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Runder Tisch Missbrauch : „Verantwortung verjährt nicht“

Die Ministerinnen Leutheusser-Schnarrenberger, Schröder und Schavan leiten das Gremium Bild: dpa

Nach der ersten Sitzung des runden Tisches „Kindesmissbrauch“ warnt Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) davor, das Strafrecht überzubewerten. Familienministerin Schröder fordert, staatliche Förderung an Maßnahmen zur Prävention zu knüpfen.

          Die Vergabe staatlicher Fördermittel soll künftig an bestimmte Standards und freiwillige Selbstverpflichtungen in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche gebunden werden. Das forderte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) nach der konstituierenden Sitzung des runden Tisches „Kindesmissbrauch“ in Berlin, an dem sechzig Vertreter von Kirchen, Verbänden, jugendnahen Einrichtungen, Internaten, Eltern, Forschung und Medizin zusammengetroffen waren. Beschlossen wurde am Freitag, drei Arbeitsgruppen in den drei beteiligten Ministerien einzusetzen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Im Familienministerium soll eine Arbeitsgruppe „Prävention“ arbeiten, im Justizministerium wird sich eine weitere mit strafrechtlichen Überlegungen befassen und im Bundesforschungsministerium eine dritte mit Forschung und Lehre. Es gehe darum, die geleistete Forschung über die Entwicklung von Pädosexualität weiterzuentwickeln und medizinische sowie psychologische Erkenntnisse in die Ärzte- und Lehrerausbildung einzubeziehen, forderte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).

          Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte davor, das Strafrecht überzubewerten. Die Leiden der Opfer anzuerkennen heiße zwar, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, im Zuge der Enttabuisierung des Themas müsse nun aber auch an konkrete Prävention gedacht werden. Bei der finanziellen Entschädigung komme es vor allem auf Beiträge und Vorschläge der betroffenen Institutionen an. Es gehe nicht nur um Geldzahlungen, sondern auch um konkrete Hilfen wie Psychotherapien, sagte die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsfragen, Christine Bergmann (SPD).

          Der Runde Tisch zum Thema Missbrauch wird bei offenem Umgang mit den Institutionen tatsächlich auch inhaltlich Ecken und Kanten haben
          Der Runde Tisch zum Thema Missbrauch wird bei offenem Umgang mit den Institutionen tatsächlich auch inhaltlich Ecken und Kanten haben : Bild: ddp

          2009 etwa 15.000 Opfer sexuellen Missbrauchs laut Kriminalstatistik

          Eine Einschaltung des Staatsanwalts dürfe nicht dazu führen, dass Opfer sich nicht offenbarten, sagte Familienministerin Schröder und schlug vor, dass gefährdete Institutionen bei Bewerbungsgesprächen auch über sexuellen Missbrauch sprächen. Das schrecke mögliche Täter ab. In der Kriminalstatistik werden allein für das Jahr 2009 etwa 15.000 Opfer sexuellen Missbrauchs ausgewiesen, dies sei jedoch nur die Spitze des Eisbergs, sagte Frau Schröder. Die am runden Tisch beteiligten Sexualforscher hätten darauf hingewiesen, dass der Konsum kinderpornographischer Schriften und Bilder in einer bestimmten Entwicklungsphase einer latent vorhandenen Pädosexualität Vorschub leisten könne.

          Frau Schröder sagte, zwar seien viele der Fälle von Kindesmissbrauch - die in den vergangenen Wochen bekanntgeworden sind - längst verjährt. „Aber Verantwortung verjährt nicht“. Es gehe dem Runden Tisch um die Verantwortung gegenüber den Opfern von Missbrauch und um die Verantwortung gegenüber allen Kindern und Familien. Das Gremium solle beraten, was zu tun sein, um Kindesmissbrauch „so unmöglich wie möglich“ zu machen. Ihr gehe es auch darum, dass Defizite klar benannt würden.

          Lehrerverband: „Keine ökopädagogischen Nischen“

          Der runde Tisch sei eine Chance, in der gegenwärtigen Diskussion Wissen zu bündeln und zu konkreten Ergebnissen zu kommen, sagte der Trierer Bischof Ackermann nach dem Gespräch. Der Deutsche Lehrerverband wehrte sich gegen den Verdacht, unter Lehrern seien Pädosexuelle und Sadisten überrepräsentiert, und lehnte Eignungstests sowie erweiterte Führungszeugnisse mit der Begründung ab, diese erfassten ohnehin nur neu einzustellende Lehrer.

          Der Lehrerverband forderte außerdem eine konsequente Anwendung der staatlichen Schulaufsicht auch gegenüber Schulen in freier Trägerschaft. Hier dürfe es keine „ökopädagogischen Nischen“ geben, heißt es in einer Erklärung des Verbandes. In dieser Woche hatte sich die Kultusministerkonferenz (KMK) in „Handlungsempfehlungen“ nicht nur für eine konsequente Aufklärung von sexuellem Missbrauch und Gewalt gegen Kinder, sondern auch für eine Verlängerung der Löschungsfristen im Bundeszentralregister im Blick auf die im Jugendarbeitsschutzgesetz genannten Taten eingesetzt.

          Auf diese Weise solle ausgeschlossen werden, dass betroffene Lehrer oder Erzieher wieder im Bildungs- oder Erziehungsbereich eingestellt würden. Auflösungsverträge beim Wechsel des Arbeitgebers dürften nicht dazu genutzt werden, Verfehlungen zu verschleiern. Außerdem brauchten Kinder Ansprechpartner, an die sie sich vertrauensvoll wenden könnten. Die KMK hatte sich überdies dafür eingesetzt, Programme zur Stärkung der Persönlichkeit eng mit Lehrplan und Schulprogramm zu verbinden, damit Kinder lernen, „nein“ zu sagen und sich zu verweigern.

          Quelle: FAZ.NET mit apn

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