Home
http://www.faz.net/-gpf-76fei
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rudolf-Vogel-Medaille Kein Nazi-Preis mehr

Die vom Auswärtigen Amt finanzierte „Südosteuropa-Gesellschaft“ (SOG) hat mehr als 20 Jahre lang einen Journalistenpreis vergeben, der nach dem NS-Propagandajournalisten Rudolf Vogel benannt ist.

© picture-alliance/dpa Vergrößern Rudolf Vogel

Die vom Auswärtigen Amt finanzierte „Südosteuropa-Gesellschaft“ (SOG) hat mehr als zwei Jahrzehnte lang einen Journalistenpreis vergeben, der nach dem NS-Propagandajournalisten Rudolf Vogel benannt war. Vogel hatte während des Zweiten Weltkriegs nach Recherchen der F.A.S. massenhaft NS-Propaganda verfasst.

Michael Martens Folgen:

Erst nachdem sich der diesjährige Preisträger wegen der Vergangenheit des Namensgebers geweigert hatte, die Auszeichnung anzunehmen, beschloss das Präsidium der SOG am Freitag in letzter Minute, den Preis umzubenennen. Am Samstag wurde er vergeben.

Bei der feierlichen Preisverleihung in Bochum sagte der Präsident der SOG, Gernot Erler, das Präsidium habe sich „gestern aus gegebenem Anlass mit der Rudolf-Vogel-Medaille, die wir seit vielen Jahrzehnten vergeben, beschäftigt und dabei beschlossen, das künftig nicht mehr in der Verbindung mit diesem Namen zu machen, sondern ab sofort, und zwar schon heute gültig, einen Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft zu vergeben“.

Antisemitische und kriegsverherrlichende Hetzartikel

Über die genauen Gründe für diese Entscheidung sagte Erler auf der Jahreshauptversammlung der SOG nichts. Er wies lediglich auf eine Arbeitsgruppe hin, die untersuchen solle, „inwieweit wir uns intensiv und auch kritisch mit der Geschichte und Vorgeschichte unserer Südosteuropa-Gesellschaft beschäftigen (müssen).“

Auslöser für die Distanzierung von Rudolf Vogel war, dass der in diesem Jahr für die Medaille nominierte Journalist Bedenken angemeldet hatte. Es ist der Schweizer Autor und Historiker Andreas Ernst, der seit Jahren für die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) und deren Sonntagsausgabe aus Belgrad berichtet. Ernst hatte den schon seit sieben Jahren bestehenden Wikipedia-Eintrag zu Vogel gelesen. Darin heißt es über den 1991 verstorbenen Vogel, der früher auch einmal Präsident der SOG war, dieser sei „ein deutscher Journalist, Politiker der CDU und Fluchthelfer für SS-Kriegsverbrecher wie Alois Brunner“ gewesen. Vogel habe zudem antisemitische Propaganda verfasst und sei selbst Mitglied der SS gewesen.

Während Vogel zur Zeit der Judendeportationen aus Thessaloniki tatsächlich in der Stadt lebte, war er nach Recherchen der F.A.S. vermutlich weder Mitglied in der SS noch Fluchthelfer für Brunner, einen der Haupttäter des Holocausts. Der Hinweis auf Vogels NS-Propaganda trifft hingegen zweifelsfrei zu. Bei Akteneinsicht in mehr als einem halben Dutzend deutschen Archiven stieß die F.A.S. auf unzählige antisemitische und kriegsverherrlichende Hetzartikel im Geiste der nationalsozialistischen Propaganda, die Vogel unter anderem als Kriegsberichterstatter des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ verfasst hatte.

Kein Einfluss auf die Arbeit der Gesellschaft

Immer wieder feierte Vogel in seinen Texten Adolf Hitler als „unstreitig größten deutschen Sprecher und Redner“, unter dessen Führung es „niemals wieder eine Kapitulation“ geben dürfe, sondern nur „einen Kampf bis zum Sieg. Wir in Deutschland wissen, was dieses Land und dieses Volk unter der Führung Adolf Hitlers geworden ist, was es erreicht hat und was es noch erreichen kann. Unser Vertrauen auf... unseren Sieg ist ebenso unerschütterlich wie die Treue, die wir in den Führer setzen.“ Zu Beginn des Krieges gegen Frankreich schrieb Vogel 1940: „Endlich!... Nach Monaten einer unerträglichen Spannung wurde die Nation zur Entscheidung aufgerufen.“

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes stellte sich am Samstag hinter die Arbeit der SOG und ihres Vorsitzenden Erler, der auch Staatsminister im Auswärtigen Amt war. Der Sprecher hob aber auch hervor, dass das Amt die Gesellschaft zwar finanziere, aber keinen Einfluss auf deren Entscheidungen habe. Die SOG „wurde und wird vom Auswärtigen Amt seit vielen Jahren als Institution gefördert. Damit war nie ein Einfluss auf die Arbeit der Gesellschaft, die Entscheidungen ihrer Gremien und die von ihr verliehenen Preise verbunden“, sagte er der F.A.S.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
70 Jahre Kriegsende Bonn und der 8. Mai

Im Mai 1985 glänzte Richard von Weizsäcker mit einer großen Rede aus Anlass des Kriegsendes. Durch die damals als sensationell empfundene gesamtdeutsche Konsensformel Tag der Befreiung gerieten Ansprachen anderer Politiker wie Theodor Heuss, Willy Brandt, Walter Scheel und Helmut Kohl in Vergessenheit. Eine Spurensuche. Mehr Von Rainer Blasius

18.05.2015, 16:50 Uhr | Politik
Human Rights Watch Ich hoffe, die Lektionen wurden gelernt

Sportfunktionäre haben großen Einfluss: Wenn die Olympischen Winterspiele 2022 vergeben werden - an China oder Kasachstan - wird sich zeigen, ob das IOC bereit ist, Druck auszuüben. Mehr

29.01.2015, 10:55 Uhr | Sport
Als E-Book veröffentlicht Die verschollene Chronik des FC Bayern

Andere Zeiten, gleiche Sorgen: Der FC Bayern München war schon vor 100 Jahren dem Lokalrivalen 1860 überlegen. Aber internationale Gegner bescherten bittere Niederlagen. Das belegt eine wiederentdeckte Chronik. Mehr Von Daniel Meuren

21.05.2015, 08:27 Uhr | Sport
Prospektbeilagen Prospektbeilagen der F.A.Z. und F.A.S.

Prospektbeilagen der F.A.Z. und F.A.S. Mehr

18.05.2015, 07:46 Uhr | Aktuell
Toni Sailer im Gespräch Wir haben die Musketier-Mentalität

Eine Mischung aus Abenteuerfilm und Science-Fiction mit einer ordentlichen Prise Romantik: Im F.A.S.-Interview spricht Angreifer Marco Toni Sailer über das Darmstädter Fußball-Märchen, die letzten zwei Spiele – und das mögliche ganz große Glück. Mehr Von Alex Westhoff

17.05.2015, 11:31 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.02.2013, 18:04 Uhr

Welche Alternative?

Von Jasper von Altenbockum

Muss man von der Form, in der die Machtkämpfe in der AfD ausgetragen werden, auf den Inhalt schließen? Der Hang zur Destruktivität ist unverkennbar. Mehr 67 40