http://www.faz.net/-gpf-6uymz

Sahra Wagenknecht : Die Stellvertreterin

  • -Aktualisiert am

Gewählt: Sahra Wagenknecht Bild: dapd

Sahra Wagenknecht wurde in der Linkspartei, was sie in der PDS nie werden durfte: die Frau in der zweiten Reihe, die für Höheres in Frage kommt.

          Bei Parteitagen trägt sie Kleidung, die Seniorinnen als „Ensemble“ bezeichnen würden: Jacke mit einem langen, an den Fesseln eng werdenen Rock aus gleichem Material. Zum Rednerpult trippelt sie wie eine Geisha zur Teezeremonie. In Talkshows trägt sie dasselbe, nur mit kurzem Rock; so sieht man mehr von ihren Beinen. Als Schmuck trägt sie etwas, das aussieht wie ein überfahrener Bagel. Sahra Wagenknecht heißt die kommende Frau in der Linkspartei. Alles läuft auf sie zu.

          Als Akademikerin ist Sahra Wagenknecht Autodidaktin, als Politikerin wird sie allmählich zum Geschöpf von Gregor Gysi. Als dieser im Januar 2010 auf Wunsch des scheidenden Vorsitzenden von Partei und Fraktion, Oskar Lafontaine, sich des Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch entledigte, indem er ihn der Illoyalität gegenüber Lafontaine bezichtigte, schlug ihre Stunde: Im Personaltableau, das Gysi in einer Nacht im Reichstag zusammenstellte, nahm die Frau, die in der PDS im Laufe der Jahre immer mehr als Außenseiterin wirkte, ganz oben Platz. Seit Mai 2010 ist sie stellvertretende Parteivorsitzende, seit diesem Dienstag auch stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Die Erste Stellvertreterin von Gregor Gysi sogar. Wenn auch nur mit 61,8 Prozent der abgegebenen Stimmen gewählt.

          Als sie Anfang 1995 in den Parteivorstand drängte, sagten Gysi und der damalige Parteivorsitzende Lothar Bisky, der Berliner Parteitag habe sich zwischen „zwei einander ausschließende Richtungen“ zu entscheiden - entweder ihrer oder der von Frau Wagenknecht. Diese erhielt 129 von 391 gültigen Stimmen. Die Unterlegene bezichtigte den Vorsitzenden Bisky des „Sozialdemokratismus“; unter Kommunisten ist das ein scharfes Unwerturteil. Zwei Jahre später, beim Schweriner Parteitag, setzte die Kommunistische Plattform, der Frau Wagenknecht angehört, in der PDS durch, dass sie keine randständige, sondern eine anerkannte Existenz als Gruppierung innerhalb der Partei führen konnte, mit offiziellen Delegierten auf Parteitagen.

          Kleidung, die Seniorinnen als „Ensemble“ bezeichnen würden

          2008, inzwischen war sie Europaabgeordnete der Linkspartei und zeigte sich demonstrativ oft und nahe an der Seite Lafontaines, strebte Sahra Wagenknecht abermals einen Posten an herausgehobener Stelle der damals neu gegründeten Linkspartei an. Dazu sagte Gysi: „Wir sind jetzt ein Jahr ,Die Linke‘, und nun soll Sahra Wagenknecht plötzlich das werden, was sie in der PDS nie geworden ist?“ So kam es, und er selbst schlug es vor. In der PDS war Frau Wagenknecht Mitglied des Parteivorstands von 1991 bis 1995 und von 2000 bis 2007. Sie war seit 2004 Europaabgeordnete, 2009 gelangte sie über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag. Seit der Fusion mit der WASG 2007 sitzt sie im Vorstand der Linkspartei, in der sie in der Tat werden konnte, was sie in der PDS „nie geworden ist“.

          Sahra Wagenknecht hat ein merkwürdiges Gefühl für Timing. Im Frühjahr 1989, mit knapp 20 Jahren, trat sie in die SED ein. In der DDR hatte sie nicht studieren dürfen, von 1990 bis 1996 studierte sie dafür umso ausgiebiger in Jena, Berlin und Groningen. Seit 2005, heißt es, arbeite sie an einer volkswirtschaftlichen Dissertation. Populär geschriebene Bestseller wie „Freiheit statt Kapitalismus“ (2011) oder „Wahnsinn mit Methode“ (2008) scheinen ihr besser von der Hand gehen. Außerhalb der Politik besitzt sie keinerlei Berufserfahrung; sie nennt sich „Autorin“.

          Weitere Themen

          Die Debatte zum Brexit Video-Seite öffnen

          Britisches Unterhaus : Die Debatte zum Brexit

          Oppositionsführer Jeremy Corbyn greift Premierministerin Theresa May in Sachen Brexit hart an: Das Parlament hätte die Wahl zwischen einem verpatzten, oder gar keinem Deal.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.