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Salafisten in Frankfurt : Über Nacht ins Kampfgebiet

Zum Grillen ans Flüsschen: Polizisten kontrollieren einen Anhänger der Salafisten in Frankfurt Ginnheim. Bild: BERND KAMMERER

In Frankfurt treten die Islamisten so selbstbewusst auf wie nie, immer wieder kommt es zu Drohungen und Provokationen. Ein Jugendhaus und ein Museum mussten bereits schließen. Die Regierung der Stadt verharrt in einer Schreckstarre.

          Abdellatif Rouali kommt am späten Nachmittag. Sein leicht schlurfender Gang verrät ihn schon aus der Ferne. Er trägt seine weiße Kappe. Wie immer. Und eine viel zu große Sonnenbrille, die ihn an diesem Sonntagnachmittag nicht nur vor dem gleißenden Licht schützen soll, das zwischen den Bäumen auf die Wiese fällt, sondern auch vor den Blicken der Polizei, die sich mit einem Dutzend Einsatzwagen rund um den Park postiert.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Einen Grillplatz in Frankfurt haben sich die Salafisten ausgesucht. Im Internet wurde für diese Veranstaltung geworben. Es sollten Spenden gesammelt werden für einen Gefangenenhilfsverein. Doch die, die an diesem Nachmittag ins Ginnheimer Wäldchen in den Nordwesten Frankfurts gekommen sind, hatten von dem Treffen ohnehin gewusst. Schon im vergangenen Jahr waren sie dabei. Damals war das Treffen als Familienfest getarnt. Man hat gemeinsam gegessen, gebetet, gelacht. Auch Rouali, der Anführer der inzwischen verbotenen salafistischen Organisation „Dawa Ffm“ war dabei. Seit Jahren steht er unter Verdacht, junge Muslime für den Dschihad zu rekrutieren. Inzwischen betreibt er in der Frankfurter Innenstadt einen Mekka-Shop.

          „Wir sind hier offenbar nicht willkommen“

          Zwei Tage nach dem Treffen im Ginnheimer Wäldchen waren damals sieben Jugendliche aus Frankfurt nach Syrien ausgereist. Sie hatten über Nacht ihre Sachen gepackt, ohne sich von ihren Eltern zu verabschieden, und waren über die Türkei in das syrische Kampfgebiet gefahren. Einer von ihnen ist später bei Gefechten getötet worden, andere kamen als Dschihadisten zurück. Aber darüber wollen die Salafisten an diesem Sonntagnachmittag nicht sprechen. „Lasst uns in Ruhe“, ruft ein junger Mann quer über die Wiese. Dann blickt er auf die Polizisten und sagt: „Wir sind hier offenbar nicht willkommen.“

          Dabei fühlen sich die Islamisten, die in Frankfurt leben, zurzeit äußerst willkommen in der Stadt. Sie sind so präsent wie nie. Seit Anfang des Jahres häufen sich die Vorfälle mit Männern aus der Salafistenszene. Sozialarbeiter berichten, dass sie in ihren Stadtteilen angegangen werden. Lehrerinnen erleben, dass Schüler sie von einem Tag auf den anderen anfeinden. Und vor etwa vier Wochen haben drei Männer eine Kunstausstellung im Frankfurter Portikus gestürmt. Mit den Worten, der Islam werde durch das Kunstwerk geschändet, entwendeten sie einen Koran aus der Installation „God is great“ des britischen Künstlers John Latham. Der Koran lag neben einer Bibel und einem Talmud. Die Ausstellung wurde kurzerhand geschlossen – aus Angst vor weiteren Übergriffen.

          Seitdem verharrt die schwarz-grüne Regierung in Frankfurt, die bisher immer vorgab, Antworten zu haben auf die drängenden Integrationsfragen, in einer Schreckstarre. Nur träge reagierte sie auf den Vorfall im Portikus und noch langsamer auf einen weiteren Vorfall in einem Jugendhaus, mit dem sich inzwischen auch der hessische Landtag befasst. Nur zögerlich scheinen die politisch Verantwortlichen zu realisieren, dass die Stadt ein ernsthaftes Problem mit öffentlichen Provokationen von Salafisten hat.

          Junge Männer mit einer neuen Mission

          Seit Wochen wird über einen Vorfall diskutiert, der sich Anfang Mai in einem Jugendhaus ereignet hat. Das Zentrum liegt im Gallusviertel, einem Stadtteil mit einem Ausländeranteil von knapp 42 Prozent. Früher galt das Viertel als sozialer Brennpunkt, inzwischen zählt es zu den Stadtteilen, in denen seit geraumer Zeit die Mieten eklatant steigen, weil neue Wohnungen im angrenzenden Europaviertel gebaut werden. In den vergangenen Jahren war das Gallus mit ausgeklügelten Integrationskonzepten immer vorneweg. Die Sozialarbeiter in dem Viertel gehören zu den erfahrensten der Stadt. Sie haben es oft mit Leuten zu tun, die empfänglich sind für extreme Ideologien. Aber was an jenem Abend Anfang Mai passierte, wurde sogar ihnen unheimlich.

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