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Veröffentlicht: 03.04.2012, 11:08 Uhr

Salafisten Einen Koran in jeden Haushalt

Vom Verfassungsschutz beobachtet, betreiben salafistische Muslime Mission - vor allem in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Die Anhängerschaft wird größer.

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© picture alliance / dpa Nichts als die Wahrheit: Die salafistischen Prediger Bilal Philips (l.) und Pierre Vogel.

Es ist unerwartet still am Stand von Abdurrahman, der unter einem weißen Zelt auf dem Wiesbadener Mauritiusplatz steht und Korane verteilt. Still nicht deshalb, weil es an Nachfrage mangelt. Sondern still, weil Abdurrahman leise spricht, fast flüstert. Ob er helfen könne, fragt er die Passanten freundlich. Er und seine Brüder verteilten die heilige Schrift des Islam. Dann nimmt er ein Exemplar zur Hand, streicht über den Einband und drückt es einem Passanten in die Hand. Vielleicht, sagt er, finde er ja die Wahrheit darin.

Die „Wahrheit“ findet aber mittlerweile nicht nur in Wiesbaden statt. Auch in anderen Städten werden seit Monaten im großen Stil Korane verteilt - mittlerweile im gesamten Bundesgebiet. Nach Schätzungen des Verfassungsschutzes sind es inzwischen an die hundert Städte, in denen Islamisten in ihrem Sinne „Aufklärung“ betreiben. Die Rede ist von 25 Millionen Exemplaren, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt werden sollen.

Skeptische Sicherheitsbeörden

Sicherheitsbehörden beobachten die Aktion seit Herbst 2011 mit zunehmender Skepsis. Was anfangs als harmlose Informationsveranstaltung muslimischer Gruppen gesehen wurde, bekam in dem Moment Brisanz, als erkennbar wurde, wer hinter dem Projekt steht. Mittlerweile wissen die Behörden, dass es salafistische Gruppierungen sind. Islamistische Akteure, die auch missionieren.

Gesteuert wird das Projekt aus Nordrhein-Westfalen, von dem Kölner Prediger Ibrahim Abu Nagie, einem der inzwischen führenden Salafisten in Deutschland. Erst im September vergangenen Jahres hat die Kölner Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn wegen öffentlicher Anstiftung zu Straftaten und Störung des religiösen Friedens erhoben. Abu Nagie gebe Empfehlungen, die Gewalt legitimierten, bis zur Vernichtung Andersgläubiger, heißt es.

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Auf der Internetseite seines Vereins „Die wahre Religion“ ist Abu Nagie bei sogenannten „Telefon-Konversionen“ zu sehen. Wie ein Fernseh-Seelsorger sitzt er vor dunklem Hintergrund in einer Kabine und nimmt Anrufe von jungen Christen entgegen, die sich am Telefon mit Abu Nagies „Unterstützung“ zum Islam bekennen. Ob die Anrufe authentisch sind, lässt sich nicht sagen. Verabschiedet werden die Neu-Konvertiten mit „Schwester“ und „Bruder“ und dem Hinweis, sich bei Fragen jederzeit an ihn, Abu Nagie, wenden zu können.

Unter Beobachtung des Verfassungsschutzs

Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet den Prediger schon seit vielen Jahren. Nach den Worten von Behördenleiterin Mathilde Koller ist die durch Abu Nagie nun organisierte bundesweite kostenlose Verteilung des Korans in deutschsprachiger Fassung „aktuellster Ausdruck der offensiven Missionierungsarbeit dieser islamistischen Strömung“. Nicht-Muslime sollen auf diesem Weg an den Islam herangeführt und gleichzeitig mit der salafistischen Szene in Kontakt gebracht werden. „Ziel ist es, Konversionen zum Islam salafistischer Prägung herbeizuführen und damit diese Form des religiös motivierten Extremismus in Deutschland weiterzuverbreiten.“

Auch bekannt ist inzwischen, dass sich das Missionierungsnetz offenbar zu einer gut funktionierenden Maschinerie entwickelt hat. Abu Nagies „Die wahre Religion“ organisiert und koordiniert den Druck der Koran-Exemplare sowie auch die Verteilung der islamischen Schrift. Der Verein wirbt für die Aktion auf Islam-Seminaren und ruft im Internet zu Spenden auf. Es gibt Koran-Exemplare mit rotem Einband und jene mit blauem. Die roten werden für einen Euro oder mehr unter Muslimen verkauft, damit werden die Herstellungskosten der Exemplare mit blauem Einband, die für die „Kuffar“, also die Ungläubigen, bestimmt sind, teilfinanziert. Die restlichen Kosten werden mit Hilfe von Spenden, zum Teil aus dem Ausland, beglichen.

19195153 © mauritius images / imagebroker Vergrößern Aufmerksam: Eine verhüllte Muslima

„Die wahre Religion“ organisiert auch die Informationsstände, die mit den Worten „Lies! Im Namen Deines Herrn, der Dich erschaffen hat“ betitelt sind - und wird dabei großzügig von anderen salafistischen Gruppen unterstützt, wie etwa der hessischen Gruppe DawaFfm, gegen deren führenden Kopf Abdellatif Rouali derzeit ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen der Anwerbung für militärische Dienste im Ausland läuft. Rouali soll junge Muslime für terroristische Ausbildungslager angeworben haben. „DawaFfm“ steht auch hinter dem Wiesbadener und dem Frankfurter Stand.

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Quelle: wahlrecht.de
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