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Sandwesten für Schüler : Auf Sand vertraut

Sandwesten: Kinder tragen in deutschen Schulen schwere Westen, damit sie stillsitzen. Bild: Beluga Healthcare

Seit Jahren tragen Kinder in deutschen Schulen schwere Westen, damit sie stillsitzen. Interessiert hat das keinen. Bis jetzt.

          Gerhild de Wall hält eine Weste in den Händen, ein kleines, dunkelblaues Ding mit Wülsten. Fast wie die Daunenwesten. Nur sind keine Daunen in den Wülsten, sondern Sandkörner. Es gibt die Westen in verschiedenen Größen, anderthalb bis fünf Kilo sind sie schwer. De Wall möchte zeigen, wie beliebt die Sandweste bei den Schülern ist. Sie nimmt sie also und verlässt das Lehrerzimmer, huscht durch den Hamburger Herbstwind über den Schulhof und ins nächste Schulgebäude. Treppenhaus, vollgestopfte Kindergarderobe, Schulgeruch. Sie öffnet die Tür zum Klassenzimmer, zwanzig Kinder sitzen in kleinen Gruppen, die Lehrerin schreibt an die Tafel. Erste und zweite Klasse lernen hier zusammen. De Wall fragt, ob jemand die Weste tragen möchte. Kaum hat sie es ausgesprochen, recken fast alle Kinder die Hände in die Höhe. Ein paar diskutieren, wer sie zuerst tragen darf.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          De Wall ist Sonderpädagogin an einer Grundschule in Hamburg, im Süden der Elbe, wo die Stadtteile weniger fein sind. Seit Jahren schon sammelt sie Erfahrungen mit Sandwesten im Unterricht. Sie sollen beruhigen, den Kindern helfen, sich zu konzentrierten. In mehreren Grundschulen werden Sandwesten eingesetzt. Nur hat es lange kaum jemand außerhalb der Schulen wahrgenommen. Kein Thema, kein Problem, kein Aufschrei. Dann kam das „Hamburger Abendblatt“ vorbei und schrieb über die Westen und am nächsten Tag auch noch über die Kritik des Klinikdirektors der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf: Ethisch seien die Westen nicht zu vertreten. Wissenschaftliche Erkenntnisse fehlten. Bildungspolitiker in der Hamburger Bürgerschaft interessierten sich dafür, die Schulbehörde fragte nach. Ergebnis: Die Sandwesten werden derzeit an vierzehn Hamburger Grundschulen verwendet. Erregte Kommentare auf Facebook. Wörter fallen wie: Körperverletzung, Folter, Mittelalter, Analog-Ritalin. De Wall sagt: „Es hat eine große Welle gegeben.“

          Aber was hat es mit den Westen auf sich – warum werden sie eingesetzt? Wissenschaftlich belegen lässt sich ihr Nutzen nicht. Doch muss niemand Angst vor ihnen haben.

          Die Lehrerin de Wall hat zum ersten Mal in Amerika von den Westen gehört. Eine Fortbildung. „Ich konnte mir gleich vorstellen, dass das für einige Kinder eine tolle Wirkung hat“, sagt sie. „Es gibt diese Kinder, die rumzappeln, motorisch unruhig sind, weil sie in sich die Not verspüren, sich zu spüren. Sie müssen einen enormen Energieaufwand leisten, wenn sie nur gerade und aufrecht sitzen wollen.“ Dieses „gute und stabile Sitzen“ sei aber eine der Voraussetzungen, um sich im Unterricht fokussieren zu können. Die Weste soll dabei helfen. „Ich dachte: Warum ist da vorher keiner drauf gekommen?“ Als sie 2013 wieder an ihrer Grundschule in Hamburg war, hatte sie einen kleinen Jungen in der Klasse. Verdacht auf Hochbegabung, tolles Elternhaus, supertoller Junge. „Aber er fiel gelegentlich vom Stuhl, und wenn er zur Tafel gegangen ist, hat er im Vorbeigehen drei Kinder angerempelt.“ Sie sprach mit der Mutter, die kaufte die Weste, und die hat geholfen. „Die Weste hat eine große Beliebtheit erlangt“, sagt de Wall. „Der Junge – unabhängig von der Weste – auch.“

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