http://www.faz.net/-gpf-8ywdd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 17.06.2017, 15:06 Uhr

Helmut Kohl Ein Leben für Deutschland in Europa

Deutschland hat mit seinen Kanzlern meist Glück gehabt. Manche mussten sich erst korrigieren, um bedeutend zu werden. Helmut Kohl war es vom Anfang bis zum Ende. Ein Gastbeitrag.

von Wolfgang Schäuble
© Picture-Alliance Sie zogen lange an einem Strang: Wolfgang Schäuble (r), damals Kanzleramtsminister und Bundeskanzler Helmut Kohl während einer Kabinettssitzung 1987 in Bonn.

Die Bundesrepublik hat mit ihren Kanzlern zumeist Glück gehabt. Ganz gewiss gilt das für Helmut Kohl. Seine Politik war maßvoll, integrierend, vertrauenswürdig und berechenbar. Unser Land ist über die fast zwei Jahrzehnte seiner Kanzlerschaft gut damit gefahren. Der Kanzler der Einheit – man muss versuchen, das inzwischen arg Formelhafte dieser Wendung wieder abzustreifen: Helmut Kohl war es in mehr als einem Sinne. Das Vertrauen in seine Person und in unser Land, das er in den Jahren vor 1989 in der Welt gewonnen hatte, hat die Wiedervereinigung erst möglich gemacht.

Im Fall der Vereinigten Staaten von Amerika war Helmut Kohls Verhältnis nicht erst zu George H. W. Bush sehr vertrauensvoll, sondern bereits zu Ronald Reagan. Wir haben uns im November 2015, als Helmut Schmidt starb, mit Respekt neben anderem auch an die Standhaftigkeit erinnert, mit der dieser gegen starke Widerstände am Nato-Doppelbeschluss festhielt, der schließlich zum Niedergang der Sowjetunion beitrug. Kohl hat diese Entscheidung von Schmidt geerbt, und er hat sie genauso unbeirrt durchgetragen. Ich erinnere mich an einen Hubschrauberflug mit Helmut Kohl im Oktober 1983 über die 500000 Demonstranten auf der Bonner Hofgartenwiese. Ich weiß noch, wie klar mir damals war, dass ich in dieser Situation nicht in der Haut des Kanzlers stecken wollte. Der Nachrüstungsbeschluss hat die folgende Entwicklung hin zur Lage des Jahres 1989 sicherlich beschleunigt.

Mehr zum Thema

Die Chance zur Deutschen Einheit, die sich dann ergab, hat Helmut Kohl so feinfühlig wie behutsam ergriffen und genutzt. Er tat keinen Schritt zu viel. Er hat sehr darauf geachtet, dass das politische Tempo niemanden überforderte – ohne dabei den historischen Moment zu verpassen. Er hat die französische Unterstützung der Wiedervereinigung erreicht, obwohl François Mitterrand – so wenig wie Margaret Thatcher – ein glühender Anhänger der Deutschen Einheit war. Auf dem berühmten Spaziergang Anfang Januar 1990 am Atlantik bei Mitterrands Privathaus hat Helmut Kohl das Vertrauen des französischen Präsidenten in die europäische Verträglichkeit der deutschen Wünsche und Pläne gewonnen.

Auch die folgende Geschichte ist verbürgt: Bei einer Lagebesprechung im Weißen Haus berichtete der Pressesprecher Ende November 1989, der deutsche Bundeskanzler habe einen Plan zur Wiedervereinigung vorgelegt – den 10-Punkte-Plan –, und fragte, wie er das kommentieren solle. „Nun“, fragte Präsident Bush zurück, „kennen wir den Plan?“ „Nein“, hieß es – der Plan lag dem Weißen Haus zwar vor, war aber offenbar noch nicht zur Kenntnis genommen worden. Dann antwortete Bush: „Sagen Sie einfach, wir vertrauen dem Bundeskanzler.“ Dass Kohl es im Benehmen mit Bush geschafft hat, das vereinte Deutschland in der Nato zu halten, die Westbindung unseres Landes zu erhalten, ist ein weiteres Meisterstück gewesen.

Vom Provinzpolitiker zum Einheitskanzler Der Kanzler der Einheit © Barbara Klemm Bilderstrecke 

Die Chance zur Einheit ist in noch einer Hinsicht Folge auch der Politik Helmut Kohls. Die Deutschlandpolitik seiner Regierung in den achtziger Jahren hat zur Destabilisierung der DDR und damit auch zur Entwicklung des Jahres 1989 beigetragen. Die Mauer durchlässig machen, möglichst viele Verbindungen schaffen, Beziehungen herstellen und aufrechterhalten, damit die Menschen einander begegnen konnten, und das alles gegen wirtschaftliche Beziehungen tauschen – das war die Strategie, für die ich damals als Chef des Kanzleramtes zuständig war. Wir haben mit dem Honecker-Regime eine Ausweitung des Besucherverkehrs in einem Ausmaß erreicht, das für die DDR fast lebensbedrohlich wurde. Die Reisen in den Westen steigerten die Unzufriedenheit der DDR-Bürger mit ihrem Regime. Über sechs Millionen Menschen kamen jedes Jahr in die Bundesrepublik – das war für die DDR alles andere als systemerhaltend.

All das hatte auch wieder mit dem Aufbau von Vertrauen zu tun – in diesem Fall bei der DDR-Bevölkerung: Im Umfeld der Beerdigung des sowjetischen Staatschefs Tschernenko im März 1985 in Moskau hatte Kohl mit Honecker die Weichen gestellt für den Reiseverkehr ab 1986. Die begeisterte und begeisternde Atmosphäre um die Rede Kohls am 19. Dezember 1989 in Dresden besaß eine Vorgeschichte in diesem Aufbau von Vertrauen in den Jahren zuvor.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen

Das zieht einem die Schuhe aus

Von Berthold Kohler

Rosneft ist kein Unternehmen wie Volkswagen. Der Konzern dient den Interessen des Kremls. Und der ehemalige Bundeskanzler Schröder künftig auch. Mehr 149