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Schavan wird Vatikan-Botschafterin : Ein verdientes Amt

Annette Schavan 2011 in Hannover Bild: dapd

Die frühere Bildungsministerin Annette Schavan wird deutsche Botschafterin im Vatikan - weil sie eine „engagierte und profilierte Katholikin“ ist, wie es in der Regierung heißt. Eigentlich wird das Amt traditionell an verdiente Diplomaten vergeben - ob mit Doktortitel oder ohne.

          Die frühere Bildungsministerin und stellvertretende CDU-Vorsitzende Annette Schavan soll vom Sommer an deutsche Botschafterin beim Vatikan werden. Das wurde am Montag seitens der Bundesregierung und dem Büro der CDU-Abgeordneten bestätigt. Nur der Termin der offiziellen Bestätigung durch das Bundeskabinett stehe noch nicht fest. Reinhard Schweppe, der bisherige deutsche „Botschafter beim Heiligen Stuhl“, wie der Titel offiziell heißt, erreicht im April die Altersgrenze. Die Personalwechsel im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes sind seit längerem auf den Sommer terminiert. Schavan selbst bestätigte, dass sie gefragt wurde und der Bundesregierung zugesagt hat, die Aufgabe einer Botschafterin beim Heiligen Stuhl zu übernehmen. Weitere Stellungnahmen will sie allerdings erst abgeben, wenn das Bundeskabinett darüber entschieden hat.

          Günter Bannas

          Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert ist die Personalie „Schavan“ Teil von Absprachen, die die Führungen von CDU, CSU und SPD während der Koalitionsverhandlungen im vergangenen Herbst vereinbarten. Seibert bezeichnete Schavan als engagierte und profilierte Katholikin. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes sprach von einer „guten Wahl“. Nach der Beschluss des Kabinetts müssen auch der Bundespräsident und das Gastland dem Personalvorschlag zustimmen. Schavan war im Februar 2013 als Bildungsministerin zurückgetreten, nachdem ihr der Doktorgrad aberkannt worden war. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte das bedauert. Das Amt des Botschafters beim Heiligen Stuhl gehört seit 1954 zu den herausgehobenen Posten im Auswärtigen Dienst. Es handelt sich um eine Stelle, die nach der Besoldungsstufe (B 9) mit den Botschaftern in Washington, Paris, London und Moskau gleichgestellt ist. Sie wurde immer wieder gerne an Diplomaten, darunter ehemalige Staatssekretäre, vergeben, die sich im Laufe ihrer Karriere im Auswärtigen Dienst verdient gemacht hatten.

          Der Wechsel von vormaligen Bundestagsabgeordneten an die Spitze einer deutschen Auslandsvertretung gehört zu den Ausnahmen im Auswärtigen Amt. Der frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) zählt dazu. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 wurde er deutscher Botschafter zunächst in Wien und dann beim Vatikan. Auch die frühere FDP-Abgeordnete Ursula Seiler-Albring, die von 1991 bis 1994 Staatsministerin im Auswärtigen Amt war, wurde dann Botschafterin – zunächst in Wien, später in Sofia und Budapest.

          Nach langer Zeit wieder eine Katholikin

          Schavan ist anders als die vier letzten deutschen Vatikan-Botschafter Katholikin. Erste Missionen Deutschlands gab es schon im 16. Jahrhundert, für Preußen war die Errichtung einer Gesandtschaft in Rom deshalb wichtig geworden, weil Schlesien 1742 von Österreich zu Preußen gekommen war und sich die Zahl der katholischen Untertanen im preußischen Staatsgebiet verachtfacht hatte. Dennoch entsandte Preußen ganz bewusst Vertreter aus dem Kulturprotestantismus nach Rom, die sich neben den Beziehungen zum Heiligen Stuhl vor allem mit römischer Geschichte und der römischen Antike beschäftigten. Darunter waren hervorragende Vertreter wie Wilhelm von Humboldt, Barthold Niebuhr oder Christian von Bunsen. Die preußische Gesandtschaft bereitete die Gründung des Deutschen Archäologischen Instituts im Jahre 1820 vor und war Ausgangspunkt für die formelle Gründung der evangelischen Gemeinde Roms im Jahre 1819. Zu den Aufgaben des deutschen Botschafters im Vatikan (inzwischen haben immer wieder auch Katholiken die Aufgabe übernommen) gehört der Kontakt zu vatikanischen Entscheidungsträgern, die politische Berichterstattung über Positionen des Vatikan und die Betreuung offizieller Besucher aus Deutschland, die Pflege kultureller Beziehungen und der Kontakt zu wichtigen Persönlichkeiten des deutschen Episkopats.

          Schavan müsste ihr direkt errungenes Bundestagsmandat wegen der neuen Funktion niederlegen. Ihr Wahlkreis in Ulm, um den sie sich erst nach dem Entzug ihres Doktorgrades intensiver gekümmert hat, hatte sie im vergangenen Herbst mit großer Zustimmung gewählt, wohl auch weil sie inzwischen ihren Hauptwohnsitz in Ulm genommen hatte. Zwischenzeitlich galt das Verhältnis zum Kreisverband Ulm als angespannt, weil Schavan zu wenig präsent war. Der Ulmer Kreisvorsitzende der CDU Paul Glökler sagte nun, man müsse schauen, „wie wir verantwortungsvoll mit dem Wahlkreis umgehen“. Für Schavan rücke über die Landesliste Waldemar Westermayer aus Leutkirch in den Bundestag nach. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag, Peter Hauk, nannte den wahrscheinlichen Wechsel Schavans nach Rom einen „herben Verlust“. Ihre Erfahrung und ihre Tatkraft würden dem Land fehlen.

          Als Bundesbildungsministerin war Schavan vor einem Jahr zurückgetreten, nachdem die Universität Düsseldorf ihr den Doktorgrad wegen „vorsätzlicher Täuschung durch Plagiat“ entzogen hatte. Schavan bestritt den Vorwurf und reichte Klage ein und trägt ihren Doktortitel bis heute. Die Verhandlung des Verwaltungsgerichts ist bisher für den 20. März vorgesehen. Ende letzten Jahres hatte Schavan in einem Gespräch gesagt, sie strebe kein neues politisches Amt an und öffne sich „für eine neue Lebensphase“. Bis zur Wahl in den Bundestag war Schavan Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Sie gilt als überzeugte Katholikin, die ihrer Kirche etwa bei der Zustimmung zur Stammzellenforschung an Embryonen auch widersprechen konnte.

          Quelle: F.A.Z.

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