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Überreste einer Kleinstadt : In den Ruinen von Küstrin

Prunk in fernen Zeiten: Vom ehemaligen Schloss steht in Küstrin nur noch die Treppe. Bild: Andreas Pein

An der Oder kann man die Überreste einer deutschen Kleinstadt besichtigen. Der Krieg hat sie zermalmt. Aber viele Keller sind erhalten und erzählen Geschichten der früheren Hausbewohner. Wenn man nur ein bisschen gräbt.

          Eine Fahrstunde östlich von Berlin liegt eine kleine Stadt begraben. Sie hieß Küstrin und ist rund siebenhundert Jahre alt geworden. Wo der Herbstwind zwischen Pappeln und Birken streift, die Oder stille fließt, stand ein bekanntes Schloss. Eine elektrische Straßenbahn glitt durch die Stadt. Küstrins weitläufigen Marktplatz säumten Geschäfts- und Wohnhäuser, es gab die Gerichtsklause, den Kolonialwarenladen von Herrn Peter, Fleischer Milde, ein Damenhutgeschäft. Dreimal im Jahr paradierten Soldaten der Garnison, zuletzt aus Anlass des deutschen Einmarschs in Paris. Vor der Marienkirche wachte auf einem Sockel das mannshohe Denkmal des Markgrafen Johann über das kleinstädtische Treiben der rund zwanzigtausend Einheimischen. Alles weg.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber es gibt Fotos und Erinnerungen, in denen Küstrin weiterlebt. Und wer in der ehemaligen Altstadt zwischen Büschen und Sträuchern genauer hinsieht, erkennt Gebäudesockel und Kellereingänge. Sogar Bürgersteige, Straßenpflaster und Gullydeckel liegen noch unter Sand und Gras. Je länger man sucht, desto mehr ist zu entdecken. Mancher nennt den wüsten Ort an der Oder deshalb schon ein Pompeji. Das ist natürlich übertrieben, man spürt die Nähe zu Berlin. Statt spätrömischer Mosaiken finden sich verschmolzene Weckgläser, Tonzeugscherben, Patronenhülsen und rostige Knarren. Manchmal auch Knochen.

          Karriere statt Verurteilung

          Küstrin ist dem Krieg zum Opfer gefallen. Klaus Thiel, damals neun Jahre alt, verließ am 1. Februar 1945 mit seiner Mutter die elterliche Wohnung in der Nagelschmidstraße 146/147 und floh nach Westen. In den Wochen danach wurden das Haus, die Straße, die ganze Stadt zerstört. Thiel hat sein Heimatstädtchen geliebt. Er liebt es immer noch. In blutig wogenden Kämpfen zwischen deutschen Verteidigern und sowjetischen Angreifern wurde die Stadt bis auf die Grundmauern verbrannt, zerschossen und gesprengt. Den aberwitzigen Widerstand organisierte damals ein fanatischer Polizeioffizier, Heinz Reinefahrt. Der als „Henker von Warschau“ berüchtigte SS-Mann sollte Küstrin halten, einen Verkehrsknotenpunkt und die letzte Festung vor der Reichshauptstadt. In Küstrin und dann auf den Seelower Höhen und im Kessel bei Halbe wurden die letzten opferreichen, aber militärisch sinnlosen Schlachten vor Berlin geschlagen.

          Reinefahrt rekrutierte für den Abwehrkampf an der Oder Jugendliche und alte Leute, mit exemplarischen Hinrichtungen sorgte er für Disziplin. Selbst der 78 Jahre alte Großvater von Klaus Thiel durfte die Stadt nicht verlassen. Jeder, der eine Waffe halten könne, habe zu bleiben, hatte Reinefahrt angeordnet. Der alte Mann, der im Ersten Weltkrieg sein Augenlicht nahezu eingebüßt hatte, überlebte das Inferno. Er wurde bei den Kämpfen dazu verdonnert, auf dem Markt Leichen zu verbrennen. Festungskommandant Reinefahrt selbst verschwand dann Gründonnerstag bei Nacht und Nebel aus der Stadt. Er wurde für seine Verbrechen beim Warschauer Aufstand und auch in Küstrin nie verurteilt. Im Gegenteil: Als Bürgermeister und Lions-Club-Gründer in Westerland auf Sylt und im Landtag von Schleswig-Holstein machte er in der Bundesrepublik Karriere. Erst in den sechziger Jahren holte ihn seine Vergangenheit ein, er verlor seine Ämter, blieb jedoch in Freiheit.

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