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Rudolf Seiters im Gespräch „Freiwillige verdrängen keine Arbeitsplätze“

 ·  „Man sollte denen entgegenkommen, die bereit sind, sich zu engagieren“: Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, fordert im Gespräch mit der F.A.Z., die Mittel für den Bundesfreiwilligendienst zu erhöhen.

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Herr Seiters, wird der Bundesfreiwilligendienst ein Jahr nach seiner Einführung ein Opfer seines eigenen Erfolgs? Sie müssen ja schon Bewerber abweisen.

Wir sind glücklich darüber, dass sich der Bundesfreiwilligendienst nach einem holprigen Start gut entwickelt hat. Das zeugt von einem großen bürgerschaftlichen Engagement. Aber es ist traurig, dass wir nicht jedem eine Zusage geben können. Wir haben 2500 Plätze, könnten aber mehr als 5000 besetzen. Das scheitert daran, dass der Bund seine Gelder gedeckelt hat.

Braucht das DRK die zusätzlichen Leute?

Es ist nicht so, dass mit den freiwilligen Plätzen reguläre Arbeitsplätze verdrängt würden. Es handelt sich vielmehr um ein zusätzliches Angebot in der Pflege, im Krankentransport und in anderen Bereichen. Da in der Pflege die Arbeit im Minutentakt vorangeht, ist zusätzliche Zuwendung durch die jungen Menschen etwas sehr Schönes.

Was müsste der Bund nach Ihren Vorstellungen tun?

Ich war lange genug im Bundestag, um zu wissen, dass es haushaltspolitische Zwänge gibt. 2012 müssen wir uns damit einrichten, dass die Gelder gedeckelt wurden. Wir appellieren jedoch dringend an die Abgeordneten, vom Jahr 2013 an die Mittel aufzustocken. Ehrenamtliches Engagement wird in Deutschland immer wichtiger. Der Staat kann nicht alles leisten. Deswegen sollte man denen entgegenkommen, die bereit sind, sich zu engagieren.

Um wie viel Geld geht es?

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund spricht von mindestens 150 Millionen Euro.

Wie viel von dem großen Andrang führen Sie auf die Sonderkonjunktur zurück wegen der Schulzeitverkürzung und des doppelten Abiturjahrganges? Droht da nicht eine Fehlsteuerung, wenn Sie das als Normalfall nehmen?

Das ist sicher ein Sonderfaktor. Doch haben wir unabhängig davon auch beim Freiwilligen Sozialen Jahr, bei dem das Rote Kreuz mit rund 11.000 Stellen bundesweit Marktführer ist, schon länger die Erfahrung gemacht, dass es immer mehr Bewerber als Plätze gibt.

Umstritten war von Anfang an, wer die pädagogische Begleitung besorgt. Muss man hier noch etwas ändern?

Ab nächstem Jahr stehen für die pädagogische Begleitung statt 200 Euro monatlich pro Freiwilligem nur noch 140 Euro zur Verfügung. Davon erhalten unsere Träger 100 Euro, müssen aber statt zehn künftig 20 Seminartage durchführen. Hier ist ein Aufstocken sinnvoll, weil sonst Einschränkungen hingenommen werden müssten. Zweitens muss die Rolle des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben überprüft werden. Das Amt nimmt im Augenblick eine Doppelrolle wahr, die wir nicht für glücklich halten. Es ist zuständig für die Zuerkennung der Stellen und gleichzeitig Anbieter bei mehr als einem Drittel der insgesamt 35.000 BFD-Stellen. Hier wird unnötig eine Konkurrenz aufgebaut zu zivilgesellschaftlichen Organisationen, was dem Subsidiaritätsprinzip widerspricht. Das sollte der Staat den freien Trägern überlassen.

Hängt die Doppelrolle damit zusammen, dass die ehemalige Behörde für Zivildienstleistende sich ihre Existenzberechtigung sichern musste?

Ich will nicht mutmaßen, welche Vorstellungen dahinterstehen. Jedenfalls existiert hier noch eine große Baustelle. Wir hoffen, dass wir das gemeinsam mit dem Bundesministerium, mit dem wir gut zusammenarbeiten, noch verändern können. Grundsätzlich kann man sich natürlich die Frage stellen, ob man die Dienste Freiwilliges Soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst zusammenlegt. Das scheitert im Augenblick daran, dass der eine Dienst in der Zuständigkeit der Länder liegt und der andere in der des Bundes.

Die Länder haben im Bundesrat eine Initiative auf den Weg gebracht, um ihrerseits einen Freiwilligendienst für ältere Menschen zu schaffen. Was halten Sie davon?

Wir begrüßen es, wenn sich ältere Menschen freiwillig und ehrenamtlich engagieren. Wir lehnen diesen Freiwilligendienst für ältere Menschen in der von den Ländern geplanten Form jedoch ab. Dieses Gesetzesvorhaben würde bis zu zwölf Millionen Euro jährlich kosten. Das ginge zu Lasten des regulären Bundesfreiwilligendienstes und damit des bisherigen BFD-Stellenkontingentes. Wir sollten andere Wege finden, um ältere Menschen für freiwilliges Engagement zu gewinnen.

Geld für 35.000 Bundesfreiwillige

Das Deutsche Rote Kreuz hat in den Verhandlungen über die Umformung des Zivildienstes in einen Freiwilligendienst die freien Träger vertreten. Für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) stellt es 2500 Plätze. 19 Prozent sind im Rettungsdienst tätig, 19 Prozent im Krankenhaus und 16 Prozent in Altenpflegeheimen und Sozialstationen. DRK-Präsident Seiters hofft: „Wir wünschen natürlich, dass viele so viel Spaß an der Arbeit finden, dass sie sich für einen sozialen Beruf entscheiden.“

Ein positives Resümee haben auch andere Trägerverbände gezogen wie der Arbeiter-Samariter-Bund, Caritas und Diakonie. Wie Seiters hat auch Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier Defizite in der pädagogischen Begleitung bemängelt und gefordert, den BFD finanziell besser auszustatten, damit mehr Interessenten teilnehmen könnten.

Insgesamt arbeiten ein Jahr nach Einführung des Freiwilligendienstes nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben im Juni 32.008 Bundesfreiwillige in sozialen Einrichtungen, in der Kultur, im Sport oder im Naturschutz. Die Anzahl der abgeschlossenen Verträge liege noch wesentlich höher. Der Staat gibt Geld für insgesamt 35.000 Plätze. Mehr als 9000 Freiwillige haben den Dienst bereits abgeschlossen. Von den durchschnittlich knapp 33.000 Freiwilligen sind mehr als 17.000 männlich, rund 21.000 sind jünger als 27 Jahre. (löw.)

Die Fragen stellte Stephan Löwenstein.

Quelle: F.A.Z.
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