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Salomon Korn : Meine Begegnungen mit Helmut Kohl

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Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, kondoliert nach dem Tod von Helmut Kohl dessen Witwe Maike Kohl-Richter in Ludwigshafen-Oggersheim Bild: EPA

Salomon Korn traf Helmut Kohl zahlreiche Male – und erlebte dabei stets, wie elementar die Geste der Versöhnung in Helmut Kohls Denken und Wirken war. Ein Gastbeitrag.

          Ende Juli 2007 rief Michael Blumenthal an und teilte mir mit, Helmut Kohl habe den Wunsch geäußert, dass aus Anlass der Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin ich die Laudatio auf ihn halte – kurzes Zögern: nicht etwa aus Mangel an zu lobenden Verdiensten Helmut Kohls oder an dessen Witz und Schlagfertigkeit – im Gegenteil, unvergessen in diesem Zusammenhang bleibt die Koalitionsverhandlung zwischen Kohl und Strauß; als der bayerische Ministerpräsident die Frage stellte: „Was bietest du mir an?“, antwortete Helmut Kohl: „Wenn du kommst, vier Minister; wenn du nicht kommst – fünf.“ Und als Helmut Kohl im Oktober 1992 gemeinsam mit Teilnehmern des von ihm angeregten Deutsch-Jüdischen Dialogs zum Gruppenbild Aufstellung nahm, rief er für alle vernehmlich: „Lord Weidenfeld, stehen Sie neben mir, damit ich auf dem Foto nicht so dick aussehe.“

          Nein, mein Zögern während jenes Telefongesprächs mit Michael Blumenthal betraf etwas anderes. Der Laudatio, so mein Wunsch, sollte ein ausführliches Gespräch über sein Leben und Wirken vorausgehen. Eine erste kurze Begegnung mit ihm hatte im Februar 1996 stattgefunden – am Telefon. Als Vorsitzender des Kuratoriums Europäische Stiftung des Kaiserdoms zu Speyer lud er mich ein, in diesem Gremium mitzuarbeiten. Auch damals verband ich meine Zusage mit einer Bitte: die noch sichtbaren Reste der etwa gleichzeitig mit dem Dom im 11. Jahrhundert erbauten Synagoge und des jüdischen Ritualbades, der Mikwe, sollten in Zukunft in den Aufgabenbereich der neuen Dombaustiftung einbezogen werden; schließlich seien Dom, Synagoge und Mikwe von denselben Baumeistern errichtet worden, während gleichzeitig jüdische Speyrer wesentlich zur Errichtung des Doms beigetragen hätten – ein frühes Beispiel fruchtbaren christlich-jüdischen Zusammenlebens.

          Kohl strebte auch mit Ronald Reagan eine Versöhnungsgeste an

          Warum Helmut Kohl damals keinen Augenblick zögerte, mir dies zuzusagen, habe ich erst während unseres ersten längeren Gesprächs im November 1999 in Berlin erfahren: als er 1984 Israel besuchte, sprach ihn im Diaspora-Museum ein ihm unbekannter israelischer General an: „Ich kenne Ihre Mutter, und Sie kenne ich auch.“ Wie sich herausstellte, hatte Kohls Mutter auch nach dem nationalsozialistischen Boykottaufruf gegen Geschäfte jüdischer Eigentümer weiterhin beim Bäcker ihres Wohnortes, einem Juden, eingekauft und dabei ihren kleinen Helmut mitgenommen. Der jetzt vor ihm stehende General war der Sohn jenes Bäckers gewesen, der beide des Öfteren bedient hatte.

          „Sie war eine fromme katholische Frau“, erinnerte sich Helmut Kohl, „und erzog mich zur Achtung vor dem Judentum.“ Diese damals unzeitgemäße Haltung der Mutter hatte seine Einstellung zum Nationalsozialismus und zu jüdischen Menschen früh beeinflusst.

          Ende Oktober 2007 kam es dann in Berlin zu dem von mir erbetenen ausführlichen Gespräch. Es kreiste um seine Kindheit und Jugend, um Literatur, Lyrik und Musik, um Bach, Beethoven, Rilke und Ernst Jünger, um Geschichte, Politik und Judentum, um die Bedeutung der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg für die Entwicklung einer erneuerten deutsch-jüdischen Kultur, um den Reichtum der deutschen Sprache und ihrer ausdrucksstarken Dialekte, um politische Weggefährten, Versöhnung im Alter und – um Bitburg: um jene am 8. Mai 1985 erwiesene Ehrenbezeugung des Bundeskanzlers und des amerikanischen Präsidenten vor Gräbern deutscher Soldaten, darunter einigen der Waffen-SS.

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