12.03.2006 · In Sachsen-Anhalt gehen die Spitzenkandidaten der Landtagswahl sanft miteinander um. Große Hoffnung macht sich hier niemand. Wahlkampf kann man das eigentlich nicht nennen.
Von Thomas Schmid, Naumburg/EislebenWahlkampf kann man das eigentlich nicht nennen. Wenn Dr. Wolfgang Böhmer durch sein Land reist, meidet er laute Töne und allzu große Menschenansammlungen. Gut zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 26. März ist der CDU-Ministerpräsident nur selten auf großflächigen Plakaten zu sehen, und die wenigen Male auch nur mit einer zeitlosen Lebensweisheit, die nichts von einem Schlachtruf hat: „Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.“
Böhmer, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, arbeitete 17 Jahre lang als Chefarzt am Krankenhaus in Wittenberg. Und als wäre er nun Klinikchef von Sachsen-Anhalt, gestaltet er seine Besuche im Lande: Es sind Chefarztvisiten, halb strenge, halb fürsorgliche Auftritte am Krankenbett eines schwierigen Patienten. Auftritte, die absolviert werden müssen, zu denen man sich aber zwingen muß. Böhmer, vor kurzem 70 Jahre alt geworden, ist nicht der Typ von Chefarzt, der in narzißtischem Schwung mit wehenden Kittelschößen die Gänge entlangfegt. Sondern der Typ, der etwas mürrisch, aber genau zuhört, den Patienten aufmuntert und aufscheucht und der so schnell wieder geht, wie er gekommen war.
„Respekt vor Menschen, die den Alltag regeln“
In Naumburg an der Saale trifft er sich zu einem Gespräch mit Landräten und Bürgermeistern im aufwendig restaurierten Renaissance-Rathaus. Draußen ist Markt, und als Böhmer das Gebäude verläßt, gucken die Leute, mäßig neugierig, hin. Doch der Ministerpräsident würdigt die Szene keines Blickes, wort- und grußlos besteigt er seine Limousine, die Wagenkolonne entschwindet. Nicht die Spur eines Bads in der Menge.
Als er wenig später in der Integrativen Kindertagesstätte Regenbogen von einer singenden Kinderschar empfangen wird, ist ihm auch hier die Pflicht anzusehen: In geduldiger Ungeduld hört er reglos zu, blickt mal zu Boden, mal über alle Köpfe hinweg, und beantwortet den Begrüßungsgesang mit einem knappen „Danke schön“. Die Führung durch das geräumige Haus läßt er über sich ergehen, um erst in der Gesprächsrunde mit dem Personal aufzutauen. Er lobt und ermuntert: „Ich bekomme es so oft mit larmoyanten Leuten zu tun - da habe ich Respekt vor Menschen, die den Alltag regeln.“ Widersetzt sich aber dem Sozialarbeiterruf nach mehr Geld: „Wir können uns vieles Schöne nicht leisten.“ Und widerspricht denen, die - etwas im DDR-Sound - bei Kindern aus randständigen Milieus mehr Familienkontrolle fordern: „Wir können keine Familienpolizei einrichten.“ Böhmer verspricht nichts.
„So hab' ich mir das auch vorgestellt“
Gleichmäßig verteilt er Lob und Mahnung, gibt sich als mal gestrenger, mal milder Lehrer. Es klingt nicht komisch, wenn er zum Abschied sagt: „Was Sie vorgetragen haben, so hab' ich mir das auch vorgestellt.“ In seiner wohlwollenden Verdrießlichkeit ist er ein Solitär unter den Ministerpräsidenten. Er macht, seiner Wirkung sich wohlbewußt, keine Anstrengung zu gefallen. Das paßt zu dem Land, dem es wirtschaftlich notorisch schlechtgeht. Böhmer ist mit Abstand der beliebteste Landespolitiker, eine Direktwahl würde er triumphal gewinnen. Auch, weil er in diesem tiefenttäuschten Land die Leute zwar fordert, aber auch in Ruhe läßt: Er ist ein nichtöffentlicher Ministerpräsident. Einer, der zugibt, daß es nur um kleine Fortschritte im allgemeinen Elend geht. Der auf Nachfrage sofort unumwunden bestätigt, „es wird ein langweiliger Wahlkampf werden“.
