Als Ibrahim Abu Nagie am Dienstagmorgen aus dem Fenster schaute, stand da ein Polizeiwagen. Gleich vor seinem Garten, in einer ruhigen Siedlung mit Einfamilienhäusern am Stadtrand von Köln. Abu Nagie ahnte, dass die Polizisten seinetwegen gekommen waren. Er ging raus und fragte nach. Es war, wie er gedacht hatte. Abu Nagie ging wieder rein und rief seinen Anwalt an. Was das solle, fragte er, aber er wusste es natürlich. Die Polizisten wollten verhindern, dass er an diesem Tag unkontrolliert in der Stadt unterwegs war. „Offene Observation“ nennen sie das. Schließlich kamen Ibrahim Abu Nagie und sein Anwalt zu dem Schluss: Ist egal. In diese Schlacht wollte Abu Nagie ohnehin nicht ziehen. Für seine Ziele machen sich andere die Hände schmutzig.
Am Dienstag demonstrierten in Köln Mitglieder der Partei Pro NRW. Vor der großen Ditib-Moschee in Ehrenfeld trafen sie sich. Davor waren sie schon in anderen Städten gewesen, egal ob klein oder groß, Essen oder Bottrop. 24 Auftritte in zehn Tagen. Immer versammelten sie sich vor Moscheen, und immer hielten sie eine Mohammed-Karikatur in die Höhe, die von Kurt Westergaard, plakatgroß kopiert: der Prophet mit einem Turban in Bombenform. Eine Provokation. Sie war die große Hoffnung von ein paar Dutzend nordrhein-westfälischen Wahlkämpfern. Ohne die Karikatur wäre die Bewegung gar nicht bemerkt worden. Die meisten Muslime in Deutschland nahmen die Aktion nicht zu ernst. Anders die Salafisten. Die kamen, warfen in zwei Städten mit Steinen, schlugen mit Stangen. Einer stach zwei Polizisten nieder.
„Kommt zur letzten Schlacht“
Es sind auch diese Männer, denen Abu Nagie aus seinem Einfamilienhaus seine Botschaften schickt. Er stellt sie ins Internet. Videos, Texte auf Facebook. Vor einem halben Jahr begann er damit, Korane drucken zu lassen, rief dazu auf, sie in deutschen Fußgängerzonen zu verteilen. Da kamen seine Anhänger und holten sich Bücher, stellten sich Samstag für Samstag auf die Straße, ohne Bezahlung, für Abu Nagie und Allah. Dreihunderttausend Bücher haben sie schon verschenkt. So wächst auch die Macht des Predigers.
In den vergangenen Wochen sind die Salafisten mutiger geworden. Sie wollen sich jetzt nicht mehr verstecken in ihren Hinterhof-Moscheen und Vereinsräumen. „Das ist unsere neue Kollektion“, sagt ein junger Bärtiger mit Sonnenbrille und schwarzem T-Shirt in einem Video, das er vor einer Woche ins Internet stellte, „Mission to Paradise“ heiße die Modelinie. Der Schriftzug steht groß auf dem Rücken. „Das ist für die Jungs, die draußen sind“, sagt der Mann noch. Auf den Straßen, in Schlachten wie denen der vergangenen Tage. „Wenn ihr den Propheten liebt, beweist es“, hieß es in einem Video, das zur Demo in Köln aufrief, „und kommt zur letzten Schlacht.“ Und dann noch, in roter Schrift: „Bis der Kopf fliegt“. Dann wartet das Paradies.
