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Runder Tisch Missbrauch Christine Bergmann - eine Frau der leisen Töne

23.04.2010 ·  Schon zu einer Zeit, als Kanzler Schröder ihr Ressort als „Gedöns“ abqualifizierte, verantwortete die damalige Familienministerin Projekte zum Schutz vor sexueller Ausbeutung. Als Beauftragte der Bundesregierung wird die sozialdemokratische Protestantin weiter der Tugend leiser Tönen vertrauen.

Von Majid Sattar, Berlin
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Es war eine Methode des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, Kommissionsvorsitze mit verdienten, aber nicht mehr aktiven Staatsmännern und -frauen zu besetzen, die der größten Oppositionspartei angehörten. So sollte nicht nur dem angestrebten breiten gesellschaftspolitischen Konsens Rechnung getragen werden.

Natürlich wollte der damalige SPD-Vorsitzende so auch der CDU ein Schnippchen schlagen. Dass die schwarz-gelbe Bundesregierung nun die Sozialdemokratin und frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann zur unabhängigen Beauftragten für die Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch ernannt hat, folgt der gleichen Logik: Das Thema soll möglichst der Parteipolitik entzogen werden, was im Falle der 70 Jahre alten Ostdeutschen, die der Tagespolitik schon lange entsagt hat, gewährleistet ist. Im Falle der Protestantin, die sich zu DDR-Zeiten in ihrer Ost-Berliner Kirchengemeinde engagierte, kam ein Zweites hinzu: Im Bundeskabinett wurde eigens die Frage erörtert, ob die katholische Kirche ihre Ernennung als Affront empfinden könnte. Diese Sorge konnte den Ministern genommen werden, da die Personalie zuvor mit beiden Kirchen abgestimmt worden war.

Mit dem Thema sexueller Missbrauch ist Frau Bergmann seit langer Zeit vertraut: Die Pharmazeutin, die sich vor 1989 der Politik fernhielt und dann, nach dem Eintritt in die SPD, schnell politisch Karriere machte, hatte als Berliner Senatorin für Arbeit und Frauen in der großen Koalition unter Eberhard Diepgen (CDU) und später als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit Opfern sexueller Gewalt zu tun. Noch zu einer Zeit, als Schröder ihr Ressort als „Gedöns“ abqualifizierte, verantwortete sie Projekte zum Schutz vor sexueller Ausbeutung. Missbrauch, das weiß sie, passiert immer noch am häufigsten innerhalb der Familie.

Makel der „doppelten Quote“

Als sie 1998 von Schröder in dessen erste Bundesregierung berufen wurde, musste sie als ostdeutsche Frau mit dem Makel der „doppelten Quote“ leben. Derlei Spötteleien quittierte sie selbstironisch mit dem Hinweis, es sei bedauerlich, nicht mehr jung zu sein. Anders als ihre Nachfolgerinnen Renate Schmidt und Ursula von der Leyen war sie eine Ministerin der leisen Töne; intern galt sie gleichwohl als hartnäckig und selbstbewusst. Nach dem knappen Wahlsieg von Rot-Grün 2002, bei dem sie ihr Direktmandat in Berlin-Marzahn-Hellersdorf an die PDS verlor, teilte sie mit, nicht mehr für ein Regierungsamt zur Verfügung zu stehen. Sie engagierte sich aber weiterhin in der ostdeutschen SPD.

„Es muss alles auf den Tisch“, sagte Frau Bergmann am Freitag, als sich in Berlin der runde Tisch zum Thema Kindesmissbrauch konstituierte. Sie leitet eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. Eine telefonische Hotline, an deren Ende Psychologen, Therapeuten und Pädagogen sitzen, solle helfen, das „Schweigekartell“ aufzubrechen, sagte sie. Die Mutter zweier erwachsener Kinder hat nun eine Aufgabe, in der leise Töne durchaus eine Tugend sind.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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