Böhmer, der sein Bündnis mit der FDP gerne fortsetzen würde, ist davon angetan, daß es in Berlin eine große Koalition gibt, aus klimatischen Gründen: Das zwinge CDU und SPD, im Wahlkampf auf die Bremse zu treten. Wie er überhaupt für das Krachlederne nichts übrig hat. Er spricht, von Ausnahmen abgesehen, mit Achtung von seinen Herausforderern bei SPD und Linkspartei. Und wenn er auf den in CDU-Optik größten anzunehmenden Unfall, eine rot-rote Koalition, angesprochen wird, antwortet er unaufgeregt: Ein Bündnis der beiden habe es hier ja schon zweimal gegeben - auch diesmal würde das Land nicht völlig in Chaos und Elend versinken. Warum ist er 1990 zur CDU gegangen? „Weil mich CDU-Leute angesprochen haben“, sagt der Ministerpräsident. Und wenn ihn SPD-Leute angesprochen hätten: „Dann wäre ich heute in der SPD.“
Sozialdemokratischer Ermunterungsabend
Deren Spitzenkandidat heißt Jens Bullerjahn, ist 43 Jahre alt und von Beruf Elektroingenieur. Er hatte 1994 als Geschäftsführer der SPD-Fraktion zusammen mit dem jetzigen Spitzenkandidaten der Linkspartei, Wulf Gallert, die Tolerierung der SPD-geführten Regierung durch die PDS eingefädelt. Das ist, auch wenn Bullerjahn eine rot-rote Koalitionsregierung für denkbar hält, lange her, Bullerjahn gilt heute als ein scharfer, vor Unpopulärem nicht zurückschreckender Reform-Sozi, als einer, der die Wahrheit ausspricht und das Füllhorn gar nicht erst in die Hand nimmt.
Jetzt steht er, nach zwei Parteiveranstaltungen, abends im „Hotel Graf von Mansfeld“ in der Lutherstadt Eisleben, wie es hier noch heißt, am Tresen und zapft im Rahmen eines sozialdemokratischen Ermunterungsabends eine Stunde lang Bier für die Genossen. 46 der 4600 SPD-Mitglieder Sachsen-Anhalts leben in der Stadt, heute sind knapp 100 Menschen gekommen, Ältere, Jüngere und Junge, vom Arbeiter über den Handwerker und den Lehrer bis zum Schüler mit Juso-Shirt der ganze Bogen der Partei. Die Stimmung ist zuversichtlich, von der Spannung des Wahlkampfs ist wenig zu spüren. Die SPD, in Umfragen vor einiger Zeit fast noch gleichauf mit der CDU, liegt in neueren Umfragen mit 27 Prozent weit hinter den christlichen Demokraten (36 Prozent). Die Frage, wie das aufzuholen sei, scheint hier niemanden umzutreiben. Bei der Landtagswahl 2002 stürzte die damals regierende SPD auf 20 Prozent ab - da sind die jetzigen 27 Prozent doch schon ganz stattlich.
„Blicken über den Wahltermin hinaus“
„Wir sind aus dem Tal heraus“, sagt Bullerjahn - stolz, weil ihm der Wiederaufstieg mit einer Strategie strikter Versprechensverweigerung gelungen ist. Als wichtigstes Ziel der kommenden Legislatur nennt er etwas, das nicht besonders sozialdemokratisch klingt: Die Neuverschuldung müsse unbedingt auf Null reduziert werden. Doch anders als der strenge Müntefering verkündet der umtriebige Bullerjahn solche Wahrheiten fröhlich, ohne Entsagungspathos und Lehrer-Lämpel-Strenge. Wenn er versucht, gegen Böhmer - den er so schätzt wie dieser ihn - zu polemisieren, fällt es mühsam aus. Seine eigentümliche Gelassenheit hat wohl auch damit zu tun, daß sich das Land für Entscheidungsschlachten so gar nicht eignet.