Das Recht, Polizisten zu bestrafen
In Köln verhinderte die Polizei, dass so etwas passierte. 111 Männern verbot sie schon vor dem Dienstag, an diesem Tag in die Nähe der Ditib-Moschee zu kommen. Die Polizei wusste von den Demonstrationen davor, dass die Salafisten für den Kampf gegen Pro NRW aus ganz Deutschland kommen. Der Fünfundzwanzigjährige, der in Bonn mit einem Messer auf zwei Polizisten einstach, war dafür aus Nordhessen angereist. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord in zwei Fällen vor. „Als ihm das gesagt wurde, hat er nur noch einmal seine religiösen Ansichten kundgetan“, sagt der Staatsanwalt in Bonn. Denen zufolge stünde er als Unschuldiger am Ende einer Verantwortungskette. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Beleidigungen wie die Mohammed-Karikaturen verboten werden. Geschehe das nicht, habe er als Muslim das Recht, die Polizisten als Vertreter des Staates zu bestrafen.
Einen Anwalt zu nehmen hat der Mann bisher nicht für nötig befunden. Aber auf Facebook sammeln andere schon Geld für ihn. „Spenden für den Bruder, der im Gefängnis sitzt“, müssten her, denn an ihm solle ein „Exempel statuiert“ werden. Das Spendenkonto läuft auf den Namen einer muslimischen Frau, die vor ein paar Jahren einer Jugendorganisation noch dabei half, Reisen für Kinder zu organisieren. Als „wenig kooperativ“ beschreiben ehemalige Kollegen sie, als sehr von sich und ihren Meinungen überzeugt. Man trennte sich im Unfrieden von ihr. Die Salafisten nennen die Frau heute „Schwester“.
Der Koran steht über allem - auch über dem Grundgesetz
Viele von ihnen scheuen sich neuerdings nicht mehr, sich offen zu islamistischen Ideen zu bekennen. Das hat viel mit Ibrahim Abu Nagie zu tun. Dass Christen und Juden in die Hölle kämen, wenn sie den Islam nicht annähmen, sagt er ganz offen. Und so scheute sich im Januar auch ein Mülheimer Polizeikommissar nicht, einen Infostand anzumelden, um Abu Nagies Korane zu verteilen. Als Kollegen ihn da trafen, habe er ausweichend geantwortet, erinnert sich ein Polizist. Der Verfassungsschutz prüfte die Sache. Den Ermittlern sagte der Mann freiheraus, dass für jeden Muslim die Pflichten, die der Koran vorschreibe, über allem anderen stünden. Also auch über dem Grundgesetz.
Ende April wurde er vorläufig vom Dienst suspendiert, nun wird gegen ihn ermittelt. Eine Anhörung ließ er schon verstreichen, groß scheint seine Sorge um den Arbeitsplatz nicht zu sein. Dem Anwalt, den er sich erst genommen hatte, hat er das Mandat schon wieder aufgekündigt. Über „den Salafisten“ will man in der Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei daher inzwischen gar nichts mehr sagen.
Die meisten Muslime in Deutschland sind erschrocken über die Salafisten. Immer wieder sagen sie, dass sie damit nichts zu tun haben, dass das Extremisten sind. Und auch die Salafisten distanzieren sich von der Mehrheit der Muslime. Wer tolerant sei und das Christentum als gleichberechtigt bezeichne, sei ein Heuchler, auch wenn er sich Muslim nenne, sagt Abu Nagie. Seine Anhänger kritisieren, dass ihre Koran-Stände in den Innenstädten von den meisten Muslimen links liegengelassen werden. „Es sind meistens nicht die Leute von Moscheen, die an unsere Stände gekommen sind und von Herzen gespendet haben. Im Gegenteil“, klagt einer auf Facebook. Ein anderer stimmt zu: „Die Erfahrung habe ich leider sehr oft machen müssen, wie traurig das mich gemacht hat. Selten waren sie bereit, das Projekt zu unterstützen.“ Bleibe nur, Allah zu bitten, ihren Horizont zu erweitern.
