | Gesellschaft
Deutschlandbesuch Paul McCartney in Düsseldorf

Paul McCartney wird am Samstagabend im Rahmen seiner aktuellen One-On-One-Tour in Düsseldorf spielen. In Deutschland zu sein, weckt bei McCartney ganz besondere Erinnerungen. Im Juni erscheint sein neues Album Pure McCartney Mehr

28.05.2016, 13:19 Uhr | Feuilleton
Buch über Pegida Ankunft des Rechtspopulismus in Deutschland

Ein neues Buch widmet sich umfassend dem Phänomen Pegida. Die beiden Autoren zeigen, welche Versäumnisse es im Umgang mit Rechtspopulisten bis heute gibt und was sich daraus für den Umgang mit der AfD lernen lässt. Mehr Von Stefan Locke, Dresden

14.06.2016, 15:27 Uhr | Politik

Spanien hat die Brexit-Signale gehört

Von Leo Wieland

Der erwartete Sieg der Linkspopulisten ist ausgeblieben. Die Traditionsparteien haben bei den Wahlen in Spanien die Oberhand behalten. Ein Glück für Spanien – und möglicherweise Folge des Brexit. Mehr 5 8