Es ist unerwartet still am Stand von Abdurrahman, der unter einem weißen Zelt auf dem Wiesbadener Mauritiusplatz steht und Korane verteilt. Still nicht deshalb, weil es an Nachfrage mangelt. Sondern still, weil Abdurrahman leise spricht, fast flüstert. Ob er helfen könne, fragt er die Passanten freundlich. Er und seine Brüder verteilten die heilige Schrift des Islam. Dann nimmt er ein Exemplar zur Hand, streicht über den Einband und drückt es einem Passanten in die Hand. Vielleicht, sagt er, finde er ja die Wahrheit darin.
Die „Wahrheit“ findet aber mittlerweile nicht nur in Wiesbaden statt. Auch in anderen Städten werden seit Monaten im großen Stil Korane verteilt - mittlerweile im gesamten Bundesgebiet. Nach Schätzungen des Verfassungsschutzes sind es inzwischen an die hundert Städte, in denen Islamisten in ihrem Sinne „Aufklärung“ betreiben. Die Rede ist von 25 Millionen Exemplaren, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt werden sollen.
Skeptische Sicherheitsbeörden
Sicherheitsbehörden beobachten die Aktion seit Herbst 2011 mit zunehmender Skepsis. Was anfangs als harmlose Informationsveranstaltung muslimischer Gruppen gesehen wurde, bekam in dem Moment Brisanz, als erkennbar wurde, wer hinter dem Projekt steht. Mittlerweile wissen die Behörden, dass es salafistische Gruppierungen sind. Islamistische Akteure, die auch missionieren.
Gesteuert wird das Projekt aus Nordrhein-Westfalen, von dem Kölner Prediger Ibrahim Abu Nagie, einem der inzwischen führenden Salafisten in Deutschland. Erst im September vergangenen Jahres hat die Kölner Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn wegen öffentlicher Anstiftung zu Straftaten und Störung des religiösen Friedens erhoben. Abu Nagie gebe Empfehlungen, die Gewalt legitimierten, bis zur Vernichtung Andersgläubiger, heißt es.
Auf der Internetseite seines Vereins „Die wahre Religion“ ist Abu Nagie bei sogenannten „Telefon-Konversionen“ zu sehen. Wie ein Fernseh-Seelsorger sitzt er vor dunklem Hintergrund in einer Kabine und nimmt Anrufe von jungen Christen entgegen, die sich am Telefon mit Abu Nagies „Unterstützung“ zum Islam bekennen. Ob die Anrufe authentisch sind, lässt sich nicht sagen. Verabschiedet werden die Neu-Konvertiten mit „Schwester“ und „Bruder“ und dem Hinweis, sich bei Fragen jederzeit an ihn, Abu Nagie, wenden zu können.
Unter Beobachtung des Verfassungsschutzs
Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet den Prediger schon seit vielen Jahren. Nach den Worten von Behördenleiterin Mathilde Koller ist die durch Abu Nagie nun organisierte bundesweite kostenlose Verteilung des Korans in deutschsprachiger Fassung „aktuellster Ausdruck der offensiven Missionierungsarbeit dieser islamistischen Strömung“. Nicht-Muslime sollen auf diesem Weg an den Islam herangeführt und gleichzeitig mit der salafistischen Szene in Kontakt gebracht werden. „Ziel ist es, Konversionen zum Islam salafistischer Prägung herbeizuführen und damit diese Form des religiös motivierten Extremismus in Deutschland weiterzuverbreiten.“
Auch bekannt ist inzwischen, dass sich das Missionierungsnetz offenbar zu einer gut funktionierenden Maschinerie entwickelt hat. Abu Nagies „Die wahre Religion“ organisiert und koordiniert den Druck der Koran-Exemplare sowie auch die Verteilung der islamischen Schrift. Der Verein wirbt für die Aktion auf Islam-Seminaren und ruft im Internet zu Spenden auf. Es gibt Koran-Exemplare mit rotem Einband und jene mit blauem. Die roten werden für einen Euro oder mehr unter Muslimen verkauft, damit werden die Herstellungskosten der Exemplare mit blauem Einband, die für die „Kuffar“, also die Ungläubigen, bestimmt sind, teilfinanziert. Die restlichen Kosten werden mit Hilfe von Spenden, zum Teil aus dem Ausland, beglichen.
„Die wahre Religion“ organisiert auch die Informationsstände, die mit den Worten „Lies! Im Namen Deines Herrn, der Dich erschaffen hat“ betitelt sind - und wird dabei großzügig von anderen salafistischen Gruppen unterstützt, wie etwa der hessischen Gruppe DawaFfm, gegen deren führenden Kopf Abdellatif Rouali derzeit ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen der Anwerbung für militärische Dienste im Ausland läuft. Rouali soll junge Muslime für terroristische Ausbildungslager angeworben haben. „DawaFfm“ steht auch hinter dem Wiesbadener und dem Frankfurter Stand.