Wer regieren will, weiß, daß das auch eine Last sein wird. Weiß, daß er in dem Land, das in 16 Jahren fast jede nur denkbare Regierungskonstellation erlebt hat, über Nacht wieder von der Macht vertrieben werden kann. Der weiß, daß er keine und sehr viel Zeit hat. Hier, am zähen Ende der Republik, hat man den Wunderglauben an die Politik verloren. Es kommt drauf an - und auch nicht. Das klingt bei Bullerjahn so: „Wir sind gut aufgestellt und gut vorbereitet, auch aufs Regieren. Aber wir sehen es perspektivisch. Schon jetzt blicken wir über den Wahltermin hinaus.“
„Die haben sogar den Protest hinter sich“
Über den blickt auch Wulf Gallert hinaus. Der stattliche, etwa 1,80 Meter große Spitzenkandidat der Partei „Die Linke.PDS“ hat nichts von einem Volkstribun. Auch er behauptet tapfer, Ministerpräsident werden zu wollen. Und erklärt plausibel, daß in dem prekären Land Wahlüberraschungen ganz normal sind. Es gewinnt der, der - warum auch immer - sein Milieu mobilisieren kann. Nicht die Wähler, sondern die Nichtwähler könnten die Wahl entscheiden, vor vier Jahren machten sie 43,5 Prozent der Wahlberechtigten aus.
Wie Bullerjahn ist auch der 42 Jahre alte Gallert ohne Konfession. An diesem Morgen besucht er das renovierte Zisterzienserinnenkloster Helfta vor den Toren von Eisleben, in dem heute wieder zwölf Nonnen leben. Es ist ein respektvoller Höflichkeitsbesuch, am Nachmittag folgen ebenso respektvolle Besichtigungen des - angeblichen - Sterbehauses und des im Umbau befindlichen Geburtshauses von Eislebens großem Bürger Martin Luther. Gallert geht der populistische Furor, den man von der PDS kennt, ab. Das hat mit dem Naturell des Kandidaten mit den rundlichen Wangen zu tun, aber auch mit der Lage. „Viele Leute“, sagt er, „nehmen sich hier als unglücklich wahr.“ Sie wüchsen in Familien auf, in denen das Gefühl, überflüssig zu sein, das vorherrschende sei. „Die haben sogar den Protest hinter sich.“
„Das Eis der Zivilisation ist hier sehr dünn“
Da wäre es sinnlos, als Landesretter aufzutreten. Das Land selbst kann sich nicht retten, und so schielt Gallert nach Berlin: Ein rot-roter Wahlerfolg hier wäre ein wichtiges Signal Richtung Hauptstadt - auf den Mindestlohn fiele sofort ein freundlicheres Licht, und die Rente mit 67, die seine Klientel fassungslos beäugt, wäre vom Tisch. Aber er, der auf Sieg setzt, dämpft die Erwartungen. Auf frühere DVU-Erfolge angesprochen, sagt Gallert, das sei wohl vorbei, „doch das Eis der Zivilisation ist hier sehr dünn“. Wenn erst einmal die Resignation alles durchtränkt habe, „dann wäre das hier Niemandsland“.
Irgendwie ist Sachsen-Anhalt niemandes Land. Keine Partei kann sich ihrer Klientel sicher sein, der Wähler ist hier ein wortkarges Wesen, viel Hoffnung hat er fahrenlassen. Es geht so langsam voran, daß es kaum zu spüren ist. Und über eine sichere, gelebte Landesidentität, wie sie Sachsen und Thüringen haben, verfügt das zusammengeflickte Land eben nicht. Obwohl es doch - man denke an Ottonen, Altmark, Reformation, Kupferbergbau, Naumburger Dom, Wörlitzer Park und Bauhaus in Dessau - kaum einen Landstrich in Deutschland gibt, der über eine solch prunkende Fülle zivilisatorischer Erinnerungsorte verfügt. Doch diese Erinnerung ist abhanden gekommen, das Land fühlt sich selbst nicht. Kein Zufall, daß es drei Spitzenkandidaten hat, die pfleglich miteinander umgehen, fast nichts versprechen - und gegen den Nebel von Traurigkeit, der über allem liegt, beharrlich das wenige Machbare im Auge haben: nüchterne Moderatoren einer Krise.
In Luthers Land - Stimmungsanalyse
Peter Kiebel (Himmelsscheibe)
- 14.03.2006, 10:20 Uhr