Das Motto von Pro NRW: „Freiheit statt Islam“
Markus Beisicht hat das alles in den vergangenen Wochen genau beobachtet. Der Leverkusener Anwalt ist Vorsitzender von Pro NRW, zu seinem großen Ärger von den meisten immer noch als rechtsextreme Splitterpartei bezeichnet. Er selbst nennt sie „rechtsdemokratisch“ oder „rechtspopulistisch“. Als Beisicht seinen Landtagswahlkampf vorbereitete, war ihm klar, dass er ohne Provokation verloren sein würde. Also dachte er sich was aus: „Politiker quälen - Pro NRW wählen“ ließ er auf die Wahlplakate drucken. Und forderte die Rückkehr zur D-Mark. Aber dann kamen die Salafisten. Ein Knallerthema für die Partei, die schon lange vor Muslimen warnt. Beisicht meldete flugs die Demos in 24 Städten an, Motto: „Freiheit statt Islam“. Er selbst nahm gar nicht an allen teil. Aber das war auch nicht nötig.
Es reichte, dass die Salafisten kamen. Sie brüllten in Richtung Mohammed-Karikaturen, und ein paar versprengte Rechtspopulisten brüllten „Abschieben, abschieben“ zurück. Jetzt beansprucht Beisicht für seine Partei, die „Sollbruchstelle dieser Gesellschaft aufgezeigt“ zu haben. Egal, dass Kurt Westergaard klagen will gegen den Missbrauch seiner Karikaturen. Das seien „Nachhutgefechte“, meint Beisicht, lehnt sich im schwarzen Bürosessel zurück und weist darauf hin, dass man Westergaard ja vorher gefragt habe. Keine Reaktion. Auch nicht auf die Einladung, als Redner zu kommen.
„Unheil und Verderben auf dieses Land“
Beisicht ist elektrisiert von der Vorstellung, bei der Wahl an diesem Sonntag ein „überraschendes Ergebnis“ zu holen. Danach soll es erst richtig losgehen. Der Politiker will die „Pro“-Bürgerbewegungen aus verschiedenen Städten zu einer großen bündeln. Die soll sich dann mit anderen rechtspopulistischen Parteien in Deutschland und Europa vernetzen, zum Beispiel mit den Republikanern, die in Nordrhein-Westfalen eine Wahlempfehlung für Pro NRW ausgesprochen haben. So sollen gemeinsam „die Gebote der politisch korrekten Blockwarte“ in Frage gestellt werden. Beisicht kann sich aufregen, wenn er über die spricht. Brummt in so einem Moment sein Handy, ruft er: „Weg, das ist ja unerträglich“, und sperrt das Gerät in den Schrank. Bei dem Thema duldet er keine Unterbrechung.
Der Verfassungsschutz beobachtet Pro NRW, und er beobachtet die Salafisten. Dass diese nun auf offener Straße die Konfrontation mit den Rechtspopulisten und mit der Polizei suchen, sieht der Staat mit Sorge. Der Messerstecher von Bonn war geduckt auf die Polizisten zugelaufen und hatte da zugestochen, wo die Beamten keine Schutzkleidung trugen: an den Oberschenkeln. In Köln, wo niemand verletzt wurde, nahm die Polizei den Salafisten Reizgas und Steine ab. Auf der Facebookseite des Frankfurter Salafistenvereins Dawa FFM stand am Mittwoch: „Unheil und Verderben auf dieses Land. Vorbei mit ruhig bleiben und ein gutes Bild abgeben wollen.“
Danke @ Ahmed Mohammed
Adel Richter (Kairi)
- 14.05.2012, 20:10 Uhr
Der Islam lehrt Geduld, Toleranz und Frieden.
Ahmed Mohammed (DerMuslime)
- 13.05.2012, 22:23 Uhr
Was zukünftig zu erwarten ist von den Salafisten , kann man sich
ohne grosse Phantasie ausmalen
Karin Gossmann-Walter (sidana)
- 13.05.2012, 11:38 Uhr
Vergleich Christen vs Muslime
Adrian Barwasser (Barwasser)
- 13.05.2012, 10:57 Uhr
Gewalt zieht an!
Ilse Engels (I.Engels)
- 13.05.2012, 10:47 Uhr