NRW und Hessen als „Missionierungsorte“
Nach Angaben des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz beobachten die Behörde seit Beginn des Jahres einen signifikanten Anstieg der Informationsstände in deutschen Städten. Diese Entwicklung sei „mutmaßlich auf den wachsenden Bekanntheitsgrad des Projekts unter Muslimen, die Einbindung zahlreicher Personenzusammenschlüsse aus dem salafistischen Spektrum und die zentralisierte Organisation hinsichtlich der Finanzierung, des Drucks und der Logistik zurückzuführen“.
Dass neben Nordrhein-Westfalen vor allem auch Hessen als „Missionierungsort“ im Mittelpunkt des Koran-Projekts steht, ist für die Behörden eine neue Entwicklung, die im vergangenen Jahr begonnen hat - und die aufmerksam beobachtet wird. Auch deshalb, weil vor wenigen Wochen mit dem Islamisten Mohamad Mahmoud alias Usama al-Gharib einer der als gefährlich eingestuften Islamisten seinen Wohnort von Solingen nach Erbach im Odenwald verlegt hat. Mahmoud ruft offen zum Dschihad auf.
Was ihn ausgerechnet nach Hessen verschlagen hat, hat sich für die Sicherheitsbehörden noch nicht erschlossen. Fest steht jedoch, dass er das Koran-Projekt in Frankfurt unterstützt. Als „prominenter Gast“ hat er an einem Stand in Frankfurt für die Aktion geworben und eigenhändig Korane verteilt. Um seinen Einsatz zu dokumentieren, wurde ein Video, das ihn an dem Stand zeigt, später auf der Plattform „You Tube“ ins Internet gestellt. Und auch sein Weggefährte Denis Mamadou Cuspert alias Abu Maleeq, der früher auch als Deso Dogg bekannt war, hält sich inzwischen öfter in Frankfurt und dem Umland auf.
Eine immer größer werdende Anhängerschaft von Salafisten
Aus Sicht des Verfassungsschutzes gibt es schon länger die Gefahr, dass sich in Hessen eine immer größer werdende Anhängerschaft von Salafisten bildet. „DawaFfm“ veranstaltet Fußballturniere für junge Muslime, die seit der Festnahme Roualis im Februar 2011 im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen ihn im Verborgenen stattfinden. Ebenso konspirativ werden Islam-Seminare veranstaltet, zu denen Prediger aus ganz Deutschland eingeladen werden; auch Abu Nagie war schon zu Gast.
Unklar ist auch nach wie vor die Rolle von „DawaFfm“ im Zusammenhang mit dem Anschlag auf amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen im März vergangenen Jahres. Der Attentäter Arid Uka soll sporadisch Kontakt zu dem Verein gehabt haben, der nach Ansicht der Behörden zumindest einen Anteil an der Radikalisierung Ukas hat. Nach dem Anschlag hat sich „DawaFfm“ im Internet geäußert und die Tat mit den Worten „man wolle den Anschlag nicht gutheißen, aber er habe sich gegen amerikanische Soldaten gerichtet, die auf dem Weg zu Kampfhandlungen waren“, verharmlost, wenn nicht sogar legitimiert.
Denken und Handeln richtet sich nach Koran und Sunna
Von Interesse für die Sicherheitsbehörden ist zudem die Tatsache, dass der Prediger Pierre Vogel, der bisher fast ausschließlich im Köln-Bonner-Raum agierte, im vergangenen Jahr innerhalb weniger Monate gleich dreimal in Hessen auftrat, zweimal davon in Frankfurt. Dies seien Tendenzen, die es weiter zu beobachten gelte, heißt es - nun erst recht im Zusammenhang mit der Missionierungsaktion, die hinter dem Koran-Projekt steckt. Nach den Worten von Martin Heinemann, Sprecher des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, richten Salafisten „ihre religiöse Praxis und Lebensführung ausschließlich an den Vorgaben des Koran und dem vom Propheten Muhammad und den sogenannten frommen Altvorderen gesetzten Vorbild aus“. Daraus ergebe sich für Salafisten die kategorische Ablehnung jeglicher Normen und Handlungsweisen, die sich nicht aus Koran und Sunna ableiten ließen. „In letzter Konsequenz soll ein islamistischer Gottesstaat errichtet werden, in dem wesentliche Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben sollen.“
Vorerst wird das Koran-Projekt weitergeführt. Mehrere Stände sind schon wieder angemeldet, es scheint, als hätten sich die salafistischen Gruppen erst warmgelaufen. Die Nachfrage ist da. Auch bei der deutschen Bevölkerung. An jenem Samstag, an dem Abdurrahman die Korane in Wiesbaden verteilt hat, stoppten Passanten an seinem Stand fast im Minutentakt. Nur wenige Meter weiter hatten sich evangelikale Christen aufgestellt. An ihrem Stand herrschte gähnende Leere.
Am Stand der evangelikalen Christen herrschte gähnende Leere
Franz Müller (Franzy)
- 05.04.2012, 07:04 Uhr
Salafisten
Peter-J. Bisa (PeJoBi)
- 04.04.2012, 14:01 Uhr
Die Frage
Wolfgang Körner (oskartheo)
- 04.04.2012, 11:27 Uhr
Mit einem Wort:
Frank Müller (AchNeee)
- 04.04.2012, 10:51 Uhr
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht,
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 04.04.2012, 09:29 Uhr